„Would you know my name…

…if I saw you in heaven ?“,  ist die Anfangszeile des wohl persönlichsten Songs Eric Claptons, in dem er den Tod seines Sohns betrauert.

Auch andere Künstler versuchen Verluste durch Kreativität zu verarbeiten, wie zum Beispiel der deutsche Dichter Friedrich Rückert (1788-1866). Er verlor zwei seiner sechs Kinder durch Scharlach, und schrieb zur Aufarbeitung über 400 (!) Gedichte, die sogenannten „Kindertotenlieder“. Eindrücklicher kann man die Trauer von Eltern wohl kaum beschreiben.

Fünf dieser Gedichte wurden von Gustav Mahler zwischen 1901 und 1904 für Singstimme und Orchester vertont. Der Komponist, Dirigent, und langjähriger Leiter der Wiener Hofoper, verlor ebenfalls sechs seiner elf Geschwister, und musste als Vater den Verlust einer Tochter beklagen, die 1907, zwei Jahre nach der Uraufführung der Kindertotenlieder, im Alter von fünf Jahren an Diphtherie starb.

Ich selbst habe einen Bruder verloren, der in den frühen 1960er Jahren im Alter von 7 Monaten starb. Heute, als 50jähriger, erinnere ich mich noch immer an das Leid meiner Mutter, die über den Tod ihres letzten Kindes nie richtig hinweg gekommen ist.

Als Zivildienstleistender habe ich die 2 Jahre meines Zivildienstes gegen Ende der 1970er Jahre in einer Einrichtung für Schwerstbehinderte absolviert. Für einen erheblicher Teil der dort betreuten Kinder und Jugendlichen war ihr Leben schon vorbei war, bevor es richtig begonnen hatte. Sie hatten u.a. erworbene Hirnschäden, regelmässig aufgrund zu später oder falscher Therapien diverser Infektionserkrankungen, regelmässig wegen fehlendem Impfschutz.

Ich bin seit einigen Tagen in Portugal, und war am Wochenende in Lissabon. Dort gibt es eine Totenstadt, „Cemitério dos Prazeres“ (1) . Ein Friedhof, der so ganz anders ist, als die, die wir in Deutschland kennen. Dort werden die Särge der Verstorbenen eine Familien – oft über mehrere Generationen hinweg – nicht in der Erde bestattet, sondern in kleinen Mausoleen aufgebahrt.

Altes Mausoleum, Cemitério dos Prazeres

Wenn man sich die Zeit nimmt, in einige der üblicherweise mit einer gläsernern Tür versehen Häuschen zu schauen, wird man – vor allen in den älteren Gebäuden – Kindersärge sehen, oft mehrere, meist in unterschiedlichen Formaten, nicht selten kaum größer als Schuhkartons.

Jeder dieser viele  Jahrzehnte alte Särge ist eine eindrückliche Mahnung, sich bewußt zu werden, dass die moderne Medizin – besonders durch Infektionsprophylaxe und die antibiotische Therapie – hochwirksame Wege gefunden hat, die Kindersterblichkeit zu reduzieren.

Lag die Sterblichkeitsrate etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts bei 25-35 % eines Jahrgangs, beträgt diese heute 0,3 – 0,4 %  (BRD 2006, 3,8 Todesfälle auf 1000 Lebendgeburten).

Nur zum Vergleich: In Afrika lag die Todesrate 2003 bei 171 je 1000 Geburten, in Südostasien bei 78 je 1000 Geburten. Jeweils mehr als 50% der Todesfälle wurden dabei durch Infektionskrankheit verursacht.

Die enorme Verbesserung der Chancen eines Kindes, das Erwachsenenalter zu erreichen, ist in erster Linie auf drei Faktoren zurück zu führen: Auf eine deutliche Verbesserung des Wohlstandes der Bevölkerung, auf hohe soziale und hygienische Standards, und vor allem, auf eine leistungsfähige Kinderheilkunde.

Eines der mächtigsten Mittel gegen Krankheit, Behinderung und Tod im Kindesalter ist die Impfung. Impfen ist eine der am besten untersuchten Vorgehensweisen der Medizin. Es gibt riesige Datenmengen und eine enorme Anzahl von wissenschaflichen Untersuchungen, die den Erfolg (2) dieser Maßnahme belegen.

Und es gibt kein Zweifel: Impfen schützt (Kinder)Leben!

Jedoch gerade dieser vorbeugende Schutz, der Millionen Menschenleben gerettet hat, wird derzeit durch eine kleine Gruppe von verantwortungslosen Ideologen (3) massiv diskreditiert, die gezielt falsche Informationen streuen, um gerade bei jungen Eltern Ängste zu erzeugen.

So müssen wir uns in Deutschland derzeit mit solchen Meldungen auseinander setzen, wie sie zum Jahresbeginn 2009 im „Deutschen Ärzteblatt“ zu lesen war:

Impfmüdigkeit in Europa: Masern auf dem Vormarsch

Kopenhagen – Deutschland gehört zu den fünf Masernhochburgen in Europa, auf die einer Studie im Lancet (2009; doi: 10.1016/S0140-6736(08)61849-8) zufolge 85 Prozent aller Masernerkrankungen entfallen. Die verbreitete Impfmüdigkeit in der Bevölkerung verhindert, dass das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Europa bis 2010 von den Masern zu befreien, noch erreicht werden kann. (4)

Besonders aktiv in Sachen Impfgegnerschaft sind – abgesehen von einigen fragwürdigen Gestalten, deren Argumentation allerhöchstens eine ausgewachsene Paranoia reflektieren – vor allem Anthroposophen und die Homöopathen.

Während die Homöopathen mit dem geistigen Erbe ihres Begründers Hahnemann leben müssen, der, wie auch alle anderen seiner Zeitgenossen vor rund 250 Jahren, nur sehr geringe Kenntnisse über die Bedeutung pathogener Mikroorganismen bei der Entstehung von Krankheiten hatte, liegt bei den Anthroposophen die Sache ein wenig anders: Sie verkünden ein Krankheitsverständnis, dass auf okkulten Vorstellungen beruht.

Wie bedenklich die kruden Vorstellung der Anthroposophie sind, zeigt sich an solchen Verhaltenweisen wie der Impfverweigerung im Umfeld der Waldorfschulen und -kindergärten. Hier wird ausschließlich aus ideologischen Gründen Kindern eine der wichtigsten medizinischen Vorsorgemaßnahme vorenthalten.

Dies hat zwangsläufig Folgen: In den letzten Jahren kam es in Schulen und Kindergärten, die von Anthroposophen betrieben werden, beispielweise immer wieder zu epidemischen Ausbrüchen von Infektionskrankheiten wie der Masern, deren Gefahrenpotential heute außer Zweifel steht, denkt man nur an die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), die immer tödliche Spätfolge einer Maserinfektion(5) .

Anthroposophisches Karma-Geschwall…

Nicht nur die Leute von Esowatch/Esoblog (3) meinen, dass die Absurditäten der  „Anthroposophischer Medizin“ auf die  mythisch-verklärte anthroposophische Ideologie in Verbindung mit der Idee von Karma und Reinkarnation zurück zuführen sind, die Rudolf Steiners ekklektizistischem Weltanschauungs-Wirrwar bestimmt.

Um es ganz knapp darzustellen: Man ist bei Anthroposophens  der Ansicht, dass Krankheit biographisch bedeutendes Schicksal ist, und man höheren Idealen nicht im Wege stehen darf: Wer z.B. an Masern stirbt, hat umso früher Gelegenheit, sich im nächsten Leben endlich zu verbessern.

Wesentlich ist also für die Impfverweigerung das absurde Krankheitsverständnis der  „Anthroposophischen Medizin“, in dem sich die schon weiter oben angesprochenen esoterisch-okkulten Sichtweisen darstellen. Zentrale Ursachen für Erkrankungen sind immer auch im Karma zu finden. Die Wurzel einer Krankheit kann im vergangenen Erdenleben liegen. Da Karma aus der Vergangenheit wirkt, sind Ärzte gegen bestimmte Schicksalsbestimmung machtlos.

Ganz nebenbei finden wir hier die übliche Immunisierungsstrategie alternativer Quacksalber: Durch die Macht eines „schlechten Karmas“ lässt  sich jede Kritik an unwirksamen Verfahren ausgehebeln.  Wenn das Verfahren nicht hilft, hat eben das Karma (und letztlich der Patient) die Schuld; nicht das Verfahren oder der Therapeut.

Nach den Vorstellungen der Hardcore-Anthros ist die gegenwärtige Biographie eines Menschen eben das Ergebnis karmisch wirksamen Verhaltens in früheren Leben, wirkt aber genau so auch karmisch auf die nächsten Leben.Krankheiten können nach anthroposophischer Vorstellung Folgeerscheinungen von Fehlverhalten in früheren Leben sein und dazu dienen, alte Schuld abzutragen, oder sie bereiten auf die nächste „Wiedergeburt“ vor.
Also ist der kranke Mensch immer auch schuldig an seinem Zustand, und Schuld ist dabei das, was Rudolf Steiner zur Schuld erklärt hat. Es gibt von Steiner aufgestellte Schuldeslisten. Anhand dieser Listen kann sich der anthroposophische Arzt orientieren, welches Karma er denn nun gerade vor sich hat, und welche Maßnahmen die Erfüllung dieses Karmas unterstützen.

Typisch in diesem Zusammenhang ist auch die Auffassung von Leid und Schmerz. Nach Steiner erzeugt das Erleben von Krankheit und dem damit verbundenem Schmerz den Antrieb, das in früheren Leben Versäumte nachzuholen, auch wenn dies in diesem Leben nicht mehr möglich ist. Man nimmt es als starken Impuls mit in das nächste Leben. Dort erscheint es dann als Fähigkeit, das Versäumte nachzuholen, das heißt unter Umständen als Begabung, dies zu lernen.

Krankheit bedeutet also „Prüfung“: Wer sie übersteht, ist stark genug fürs Leben, wer nicht, um den ist es auch nicht schade.

Purer Zynismus, dummer Fatalismus oder  Immunisierung gegen Kritik ?

Es ist schwer, die Motive der Anthroposophie-Gläubigen zu durchschauen. Aber letztlich ist es egal, welche kognitiven Defizite schwerer wiegen, denn man muss, mit Blick auf die Folgen für Dritte,  so eine Einstellung heutzutage nur noch als zutiefst antihumanistisch werten, als eine grausame ideologische Doktrin.

Ich finde es deshalb  äußerst bedenklich, wenn ein Kinderarzt, Dr. Stefan Schmidt-Roske vom anthroposophischem Krankenhaus Berlin-Havelhöhe – ohne berufliche Konsequenzen befürchten zu müssen – feststellt:

„Die Anthroposophische Medizin fasst die Masern als eine Krankheit auf, die auf eine gesamte Biographie bezogen, durchaus sinnhafte Wirkung haben können (…)“

Während, wie schon weiter oben angesprochen, die WHO und viele andere Länder dieser Welt sich intensiv bemühen, diese Krankheit, die weltweit immer noch für hunderttausende Todesfälle unter Kindern verantwortlich ist, durch umfänglichen Impfschutz zu eliminieren, denken deutsche Anthroposophen darüber nach, ob Masern für die Biographie eines Menschen nicht „sinnhaft“ sind.

Welch´ ein Irrsin.

Dünne Argumentation !

Aber trotz aller lautstarken Demagogie der Impfgegner, die vorgebrachten Argumente sind schwach bis lächerlich.

Hinter dem Deckmäntelchen der kritischen Auseinandersetzung, die mit passendem Vokabular unterlegt wird – Nachdenken, guter Wille, Sachlichkeit, individuelle Entscheidung etc. – steckt in Wirklichkeit eine Geisteshaltung, die alles andere als eine sachliche Auseinandersetzung will.

Ganz im Gegenteil: Impfgegner versuchen, unter dem Deckmäntelchen vermeindlicher  Wissenschaft und angeblicher Aufklärung versteckt, eine okkult-esoterische, irrationale Überzeugung unters verängstigte Volk zu bringen.

Sie manipulieren und desinformieren, nicht selten lügen sie ganz bewußt. Zwar wird gebetsmühlenartig wiederholt, man möge sich doch selbst informieren, im Grunde heißt das aber, dass man nur und ausschließlich ihnen Glauben zu schenken hat,  und eben nicht der Wissenschaftsmedizin  (die ohnehin durch die Pharmakonzerne gekauft wurde).

In diesem Zusammenhang: Dass Impfungen wegen der wirtschaftlichen Interessen der Pharmakonzern betrieben werden würden, ist schon deswegen Blödsinn, weil die Kosten für Impfungen wesentlich geringer sind, als die Kosten der Medikamente für die Behandlungen von schweren Erkrankungen, geschweige denn für die einer möglicherweise lebenslangen Behinderung.

Das wesentliche Argument gegen die Theorie des Phamarlobbyismus ist aber, dass es durch eine konsequente Durchimpfung gelingen kann, Krankheiten auszurotten. Und was schon mit den Pocken gelungen ist, strebt die Weltgesundheitsorganisation nun mit den Masern an; und wundert sich über die schwachsinnigen Deutschen, die ein paar Irren aus dem Internet Glauben schenken.

Aber auch, wenn es nicht gelingt eine Krankheit ganz auszurotten: Durch eine hohe Durchimpfungsrate werden auch die Menschen geschützt, die nicht immunisert werden können, aus welchen Gründen auch immer. Impfen kann deshalb keine idividuelle Entscheidung, sondern muss eine gesellschaftliche Verpflichtung sein.

Und es muss ganz deutlich gesagt werden: Eltern, die ihren Kindern aus ideologischen Gründen Impfungen verweigern, treffen egoistische Entscheidung, deren Konsequenzen nicht nur sie, sondern primär ihre Kinder tragen müssen; und eben auch die Kinder anderer Eltern.

Wer allerding sich seiner Verantwortung bewußt ist, für den gibt es tatsächlich genügen Quellen, die über Impfungen und Epidemiologie ausführlich und neutral informieren.

Man sollte deswegen der Forderung der Impfgegener nach sachlicher Information (6) dringend nachkommen.

(1) http://www.portugal-reiseinfo.de/lissabon/sightseeing/images/cemiterio_do_prazeres.jpg

(2) http://www.kindergesundheit-info.de/596.0.html

(3) Informationen zu Impfgegnern / Impfskeptikern

http://www.youtube.com/watch?v=YaGFAgeLjTY

http://www.novo-magazin.de/64/novo6436.htm

http://www.impfinformationen.de/pdf/Impfgegner_Maurer.pdf

http://esowatch.com/index.php?title=Impfgegner

(4) http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=34957

(5) http://www.impfinformationen.de/startseite/ueber-impfungen/masernfolge-sspe.html

(6) Neutrale Informationen zum Thema „Impfen“:

http://www.pei.de/cln_109/nn_158122/DE/home/de-node.html?__nnn=true

http://www.rki.de/cln_100/DE/Content/Infekt/Impfen/impfen__node.html?__nnn=true

http://dgk.de/gesundheit/impfen-infektionskrankheiten.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Impfung

http://www.pflegewiki.de/wiki/Impfung

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Eine Antwort zu „Would you know my name…

  1. Andreas Lichte schreibt:

    Hallo,

    „Scienceblogs“ beschäftigen sich immer wieder mit dem Thema „Impfen“, z.B. Tobias Maier, „Weitergen“, siehe:

    http://www.scienceblogs.de/weitergen/2008/04/masernepidemie-in-osterreich.php

    „Masernepidemie durch Anthroposophie“

    Kurzzusammenfassung, einschliesslich der Kommentare: Masern werden von Waldorfschule zu Waldorfschule übertragen.

    Bei „Weitergen“ auch zahlreiche aktuelle Artikel zur Schweinegrippe. Dort massives Auftreten von Impfgegnern in den Kommentaren, lesen und staunen …

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