Vitaminrummel – Wer hat`s erfunden ?

Was dem Schüssler-Freak die per Antlitzdiagnose zusammengefuckelte persönliche Hausstaubmischung im Milchzuckerpressling, ist dem Orthomolekular-Anhänger das überdosierte Vitamin. Denn es ist ja mittlerweile bekannt, dass kaum ein modernes Gemüse noch bereit und in der Lage ist,  solcherlei Nährstoffe in sich anzureichern. Dergleichen behaupten jedenfalls die Verfechter der heilsamen Hypervitaminose…

Anhand der Verkaufszahlen von Vitaminpräparaten und vitaminhaltigen Arzneimitteln, kann man davon ausgehen, dass wenigsten 10 Millionen Deutsche regelmäßig Additive zur zwar überreichlich vorhandenen, aber angeblich völlig wertlosen  Nahrung einwerfen.

Dahinter steckt nicht nur die Angst vor Mangelerscheinungen,  unterstützt wird der Trend zur Obstmahlzeit in Pillenform von den vollmundigen Versprechungen der Hersteller: Vitamine sollen gegen zahlreiche Krankheiten vorbeugen oder diese heilen, sei es nun die saisonale Erkältung oder gar Krebs.

 

Dabei kommen wissenschaftliche Studien zu völlig anderen Ergebnissen: Nicht nur enthält, entgegen aller Vorurteile, unsere Nahrung reichlich Vitamine und von einem  kann Mangel keine Rede sein, auch ist mittlerweile mehrfach nachgewiesen,  dass überdosierte Vitamine u.a. das Risiko erhöhen, beispielweise an Krebs zu erkranken.

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Der C-Hype und seine Ursachen

Für das beliebteste aller Vitamine, das Vitamin C, das seit der ungerechtfertigte Adelung durch den Chemiker Linus Pauling die Phantasievorstellungen vom heilsamen Naturstoff beflügelt, haben Studien längst bewiesen,  dass die Einnahme von (künstlichem) Vitamin C  z.B. gegen Erkältungen nichts ausrichten kann. Auch der häufig vorkommende Vitamin-C-Zusatz in Schmerztabletten ist wirkungslos. Von Interesse ist ebenfalls, dass die an einstmals an Schwangere gerichtete Empfehlung der hochdosierten Einnahme wegen des dadurch provozierten  Säuglingsskorbut heute nicht mehr existiert. Der kindliche Organismus war massiv auf Ausscheidung des überdosierten Vitamins eingestellt, und hielt diese Tradition auch nach der Trennung  vom mütterlichen Organismus bei.

Trotzdem fühlen viele Menschen bei einer Erkältung eine vermeintliche Heilwirkung nach der Einnahme von Vitaminpräparaten. Und ein Süßwarenhersteller benutzt schon seit Jahrzehnten die Mär vom gesunden Vitamin, um besorgten Eltern die doppelte Dröhnung an Süßkram als sinnvoll zu suggerieren.

Mit Verstand hat das offenbar nicht viel zu tun. Der Vitamin-Hype basiert jedenfalls nicht auf validen Erkenntnissen, sondern ist ein Paradebeispiel für eine konstruierte soziale Wahrheit,  wie sie der amerikanische Philosoph John Searle in seinem Buch „Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ beschrieb. Dass diese mit naturwissenschaftlich objektivierbaren Realität oft nichts gemein hat, muss kaum erwähnt werden.

Einen sehr nachdrücklichen Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassung liefert der Schweizer Wissenschaftshistoriker Dr. Beat Bächi (1), der in seiner Promotion (2) an der ETH Zürich die Geschichte des künstlichen Vitamin C und die Rolle des Schweizer Pharmakonzerns  Hoffmann-la Roche untersuchte, und dafür von der Schweizerischen Gesellschaft für die Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften mit dem Henry-E.-Sigerist-Preis ausgezeichnet wurde. Basierend auf dieser Arbeit erschien von Bächi im letzten Jahr „Vitamin C für alle! Pharmazeutische Produktion, Vermarktung und Gesundheitspolitik 1933–1953. Chronos, Zürich 2009.

(Ein Interview mit Beat Bächi ist als Podcats derzeit bei DRadio Wissen zu hören.)

Das Buch ist fast schon ein Pflichtlektüre für jeden, der sich für Legendenbildung mittels agressivem Marketing in der Medizin interessiert. Und dabei ist es letztlich egal, ob es sich beispielweise um überflüssige Vitamine aus dem Hause Hoffmann-La Roche oder um wirkstofffreie Milchzuckerpresslinge der Deutschen Homöopathischen Union handelt.

Endnoten

(1) Curriculum vitae Dr. Beat Bächi

(2) “Künstliches Vitamin C: Roche und die Politik eines chemischen Körpers”

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2 Antworten zu Vitaminrummel – Wer hat`s erfunden ?

  1. DocConsult schreibt:

    …es sind nicht 10 Millionen, es sind 30 bis 35 Millionen …

    Ängste??

    Vertrauen Sie etwa der Nahrungsmittelindustrie oder gar der Pharmaindustrie????

    Dann klären Sie sich bitte selbst objektiv auf :-)).

    Viel Erfolg!

  2. Herr Bach schreibt:

    @DocConsult

    Können Sie bitte wenigstens eine objektive Quelle angeben, wo man sich aufklären lassen kann?

    Insbesonders würde mich interessieren aus welchen Quellen zu erfahren ist, dass der gesamten Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie nicht zu vertrauen ist.

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