Wakefield & Co. – Nachschlag gefällig ?

Peter-Phillip Schmitt berichtet in der Online-Ausgabe der FAZ vom 16. März 2010 über den

Kreuzzug gegen die Schulmedizin

16. März 2010 Keine andere sogenannte Impfstudie hat in Europa wohl mehr Schaden angerichtet als die des Briten Andrew Wakefield. Darin behauptete der Mediziner, dass es einen Zusammenhang zwischen der kombinierten Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln bei Kindern und – in der Folge – eine erhöhte Autismusrate gebe. Wakefields Untersuchung, die 1998 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ erschien, brachte Verunsicherung, die Impfbereitschaft sank in vielen Ländern Europas beträchtlich. Bis heute beziehen sich Impfkritiker und -gegner auf die Wakefield-Studie. Ausgerechnet die Dreifach-Impfung, die Kinderärzte einsetzen, um ihren kleinen Patienten zwei Stiche weniger verpassen zu müssen, geriet in Misskredit – und mit ihr gleich alle anderen Impfungen. (…)

– Link zum FAZ-Artikel –

Nun ist die Darstellung zwar informativ,  jedoch der Anlass nicht mehr so ganz aktuell. Bezeichnend aber für die Diskussion, und das ist das wirklich Lesenswerte an dem Artikel, sind die Leserbriefe.

Sie zeigen nicht nur die Zerissenheit unserer Gesellschaft in Sachen „Medizin“, sie reflektieren auch, dass es eine Gruppe von Zeitgenossen quer durch die Gesellschaft gibt,  die offensichtlich mit rationalen Argumenten  nicht mehr erreichbar, dafür aber für jede Form irrationaler Demagogie offen sind.

Das dahinterstehende Zentralproblem hat eine Lesermeinung sehr eindeutig beschrieben:

(…) Woher soll ich denn wissen, welche Studie echt und welche die politsch akzeptierte ist? Ich kann leider nicht selber ein Urteil fällen. Dazu fehlt mir das Fachwissen Letzten Endes vertrauen wir den Ärzten blind , ohne absolute Gewissheit zu haben. Die Klimawandel-Debatte, bei der Emails eindeutig Fälschungen seitens der KW-Befürowrter ans tageslicht gekommen sind, zeigen, dass die Forschung selten unvoreingenommen agiert und dass manchmal sich derjenige mit seiner Meinung durchsetzt, der mehr Macht hat und dass auch politischer Druck oft dahintersteckt.

Solche Bankrotterklärung der indiviuellen Urteilsfähigkeit sind typisch für den gegenwärtigen Diskurs. Sie zeigen, was der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera vor einiger Zeit im Zusammenhang mit der Kreationismus-Debatte formulierte:

„Das Problem ist, dass wir in Deutschland wissenschaftsfeindliche Strömungen haben, die zum Teil aus einem nicht vorhandenen biologischen Fachwissen zum Thema Evolution resultieren…

Man möchte diese Aussage ergänzen. Und zwar um die Fächer Physik, Mathematik, Chemie, Medizin, Psychologie, Philosophie; und nicht zuletzt auch um den Alltagsverstand, würde der denn unterrichtet.

Die inflationäre Zunahme irrationaler Überzeugungen, die sich vor allem (aber nicht nur) in der Medizin etablieren, hat schon konkrete Folgen; beispielweise den absinkenden Impfschutz, beispielweise die Verschwendung von Forschungsgeldern für Nonsense-Studien in der sogenannten  Komplementärmedizin, beispielweise die unübersehbaren Versuche, wissenschaftlich erprobte Forschungsstandards zu unterminieren.

Das alles im Namen von Ideologien,und kaschiert durch pseudowissenschaftliche Argumentationen, die vom Nichtfachmann selten auf den ersten Blick zu durchschauen sind.

Transparenz und Eindeutigkeit sind die Zauberworte

Wenn wir Theodor Adornos Analyse

“ Wenn die objektive Realität den Lebendigen taub erscheint wie nie zuvor, so suchen sie ihr mit Abrakadabra Sinn zu entlocken. Wahllos wird er dem nächsten Schlechten zugemutet: die Vernünftigkeit des Wirklichen, mit der es nicht recht mehr stimmt, durch hüpfende Tische und die Strahlen von Erdhaufen ersetzt.“ (Minima Moralia)

aus den „Thesen gegen den Okkultismus“ als treffend annehmen, und das sollten wir angesichts des unübersehbaren populistischen Erfolgs solcher falschen Propheten wie Hamer, Rath, Tolzin, Lanka usw. , dann  kommen wir nicht daran vorbei,  diesen Jahrmarktsmagier mit ihren Taschenspielertricks, deren Handwerkszeug die hemmungslose psychische Manipulation, ein vom jedem Realitätsbezug befreites Narrativum, und die geschickte Nutzung sämtlicher Massenmedien ist, mit aller Eindeutigkeit die Überlegenheit des forschenden und kritischen Denkens gegenüber zu stellen. Denn das Weltbild, das die moderne Naturwissenschaft vermittelt, ist weit eindrucksvoller als alles, was (religiöse, mystifizierte) Phantasien bislang hervorgebracht haben.

Wollen wir also in wesentlichen Bereichen unserer Gesellschaft den für das Gemeinwohl notwendigen Konsens erreichen – beispielweise bei der Entwicklung einer zukunftsfähigen medizinischen Versorgung, z. B bei der Bekämpfung von Seuchen, beispielsweise bei der Vergabe von öffentlichen Mittel für Forschungszwecke  – verlangt das ein umfassendes Bekenntnis zur Naturwissenschaft und ihren Methoden des Erkenntnisgewinns.

Wer soll – als suchender Patienten – sich beipielsweiseüber die Validität  einer homöopathischen Studie ein Urteil bilden, wenn das Wissen um die qualitativen Unterschiede einer unverblindeten Outcome-Studie und einer  doppelt verblindeten, zufallsgesteuerten, placebokontrollierten Studie nicht vorhanden ist ?

Nicht die undogmatische Toleranz unvereinbarer Weltsichten ist die Lösung, sondern die Suche nach der bestmöglichen Welterklärung. Sonst ist der Weg offen für Lügen und Märchen, und der führt nicht nur zu einem zusätzlichen Bedarf an Kindersärgen.

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