Kotzbrocken reloaded

ARD / Report München 18.01.2010

Susanne verlor den Kampf gegen den Krebs am Heiligen Abend, letzten Jahres.

Sie starb hier im Allgäu auf einem abgelegenen Gehöft nahe Altusried. Das Kind durfte nur 12 Jahre alt werden, obwohl die Prognosen der Universitätskliniken die Heilungschancen ursprünglich bei 60 bis 70 Prozent sahen.

Aber die Behandlung wurde auf Anraten des obskuren Krebsheilers Ryke Geerd Hamer abgebrochen.

Laut Hamer war Susanne gar nicht krank. Mit 4 Gutachten mischte sich der Begründer der Germanischen Neuen Medizin, von seinem Exil in Norwegen in die Behandlung des in Wahrheit schwerkranken Kindes. Hamer, hier bei einer Gerichtsverhandlung 1997 in Köln, saß in Deutschland und in Frankreich im Gefängnis wegen Betruges, unterlassener Hilfeleistung und der illegalen Ausübung medizinischer Tätigkeit. Europaweites Aufsehen erregte der Fall Olivia Pilhar. Hamer flüchtete mit dem krebskranken Kind und den Eltern quer durch Europa. Das Mädchen wurde auf Veranlassung der österreichischen Behörden operiert und ist heute vollkommen gesund. Auch im Allgäu im Fall Susanne wurden Jugendamt, Landratsamt und Familiengericht tätig. Doch für Susanne kam diese Hilfe zu spät.

Andreas Kaenders, Landratsamt Oberallgäu: „Was wir tun konnten, haben wir getan, in der uns zur Verfügung stehenden Zeit. Und in diesem Rahmen haben wir, wie gesagt, die medizinische Versorgung des Mädchen soweit es eben möglich war, zu diesem Zeitpunkt sichergestellt.“

Doch bis die Ämter die Gesundheitsfürsorge übernommen hatten, war das unbehandelte Krebsgeschwür schon zu groß gewachsen.
Weil Hamer den Fall samt allen medizinischen Gutachten im Internet öffentlich gemacht hat, nimmt auch die Universitätsklinik Ulm vor unserer Kamera Stellung.

Prof. Dr. Daniel Steinbach, Universitätsklinik Ulm: „Die meisten Kinder, die wir mit so einem Tumor in so einem Stadium behandeln, die werden gesund und bleiben gesund und das wäre wahrscheinlich auch für diese Patientin möglich gewesen.“

Hamer hat das Kind nie gesehen nur zweimal mit Susanne telefoniert, trotzdem stellte er folgende Ferndiagnose: „Nie würde jemand wagen, ein jüdisches Kind zur Chemo zwingen. Es besteht zur Zeit überhaupt kein aktueller Handlungsbedarf.“

Wirre antisemitische Äußerungen sind typisch für Hamer. Wegen Volksverhetzung ermittelt die Staatsanwaltschaft Göttingen gegen ihn. Wir stöbern den Begründer der Germanischen Neuen Medizin in Norwegen auf. Er erklärt sich zu einem Treffen in einem Hotel bereit. Seine Bedingung: Das Interview wird von seiner Mitarbeiterin gefilmt. Wir wollen wissen: Warum musste Susanne sterben.

Ryke Geerd Hamer, Arzt ohne Approbation: „Alle, die ganze Familie vermutet, dass sie einen Chip gekriegt hat.“
report MÜNCHEN„Was meinen Sie mit einem Chip gekriegt?“
Ryke Geerd Hamer:Diese Chips, die werden in die Kanüle vorne eingesetzt. Die Kanüle hat einen Durchmesser von 0,3 Millimeter und da können sie so einen Chip einsetzen, beliebig lang einen Millimeter oder zwei je nach dem. Und der hat dann also Giftkammern und da ist ja ein Patent angemeldet sogar und die können sie dann beliebig, per Satellit auslösen. Und denn ist er tot.“

Wer sich auf die Ideen Ryke Geerd Hamers einlässt, muss sich auf erstaunliche Erklärungen gefasst machen und bezahlt manchmal mit dem Leben, wie Heinz-Dieter Schlömer. Seine Frau erzählt, der Darmtumor sei relativ klein gewesen. Auf Anraten Hamers blieb der Tumor knapp 3 Jahre unbehandelt und wog am Ende 4 Kilo.

Wera Schlömer: „Die Germanische Neue Medizin ist ein Weg zur Hölle, zum Tod, zum Siechtum. Es ist einfach irreführend und bringt die Menschen dazu, zu etwas zu neigen, was absolut nicht der Wahrheit entspricht. Sie führt zum Tod unweigerlich.“

Ryke Geerd Hamer, Arzt ohne Approbation: „Wenn da wirklich hundert bei mir gestorben wären, die vorher schulmedizinisch vorbehandelt waren. Das wäre gar nichts.“
report MÜNCHEN: „Nein, der war nicht schulmedizinisch vorbehandelt, der hat gleich auf Sie gehört. Der ist gestorben.“
Ryke Geerd Hamer: „Den hab ich aber gar nicht gekannt.“
report MÜNCHEN: „Doch den haben Sie gekannt, der war in Spanien auch bei Ihren Vorträgen.“
Ryke Geerd Hamer: „Ja, weiß ich nicht. Also, ich kann auch nicht jeden retten. Der Patient hat auch das Recht zu entscheiden, was er will.“

Über eine Stunde diskutieren wir mit Hamer. Er erklärt, es gebe keinen HI-Virus, Aids sei nur eine Allergie und immer wieder kommt er auf sein Lieblingsthema: Die Juden wollten mit der Chemotherapie die Nichtjuden vernichten.

Ryke Geerd Hamer, Arzt ohne Approbation: Übrigens in Deutschland kriegt kein Jude Chemo. Kein Jude kriegt Chemo. Das wollen wir auch festhalten. Und die allermeisten Onkologen gehören dieser Glaubensgemeinschaft an. Sie behandeln ihre jüdischen Patienten ohne Chemo und die nicht-jüdischen mit Chemo.“

Hamer hat nach eigenen Angaben über 100 000 Anhänger. Allein in Bayern gibt es ständig Vorträge, Seminare und Stammtische. Scharenweise strömen vor allem Krebskranke zu diesen Veranstaltungen. Am Freitag kamen knapp 70 Menschen nach Oberhaching, um einen Vortrag der Germanischen Neuen Medizin zu hören. Unsere Kamera ist im Vortragssaal nicht erwünscht.

Eine Besucherin: „Sind Sie von der Kriminalpolizei? Dieser Hamer wird ja ganz schön verfolgt, nicht dass ich dann ins Gefängnis komme.“
Eine andere Besucherin: „Es ist nur zufällig so, dass die Juden wie man lesen kann, eben das anwenden und dass da keiner Krebs hat.“
Eine weitere Besucherin: „Ich mische Medizin und Politik nicht.“

Auch im Allgäu sind Susannes Eltern mit der Lehre Hamers in Berührung gekommen und haben entschieden die medizinische Behandlung ihres Kindes abzubrechen. Fühlt Hamer sich verantwortlich für Susannes Tod? Kann er Schuld bei sich erkennen, weil seine Diagnose falsch war?

Ryke Geerd Hamer: „Ich habe keine Schuld dabei gar nicht, absolut nicht. Sondern keiner weiß, wer das gemacht hat.“
report MÜNCHEN: „Das Mädchen abgeschaltet?“
Ryke Geerd Hamer: „Man könnte das vermuten.“

Wir brechen das Gespräch mit Hamer ab. Er behauptet Dinge, die einfach nicht stimmen. Denn es gibt auch in Israel Chemotherapie und selbstverständlich sterben dort auch Menschen an Krebs. Ein alter uneinsichtiger Mann macht sich auf den Heimweg. Unverständlich bleibt für uns, wieso so viele Menschen ausgerechnet diesem Mann und seiner Medizinsekte im Augenblick ihrer größten Not vertrauen.

Tja, es gibt wirklich Momente, da wird die Frage, was man machen würde, wäre man denn an der Stelle des Reporters, zu einem Rechenexempel: Wieviele Jahre bekomme ich bei guter Führung, wenn ich jetzt angemessen reagiere?

…………….

Aber für andere Zeitgenossen sind die Theorien dieses suspekten Subjekts einfach zu interessant und zum Teil nachprüfbar, um sie einfach so zu verteufeln und zu verbannen.

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