Beschüßlersches Biodingsbums

Nachdem die letzten Versuche der Validierung Schüßlerscher Bioschelmie (1) in Dachau brutal daneben gingen, haben die Nazis sie tief unter der überall zur Verfügung stehenden Mischung der Beschüßlerchen  Nr. 1 – Nr. 12 vergraben. Dort ruhte sie weitestgehend ungestört, bis sie ein paar minderbegabte zweibeinige Bovinae – mangels Leckstein wohl auf der Suche nach einer anderen Mineralienquelle – wieder freigelegt haben.

Seitdem erfreuen sie sich einer an und für sich unverständlichen Beliebtheit: die leicht verunreinigten Milchzuckerpresslinge aus dem Hause Schüßler.

Beschäftigt man sich allerdings näher mit der hausstaubkontaminierten Lactose, fragt man sich, wie bekloppt jemand sein muss, um auf den Gedanken zu kommen, dass ein paar Mineralstoff-Moleküle aus ´nem Milchzuckertablettchen eine andere Wirkungen haben sollten, wie die in millionfach höherer Menge schon allein beim jedem Hausputz aufgenommenen ?

Nun, wahrscheinlich liegt´s an den Wissenschaften und -schaftlern (pauschal „materialistische Dogmatiker“ tituliert), die sich gegen die Beschüßlersche Bioschelmie aussprechen und schon von jeher ausgesprochen haben.

Denn es gibt, wie die Erfahrungen im Umgang mit den Vertretern der alternativen Heilerie nur allzu gut zeigen, kaum einen besseren Beweis für die absolute Tauglichkeit eines „alternativen Arzneimittels“, als das Wissen, dass sich die Wissenschaft (abwertend als „kalte Schulmedizin“ bezeichnet) gegen ein Verfahren wendet. Sobald die akademisch ausgebildeten Ärzte (abwertend „Schulmediziner“ genannt) so üble Bösartigkeiten wie „mangelnde Logik“, „Unvereinbarkeit mit Naturgesetzen“, oder „fehlende Wirksamkeitsnachweise“ in den Mund nehmen, wir schlagartig klar:

Das Mittel hilft! Heute, schon immer, und gewiss in aller Ewigkeit.

(Randnotiz; Der in diesem Zusammenhang geltende Lehrsatz für den alltäglichen Irrwitz der Alternativheilerei lautet dementsprechend: „Je größer die intellektuellen Zumutungen der jeweiligen Therapie hinsichtlich Ritual und Inhalt, desto intensiver der Glaube an ihre Wirksamkeit.)

Und weil es so gut tut, positive Wirksamkeitsnachweise zu erbringen, hier noch eine paar knallharte Argumente für den zweifelsfreien therapeutischen Nutzen der wilden Dreizehn der „Heißen Sieben“…

Bioschelmie zum Nachrechnen

Eine Substitution von Mineralstoffen bei einem echten Mineralienmangel (2) ist mit Beschüßlerchen

a) kaum möglich,

denn die übliche Dosierung D6 und D 12 bedeuten, dass  z.B. bei Potenz D6 ein einziges, allerdings großzügig bemessenes Gramm Wirkstoff in 1 Tonne Milchzucker zu finden ist, was einem Wirkstoffgehalt von 0,00000025 Gramm je Tablette entspricht. Immerhin.

Nehmen wir das Beispiel Calciumphosphat, das Beschüßlerchen Nr. 2: hier ist der angesprochene Wirkstoff das Mengenelement Calcium, das in verschiedenen Komplexen im menschlichen Körper vorliegt, z.B. als Calciumphosphat, Calciumcitrat, Calciumlactat etc..
Insgesamt findet man im menschlichen Organismus etwa 1 kg Calcium, der größte Teil davon – etwa 99 % – in Knochen und Zähnen. Bedingt durch übliche Stoffwechselvorgänge beträgt der täglich zu substituierende Bedarf rund 1000 mg.

Wollte man diese Menge mit Hilfe von Schüßler-Salzen – sagen wir zur Hälfte – ergänzen, müsste man täglich 2.000.000 Tabletten zu je 250 mg Milchzucker zu sich nehmen. Das sind 500 kg Milchzucker. Wenn ich mich nicht verrechnet habe.

Bei der anderen Potenz, der D12 ist es noch ein wenig grotesker, denn bei D12 ist               1 Gramm Wirkstoff in 1 Million Tonnen (stimmt wirklich) Milchzucker zu finden, was einem Wirkstoffgehalt von 0,00000000000025 Gramm je Tablette entspricht (3).

Auf das Beschüßlerchen Nr. 8 „Natrium chloridicum“ (aka Natriumchlorid, aka Kochsalz) angewendet, bedeutet es im Hinblick auf die notwendige tägliche Zufuhr von etwa 4 Gramm, dass eine 50 % Substitution (natürlich nur hypothetisch) mit der Einnahme von 8.000.000.000.000 Tabletten zu erreichen ist.

Sollte ich mich jetzt um die eine oder andere Null vertan haben, so ist das ziemlich egal. Wenn Sie mir aber solche Nachlässigkeit nicht durchgehen lassen wollen;  probieren Sie es einfach mal mit ein paar hundert Tabletten. Sie werden danach für jede vergessene Null dankbar sein.

b) und auch noch enorm teuer,

denn – das Beispiel hat übrigens „Hema“ vom Ökotest-Forum mal durchgerechnet, ich hab´s einfach nur geklaut – 1 kg Milchzucker (die Tablettenbasis) kostet in einfacher Packung etwa 6 Euro.

Als Schüßler Salze kostet der gleiche Milchzucker mit 0,1 Gew.% des namensgebenden Bestandteils in der Dosierung D3, mit 1 Teil des namensgebenden Bestandteils auf 999.999 Teile Milchzucker in der Dosierung D6 oder mit  1 Teil des namensgebenden Bestandteils auf gerundet 1 Billion Teile Milchzucker in der Dosierung D12 in der aufwendigen „Kleinpackung“ zu maximal 1000 Tabletten á 250 mg zwischen 50 und 100 Euro pro kg. In den kleineren Gebinden wird es noch mal teurer.

Am Beispiel Magnesium durchgespielt:

Die Schüßler-Zubereitungen von der DHU z.B. werden in D3, D6 und D12 angeboten. Pi mal Daumen, also grob gerechnet, heißt das, dass man gerundet 2 handelsübliche Drogerie-Brausetabletten mit Magnesiumcarbonat zu etwa 5 – 10  Cent je Stück, vom Mg-Gehalt her durch 1 kg von den Schüßler D3-Tabletten ersetzen kann. Oder 1 Tonne von der D6. Bei der D12 wirds dann schon lustig: 1 Megatonne…

Oder anders ausgedrückt: die Magnesium-Menge, die Sie in zwei Tabletten aus der Drogerie für 10 Cent bekommen, bekommen Sie über die Schüßler-Salze für etwa 80 Euro in der Dosierung D3, 80.000 Euro in der Dosierung D6, oder – jetzt wirds astronomisch – 80 Milliarden Euro in der Dosierung D12. Dazu addieren sich die nicht unerheblichen Kosten der Lagerhalle für 1 Megatonne Milchzucker.

Ich weiß, Sie wußten das alles bisher nicht, und fragen sich jetzt, wem wir solchen Unsinn zu verdanken haben. Ihnen soll geholfen werden.

b

Der Erfinder der Bioschelmie

Der Spiritus rector, die Vaterfigur aller Gegenwartsbeschüßler, der Oldenburger „Arzt“ Dr. Wilhelm Heinrich Schüßler war ein eher unbegabter Zeitgenosse, und hatte von Biochemie ungefähr soviel Ahnung, wie die geschätzten 1,893 Millionen Verfechter der Beschüßlerchen, die sich so im Internet tummeln. Deswegen hat er ja auch die Bioschelmie erfunden.

1855 promovierte Dr. med Schüßler in Gießen ohne Dissertation, ohne Leistungsnachweis und in Abwesenheit, was erstaunlicherweise an einigen Universitäten damals möglich war.  Das war, da es an den Hochschulen vergangener Zeiten keine einheitliche, staatliche Prüfungsregelungen gab, für den neuen „Doktor“ eine erfreuliche Regelung, und für den Rest der Welt, da die eigentliche Zulassung zum Arztberuf erst durch eine behördliche Entscheidung genehmigt wurde, nicht weiter tragisch.
Eingeschrieben in Gießen war Schüßler vom November 1854 – Februar 1855, also ganze 4 Monate. Sein gesamte Studienzeit betrug, mit Unterbrechungen und vier Universitätswechseln, insgesamt gerade 3 Jahre von  1852 – 1855.

Zur Erlangung der medizinischen Staatsprüfung zur Zulassung als Arzt meldete sich der frischgekürte Dr. med. Schüßler im Herbst 1855 an; und wurde abgelehnt, weil er keine Leistungsnachweise (wie auch?) erbringen konnte. Kurzfristig später startete er einen weiteren Versuch; und wurde prompt wieder abgelehnt, weil er über seine Studienleistungen keine akademischen Zeugnisse vorlegen konnte, und man seiner Versicherung, er hätte Medizin studiert, nicht so recht Glauben schenkte. Eine Entscheidung der Behörde, die man durchaus nachvollziehen kann.

Der nächste Versuch, zur Staatsprüfung zugelassen zu werden, erstreckte sich darauf, dass Schüßler – zum Nachweis der Vorbildung – einen sogenannten Maturitätsnachweis erbringen wollte, und zwar an der Universität Prag, wo er sein letztes Studienjahr verbracht hatte. Zunächst lehnte die Prüfungskammer dieses ab, jedoch nach Bittbriefen an die zuständige Regierung wurde dieses Vorgehen nachfolgend doch genehmigt.

Am 19.8.1856 bat Schüßler den amtierenden Großherzog um die Ermäßigung der Anforderungen zum Maturitätsexamen, da seine Schulkenntnisse nicht ausreichend seien. Schüßler wollte in Mathematik, Geographie, Geschichte und Griechisch nicht streng geprüft werden. Dieses Ansinnen wurde ebenfalls abgelehnt.

Gänzlich unverschämt verlangte man von dem Dr. med. Schüßler nun doch, dass er endlich wenigstens sein Abitur am Gymnasium in Oldenburg ablegen möge, was er 1857 dann auch erledigte.

Nachdem diese Voraussetzung erfüllt war, erhielt er dann die Zulassung zur staatlichen Prüfung als Arzt, bei der er – wie nicht anders zu erwarten war – prompt durchfiel. Da die Prüfungsprotokolle erhalten sind, hier einige Auszüge der Kommentare seiner Prüfer, der Ärzte Kelp und Kindt:

Von den Hülfswissenschaften Chemie und Botanik hat der Examinand nur dürftige Kenntnisse; es scheint derselbe diese Fächer aber flüchtig studiert zu haben. (…) Die Arbeiten des Examinanden sind m. E. sehr mittelmäßig. Seine oberflächliche Bildung, ungründliches Wissen und Urtheil machen sich bemerklich. Ich finde keine Frage gut beantwortet..

Der Prüfer Dr. Rudolph Kindt meinte: Seine manuelle Geschicklichkeit scheint gering zu sein; seine Hände sind linkisch, wie überhaupt sein Körper. In der Untersuchung der Kranken kann ich seine Zuverlässigkeit rühmen. Seine Krankengeschichten sind so dürftig, immer ohne Geist, aber nie entschieden unrichtig

Wenn also Schüßler ein medizinisches Genie war; bei seiner Prüfung ist davon doch recht wenig zu bemerken (4). Um dennoch als „Arzt“ zu arbeiten, hat Schüßler dann nicht, wie angesichts seiner Defizite zu erwarten gewesen wäre, noch ein paar Jahrzehnte weiter studiert, sondern – darauf muss man erst einmal kommen – eine Art Unterschriftenaktion initiiert, die an den Rat der Stadt Oldenburg gerichtet war. Nachdem 309 Oldenburger Bürger sich für Schüßler stark gemacht hatten, erhielt das Genie endlich die Zulassung zum Arztberuf, allerdings unter der Voraussetzung, ausschließlich homöopathisch zu behandeln (5).

 

Gerade diese offensichtliche Begabungslosigkeit Mittelmässigkeit aber ist der finale Beweis für die Wirksamkeit der Bioschelmie nach Schüßler. Denn, das wissen wir doch durch Hahnemann oder den großen versteinerten Rudi, die echten, wirklich wirksamen Heilmittel stammen nur von verkannten Genies, die von der Wissenschaft böswillig diskreditiert werden.

 

Endnoten:

(1) Phlegmonen-Versuche v. a. im KZ Dachau, die den Nachweis erbringen sollten, dass die gegen bakterielle Infektionen wirksamen Sulfonamide durch Schüßlers Salze ersetzt werden könnten.

Quellen:

Mitscherlich A, Mielke F: Wissenschaft ohne Menschlichkeit. Medizinische und eugenische Irrewege unter Diktatur, Bürokratie und Krieg. Verlag Lambrecht
Schneider, Heidelberg, 1949, S.151-156

Klee, Ernst – Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer

(2) Nun liegt ein echter Mineralstoffmangel bei den Beschüßlerchen-Fans in den allermeisten Fällen nicht vor, sondern sie leiden nur an der fixen Idee eines Mineralstoffmangels. Was liegt da näher, diesen nicht vorhandenen Mangel an Mineralstoffen mit nicht vorhandenen Mineralstoffen zu bekämpfen?

Similia similibus currentur. Oder so.

(3) Nur um die Dimensionen des Unsinns zu verdeutlichen: Das beliebte Beschüßlerchen Nr. 8 in D12 entspricht in etwa einem 1/2 Teelöffel Kochsalz verteilt auf  7 Emma Maersk

(4) Die Mär vom blinden Huhn und seinen Körnerfunden ist und bleibt eine Legende.

(5) Offensichtlich bestand schon damals weitgehende Einigkeit darüber, dass es wohl besser – weil sicherer – für den Patienten ist, unbegabte Ärzte mit unwirksamen Arzneien arbeiten zu lassen.   

 

Nachtrag:

Ich auditiere nun seit einiger Zeit Qualitätssicherheit. Seitdem verfolgt mich eine Horror-Vision:

Ich bin bei einem Hersteller von Beschüßlerchen, wir sitzen beim Frühstück. In der Produktionshalle rotieren die Mischbottiche mit Milchzucker. Der Produktionsleiter pellt sein Frühstücksei, und greift gerade, zum Zwecke des Würzens, zum Salzstreuer, hat mit einem Mal einen sehr nachdenklichen Ausdruck im Gesicht, springt dann plötzlich erschrocken auf, rast mit dem Salzstreuer in die Halle, schüttelt den einmal über einem Mischbottisch mit einer Tonne Lactose, und kommt zufrieden, mit dem Satz auf den Lippen, zurück: „So, jetzt wirkt´s !“

Und ich; ich müsste dann ein Häkchen auf meiner Check-Liste machen.

Ist das nicht furchtbar?

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8 Antworten zu Beschüßlersches Biodingsbums

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  6. Schüsslerausdemgrab schreibt:

    ich sage nur: Du bist ein Vollidiot und Arschloch…

    • excanwahn schreibt:

      Kennen wir uns, das Sie mich so einfach Duzen? Wohl eher nicht.
      Wenn Sie schon herumpöbeln, bleiben Sie wenigstens höflich!
      Es heißt „Sie sind ein Vollidiot und Arschloch…“

      Ansonsten sind Ihre Argumente natürlich hervorragend, zumindest die, die nach den … hätten gelesen werden können. Leider haben Sie die nicht übermittelt. Aber sowas kann mitten in der Nacht schon mal passieren, wenn´s Gehirn längst schläft.
      Also, einfach noch den Rest nachsenden.

  7. Jürgen schreibt:

    Lange ist es her, aber ich sondere trotzdem noch was ab
    Voraussetzung der Nutzung des Hirns sind:
    a: Vorhandensein desselbigen (in nicht berauschtem Zustand),
    b: Bereitschaft (in nicht berauschtem Zustand)

    Ansonsten ist der Beitrag zwar ein paar Jahre alt, aber auf ewig jung und aktuell
    Nett und originell geschrieben
    Hat was

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