Organon 2010: Tell me sweet little lies…

In diesem Jahre feiert der fleischgewordene Contradictio in adiecto, die Lobby-Truppe  –  Deutscher Zentralverein „homöopathischer Ärzte“ –  den 200sten Geburtstag des Organons der Heilkunst , und es versammelt sich, was sich immer versammelt, wenn mit der Homöopathie der dümmsten    – oder wenigstens der zweitdümmsten – aller Traditionell Deutschen Schamanen-Heiltechniken (TDSH) gehuldigt werden soll.

Man trifft sich in Köthen, dieser mitteldeutschen Kleinstadt, die in einem unglaublichen Akt kognitiver Autolyse das urbane Alleinstellungsmerkmal „kollektiver Hochpotenz-Wahn“ entwickelt hat; wobei besonders die rigide Ganzheitlichkeit dieses Unterfangens doch so sehr verstört, dass u.a. Esowatch sich veranlasst sieht, Hahnemanns Omnipotenz in Köthen angemessen zu würdigen.

Zurück aus den anhaltinischen Auen müssen wir deshalb konstatieren:  Deutschland 2010 ist in einigen Landstrichen einfach zum Davonlaufen.

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Die Hölle, die ist ein Globuli…

Ich beschäftige mich jetzt mehr als 3 Jahrzehnte mit der Homöopathie, zu Anfang belustigt, irgendwann wissenschaftlich interessiert wegen der enormen Popularität, heute nur noch genervt, angewidert, und, ich gestehe es, auch ziemlich frustriert, weil es sie immer noch gibt.

Sie, dieser lächerliche Gegenentwurf zu entwicklungsfähiger Wissenschaft, wirft kein gutes Licht auf unserer Land, und das aus mehreren Gründen:

Zum einen ist die Homöopathie als Verfahren so unglaublich dumm, so leicht als „HokusPokus“ zu durchschauen, dass die grotesken Attacken homöopathischer Glaubensbrüdern und  vor allem -schwestern gegen die Kritiker des Wahns,  für jeden Aussenstehenden im Grunde nur lächerlich wirken, allesfalls noch verständlich – wie im Fall von Köthen – als Ausdruck eines bedauernswerten Lokalchauvinismus.

Dann beleidigt sie bzw. beleidigen ihre Anhänger mit ihren furchtbar banalen Immunsierungsstrategien jeden, der sich ernsthaft und kritisch mit ihr auseinandersetzt.

Sie trägt in ihrer Ritualversessenheit so eindeutig religiöse Züge, dass eine sachliche Auseinandersetzung im Grunde weder möglich ist, noch jemals möglich war.

Des weiteren ist das Organon auch kein wissenschaftliches Handbuch, sondern ein sakrosanktes Glaubensbekenntnis. Nichts, was im Organon zu lesen ist, ist wissenschaftlich beweisbar, alle wesentlichen Behauptungen sind dagegen falsifiziert, und die angeblichen Evidenzen der Homöopathie stellen eine endlose Reihe von Fehlinterpretationen dar.

Wann immer die Homöopathie einen Beweis ihrer Wirksamkeit antreten sollte, hat sie versagt.

Sowohl in ihren Einzelaspekten  – z.B. beim „Wassergedächtnis“ oder bei der Reproduktion des „Chinarindenversuch“, als eben auch in ihrer Gesamtheit.

Die Meta-Analyse durch Egger – zwar massiv attakiert, aber nicht einmal ansatzweise beschädigt – zeigt in aller Deutlichkeit, das wissenschaftliche Redlichkeit und homöopathische Realitätsbeugung nicht zusammen passen.

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Sweet little lies…

Nun haben sich die Homöopathen in den mehr als 200 Jahren ihrer Existenz so sehr daran gewöhnt, dass ihr Lügengebäude einer Sandburg nach einer Sturmflut, wahlweise auch Berlin, im Sommer 1945, ähnelt,  dass es sie nicht mehr anficht.

Deshalb ist es auch kein Wunder, wenn der Spiritus rector der Komplementärmedizin, Prof. Doppeldoktor  Harald „Merlin the Magician“ Walach, der, nachdem den Homöopathen in Großbritannien mittlerweile ein eisiger Wind entgegenweht, seine Zelte in Northampton abgebrochen hat, um jetzt an der Viadrina seinen Unsinn zu verzapfen,   in einer Anmerkung zu „Organon 2010“ ein erstaunlich realitätsnahes Resumee zieht, das  im Grunde einer Bankrotterklärung gleich kommt:

„Die Kontroverse um die Homöopathie geht nun schon in die nächste Runde. Eine Weile schien es, als würde gute Forschung die Wirksamkeit der Homöopathie beweisen. Dann wiederum kehrte große Frustration in die Forschergruppen ein. Momentan diskutiert das National Center for Complementary and Alternative Medicine, ob Homöopathie überhaupt weiter untersucht werden sollte(…)“

Tja. Wenn es Überlegungen gibt, die Homöopathie als Objekt seriöser Forschung aufzugeben, dann wird das zweifellos seine Ursachen haben. Möglicherweise die, dass die letzten zwei Jahrzehnte naturwissenschaftlich beeinflusster Organon-Exegese, außer zur Verschwendung von Forschungsgeldern hauptsächlich zu Wissenschaftsskandalen und  Junk-Science führten.

Aber Homöopathen haben eine geradezu phantastische Fähigkeit entwickelt, sich ihr Gebrösel immer wieder als eine Jahrtausende überdauernde Pyramide zu suggerieren, und Walach wäre nicht Walach, wenn er sich selber und seiner Klientel nicht neuen Mut machen würde:

„Einige neuere Befunde, vor allem aus der vergleichenden klinischen Forschung und unsere eigenen Arzneimittelprüfungsdaten stimmen wieder moderat hoffnungsvoll. Wie lässt sich die eigenartige Befundlage verstehen?

Heißt „mangelnde Wirksamkeit“ im klassischen pharmakologischen Sinne „Wirkungslosigkeit“?

Nein, Merlin, natürlich nicht !   Mein Auto fährt nur nicht, kaputt ist aber nicht.

Warum haben wir diesen feinen Unterschied nicht schon früher gesehen ?

Man möchte geradezu vor Dankbarkeit auf die Knie fallen, dass es Walach endlich gelungen ist, mit einem weit verbreiteten Irrtum aufzuräumen…

Es wird versucht, durch ein Modell nicht-lokaler Effekte etwas Licht ins Wirrwar der Auffassungen zu bringen und die These plausibel zu machen: „Homöopathie ist effizient und wirkt, auch wenn sie nicht im klassisch-pharmakologischen Sinne wirksam ist.“

Wer diejenigen sind, die „versuchen“, soll nicht unklar bleiben, denn niemand anders – was auch nicht erstaunt – als Harald Walach selber, versucht in seiner Weak-Quantum-Theory das löcherige Schiff Homöopathie mit Hilfe der „Quantenverschränkung“ am Absaufen zu hindern.

Wie wir uns die Wirkung eines Arznei-Mittels -nicht – klassisch-pharmakologisch (Anmerkungen: Ich persönlich hätte ja nie gedacht, dass jemand auf den Gedanken kommt, eine Arznei anders als pharmakologisch zu betrachten) in etwa vorzustellen haben, zeigte uns Kai Beisswenger, ein ideologischer Weggefährte des unglaublichen Claus H.H.H.L.Fritzsche.

„Nehmen wir an, wir beobachten einen Schamanen bei seiner Arbeit, der Fernheilung. Mit einem Abbild des Kranken, z.B. einer Stoffpuppe, führt er ein Ritual aus. Er macht das im Geist, rein mental, so als wäre es die Wirklichkeit. Damit schafft er einen zur Wirklichkeit (Ist) komplementären Zustand (Soll), wenn auch nur in seinem Bewusstsein. Er verkoppelt einen globalen Zustand mit einer komplementären lokalen Operation, wodurch Verschränkung hergestellt wird.“

Auf die Homöopathie übertragen heißt das wohl: Der Homöopath verschränkt ein paar seiner Atome im Hirn mit dem Arzneistoff und vermittelt diesem seine heilerische Intention, im Heilmittel verschränken sich wiederum  ein paar  Atome mit einigen anderen im Patienten, und schon gibt´s eine neue Realität.

Haben Sie sich, werter Leser, außer beim Schunkeln oder beim Sex, schon mal mit jemanden verschränkt? So bewußt von Elementarteilchen zu Elementarteilchen?

Eine Ihrer leichtesten Übungen, was?

Aber genau diese Verschränkung ist, oder besser, soll nun auch für die Wirksamkeit der Homöopathie verantwortlich sein. Meint Walach annehmen, und meinen Leute wie Fritzsche oder Beisswenger als vertretbare Theorie publizieren zu dürfen.

Erlaubt ist, was den Wahn bestätigt.

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Against Quantenquatsch

Nun ist das Berufen auf Phänomene der Quantenphysik schon seit ein paar Jahren ein beliebtes Argument. Und es ist ja auch viel geiler, mit Dingen zu hantieren, die der größte Teil der Menschheit nicht so richtig versteht. Da ist man erstens nahe an der Magie, und zweitens kann man den größten Mist erzählen, ohne dass es einer merkt.

Es sei denn, man hätte das Pech, auf einen Physiker zu treffen. Wie z.B. auf  „Martin Lambeck“,   „Philippe Leick“ oder Kamenin“

Nun haben diese Herren den Quantenquatsch schon seit länger Zeit ziemlich nachhaltig zerlegt. Um so mehr wundert es, das Prof. Dr.Dr. Walach weiterhin daran festhält.

Vielleicht liegt es daran, dass er kein Physiker ist ?

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Was soll das alles ?

…ist im Hinblick auf die bemüht konstruierte Hypothese vom  „heilend“ verschränkten Quant eine ganz wesentliche Frage.

Warum bastele ich mir eine komplizierte Theorie, die ich nicht einmal ansatzweise in die Praxis einbringen kann, wenn diese doch nur das – sehr umständlich – erklären soll, was doch schon durch den – wohlbekannten – Placebo-Effekt beschrieben ist, oder durch – ebenfalls gut bekannte – Prozesse aus der Psychotherapie ?

Was hindert Homöopathen also daran, sich von ihrem Fetisch „Globuli“ zu trennen ?

Ist es die simple Angst, sich durch die Aufgabe  ihres magischen Omnipotenz-Rituals mit realen Aspekten von Krankheit und Tod, und den Grenzen des Heilens beschäftigen zu müssen ?

Ist es der Verlust des Alleinstellungsmerkmals  „Heilmittel gegen Alles“, dass einen wesentlichen – wenn auch nicht realen – Konkurrenzvorteil im Kampf mit der  „Schulmedizin“ darstellt ?

Oder ist es einfach nur die bornierte Engstirnigkeit der wahrhaft Gläubigen, die jede Angriff auf die  Dogmen ihres Glaubens als Häresie ansehen ?

Ich fürchte, Organon 2010 wird darauf keine Antworten geben.

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12 Antworten zu Organon 2010: Tell me sweet little lies…

  1. sil schreibt:

    Geil!

  2. GeMa schreibt:

    noch einer : Geil!

  3. Rant schreibt:

    Was für eine arme Haut muss man sein, wenn der einzige Lebensinhalt, seit 30 jahren, das Agitieren GEGEN etwas ist.
    In deinem Fall kann man nur hoffen, dass es Reinkarnation gibt; denn sinnloser kann ein Leben nicht ablaufen.

    • excanwahn schreibt:

      @Rand

      Ach wissen Se, ich agitiere nun auch schon seit mehr als 3 Jahrzehnten GEGEN Todesstrafe, Folter und Dikatur.

      Manchmal brauchen Veränderungen halt ein wenig länger.

      Aber ich will Sie – im Hinblick auf mein trostloses Leben – gerne ein wenig beruhigen. Ich bin nämlich auch schon einmal FÜR etwas !

      Zum Beispiel FÜR Vernunft,
      FÜR Wissenschaftsmedizin
      und FÜR Ossobucco alla Milanese con Gremolata

      Das Letztere natürlich als Ursubstanz.

      • Rant schreibt:

        Aber irgendwie mit weit weniger Verve als gegen Alternativmedizin. Oder hast du zu jedem Thema ein anderes Blog?
        Das würde dich tatsächlich zu einem noch größeren Loser machen.

      • excanwahn schreibt:

        @Rant

        Geht´s Ihnen eigentlich nur darum, ein wenig herum zu trollen, oder haben Sie auch etwas zum Thema beizutragen ?

  4. Pingback: Tweets that mention Organon 2010: Tell me sweet little lies… « excanwahn-Blog -- Topsy.com

  5. EsoTypo schreibt:

    Excanwahn for president!
    Super Text.

  6. Globuli-Schmeißer schreibt:

    Servus!
    Diskreditiert mir meine schönen Globuli bitte nicht.
    Schön mit Gelatine, Glycerol und Wasser in Förmchen gegossen, mit oder ohne Wirkstoff, sorgen sie seit Jahrzehnten für Spaß in der Rezeptur!
    (Die kleben nämlich exzellent, wenn man sie an Wände/Fenster wirft! :P)

    Ja, ihr merkt schon…ich meine andere Globuli…

    Zu dem restlichen Scheiß… was soll man da noch zu sagen. Auch nach 30 Jahren solltest du nicht aufgeben, zumindest dein persönliches Umfeld wissenschaftlich über Homöopsychopathen zu informieren.
    Wird nicht immer klappen und oft richtig frustrierend. Aber aufgeben ist für mich keine Option, da könnte man auch gleich den Kittel abgeben.

    Scheiße, diese Durchhalteparolen klingen bald genauso wie das ‚gegnerische Lager‘. Irgendwie gehts letztlich doch nur um Überzeugungskraft, weil die Mehrheit stur dem Bauch vertraut und den Kopp ausmacht.
    Bin auch gefrustet, man merkts sicher.

    gruß

  7. Rant schreibt:

    Kittel abgeben ist bei Extremisten eigentlich die immer beste Option …

  8. Helmut E. schreibt:

    Unglaublich geil geschrieben. Du sprichst mir aus der Seele und hältst obendrein den Globuli-Gläubigen einen Spiegel vor die Nase.

  9. Klaus schreibt:

    „spannend“ ist das neue „geil“, werte Kommentatoren.

    (seltsame Kommentatoren gibt’s hier, zu wichtigen, notwendigen, dazu sogal launig zu lesenden Texten. Danke)

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