Autismus kein Impfschaden ! „The Lancet“ zieht Wakefield-Studie zurück

Hätte nicht „The Lancet“ vor wenigen Tagen  – und nach einem Jahrzehnt Kritik – die Wakefield-Studie zum Impfschaden-Autismus endgültig zurück gezogen, und damit einen Anlass gegeben, sich wieder mit der Thematik zu beschäftigen,  wäre dieser Beitrag wenigsten 5 Jahre zu spät geschrieben worden. Denn spätestens seit 2004 war nämlich klar, dass die Wakefield-Studie das Papier nicht wert war, auf dem sie geschrieben wurde…

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Um was geht´s ?

Das wohl populärste Horror-Szenario der Impfkritiker-Szene, dass der bevorzugten Opfergruppe der Impfgegner – jungen Eltern – permanent eingeflüstert wird, war und ist immer noch die Hypothese des Britischen Gastroentereologen Andrew Wakefield

Andrew Wakefield veröffentlichte 1998 eine Studie in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“, in welcher er u.a. eine Verbindungen zwischen Autismus und einer vorhergegangen Impfungen (MMR) aufzeigte.

Der Mediziner wollte durch die Begutachtung einer Gruppe von acht autistischen Kindern (zwölf Kinder insgesamt), deren Symptome kurz nach einer Masern-Mumps-Röteln-Impfung aufgetreten waren, festgestellt haben, dass die MMR-Impfung Autismus (und andere Erkrankungen) begünstigt.

Im Lager der Impfgegner, die zwar häufig religiöse und weltanschauliche Positionen, aber eben kaum medizinische Fakten zur Begründung ihrer kritischen Haltung vorweisen konnten, war die Studie natürlich die langersehnte wissenschaftliche Legitimation für ihren Irrationalismus. Bedeutsam in etwa, wie es die (geschrottete) Studie Jacques Benvenistes zum „Wassergedächtnis“ oder die (geschrottete) „Belladonna-Studie“ der Leipziger Pharmakologen  für die Homöopathen war.    

In Großbritannien reagierten die Eltern nach der Veröffentlichung und als Folge der Diskussion in den Medien prompt, und die Impfquoten verringerten sich ganz erheblich.

(In diesem Zusammenhang sollte man sich die Frage stellen, wie viele unnötig erkrankte Kinder Andrew Wakefield wohl direkt oder indirekt zu verantworten hat ? )

Inzwischen ist Wakefield mehrfach widerlegt: 2002 verglichen im angesehenen New England Journal (Vol. 347, S.1477, November 7, 2002) Wissenschaftler die Zahl der Autismusfälle unter 440 000 geimpften und 97 000 ungeimpften Kindern. (Zur Erinnerung: Wakefield hat mit 12 Fällen ! seinen Verdacht begründet.) Es konnte keine Spur des von Wakefield postulierten Zusammenhangs entdecken werden.

Die von Wakefield als Erklärung für die behaupteten Krankheitszustände konstruierte Mechanismus, nachdem die MMR-Impfung zu einer Entzündung des Darms führe, der wiederum die Gefäße für bestimmte Peptide (Eiweißstoffe) durchlässig mache, so dass sie ins Gehirn gelangen können und dort zum Autismus führen würden, ist in keiner Weise haltbar. (Ärzteblatt 04.02.2010)

Die ebenfalls als Begründung in Feld geführte Hypothese, dass der Konservierungsstoff Thiomersal Ursache der Autismus-Erkrankung sei, ist – so schreibt das „Ärzteblatt“ weiter – wird von Dr. Jeffrey Gerber und Dr. Paul Offit vom Kinderkrankenhaus Philadelphia widerlegt. Erstens habe keine Studie dazu einen Zusammenhang nahegelegt. Zweitens sind die Symptome von Autismus und die einer Quecksilbervergiftung völlig anders.

Und drittens hat eine dänische Studie ergeben: Die Inzidenz von Autismus in Dänemark ist von 1990 bis 2000 deutlich gestiegen, obwohl in dieser Zeit Thiomersal fast vollständig aus Impfstoffen entfernt wurde. (Anmerkung: Wie in vielen anderen Fällen lassen sich aussergewöhnliche Zuwachsraten einer Krankheit auf Änderungen der Diagnose-Kriterien zurückführen: Stichwort ICD )

Als ob das alles noch nicht reichen würde, wurden im Zusammenhang mit der Studie weiter Ungereimtheiten aufgedeckt: Andrew Wakefield wurde nach einem Urteil der britischen Ärztekammer (General Medical Council), unethisches Verhalten bei der Anfertigung der Studie nachgewiesen. 

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Bad science, bad intentions…

Bei elf Kindern wurden invasive Untersuchungen durchgeführt, ohne dass dies medizinisch notwendig gewesen wäre oder eine Ethikkommission die Versuche erlaubt hätte. Unter anderem mussten sie eine Lumbalpunktion über sich ergehen lassen, bei der eine Nadel im Bereich der Lendenwirbel in den Rückenmarkskanal gestochen wird, um von dort Flüssigkeit zu entnehmen.

Zudem hielt der Mediziner seit 1997 ein Patent auf einen angeblich  sicheren Masern-Impfstoff, der als Alternative für die kombinierte Impfung gegen Mumps, Masern und Rötel infrage gekommen wäre. Dass hätte Wakefield dem „Lancet“ zumindest mitteilen müssen. Und es lässt seine Schlussfolgerung, dass der MMR-Impfstoff durch besser verträgliche Mittel, die in größerem zeitlichen Abstand verabreicht werden sollen, in einem anderen Licht erscheinen.

Schon vor der Ärztekammer-Untersuchung deckten britische Journalisten seltsame Verstrickungen auf:

Gelder für seine Studie wurden von einer Anwaltskanzlei organisiert, die eine Schadensersatzklage potenziell betroffener Eltern gegen die Impfstoffhersteller plante. Und als wäre das alles noch nicht genug, stimmen die in der Studie präsentierten Daten in den meisten Fällen nicht: Bei den meisten Kindern traten die gesundheitlichen Probleme nicht kurz nach der Impfung auf, sondern häufig schon davor. (Stern, 04.02.2010)

Und letztlich – völlig unabhängig vom Wakefield-Skandal – ist es mittlerweile unbestritten, dass Autismus genetische Ursachen hat.

Das alles sollten nicht nur Fachleute wie Kinderärzte, Epidemiologen oder Psychiater/Psychologen wissen, die Eltern bei der Impfentscheidung beraten, es sollte auch Eltern, die sich kritisch mit der Impfprophylaxe auseinander setzen, bekannt sein.

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Die Bilanz des Skandals: Tote Kinder und eine „Urban Legend“

 Wie schon oben angesprochen, sanken aufgrund der Wakefield-Studie die Impfraten in Großbritannien von über 9o Prozent auf  einen Tiefstand von 79 Prozent. Und in 2006 kam es erstmals nach 14 Jahren wieder zu einem Todesfall durch Masern. 

Auch in Deutschland werden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur etwa 80 Prozent der Kleinkinder geimpft.

Dabei war es das ursprüngliche Ziel der WHO, in Europa die Masern bis 2010 ausgerottet zu haben. Doch dieses Ansinnen ist gescheitert, wofür die WHO vor allem zwei Gründe verantworlicht macht:

Zum einen würden viele Menschen die Krankheit verharmlosen – dabei kommt es bei rund einem Viertel der Erkrankten zu Komplikationen. Meistens handelt es sich zwar nur um Durchfall oder behandelbare Entzündungen. Doch auch gefährliche Entzündungen der Hirnhaut oder des Gehirns können auftreten. Nach WHO-Angaben sterben weltweit täglich rund 450 Menschen, meist Kinder unter fünf Jahren, an Masern. In Nordrhein-Westfalen kam es 2006 zu einer Masernepidemie, bei der zwei Kinder starben.

Zum anderen führen Impfkritiker Wakefields These vom Autismus ins Feld und sorgen so für Verunsicherung und Verängstigung der Eltern.

Bei einer Befragung der Eltern durch das RKI gaben 16,8 Prozent an, dass der Haus- oder Kinderarzt von der Impfung abgeraten hat. Jedoch 25 Prozent der Eltern würden die Impfungen (zumeist aus Angst vor Nebenwirkungen) ablehnen.  

Und wie tief diese „Urban Legend“ mittlerweile in den Köpfen verankert ist, zeigt sich in der Selbstverständlichkeit, mit welcher der Aberglaube auch jenseit einschlägiger Internet-Foren verkündet wird:

Gestern las ich in einem WordPress-Blog eine Buchbesprechung durch eine bloggende Psychologin. Sie beschreibt die Schilderung einer jungen Mutter, deren 7 jährige Tochter an  „einer schwerwiegenden, tiefgreifenden Epilepsie mit autistischen Zügen und verschiedenen Allergien“ leidet, „ausgelöst vermutlich durch eine Impfung im frühen Babyalter.“

Mir ist nicht klar, ob es bei diesem letzten Halbsatz nur um die verkaufsfördernde Anbiederung an das Weltbild eines bestimmten Kundenkreises geht; ich will vielmehr glauben, dass es sich um einen psychologisch durchaus nachvollziehbaren Mechanismus handelt, einer  vermeindlichen Eigenschuld durch die Weitergabe „schlechter“ Gene, ein Fremdverschulden vorzuschieben. Beides ist im Zusammenhang mit der Erkrankung des Kindes gleichermaßen unsinnig.  

Aber wäre es – angesicht der medizinischen Datenlage – nicht wirklich an der Zeit, darüber nachzudenken, ob durch solche Sätze dem unbestreitbaren Leid dieser Mutter und ihres Kindes, nicht das Leid anderer Kinder und Eltern hinzugefügt wird ?

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