Homöopathie-Forschung No. 1: Käpt´n Blaubärs Nebenjob

Wunderheiler und Gurus, die sich früher in der Esoterikecke tummelten, geben heute in der Gesundheitsdebatte den Ton an. In der Alltagssprache firmiert offensichtlicher Humbug als „Ganzheitliche Heilkunde“ und „Sanfte Medizin“.

Die ehemalige Alternativszene ist beim Marsch durch die Institutionen ganz oben angekommen.

(Maxeiner & Miersch, 2006)

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Auf der Jahreshauptversammlung des Kleingartenvereins Schlachtensee-Süd dürfte es zu jedem Tagesordnungspunkt mehr Zündstoff geben, als bei der einzigen Hauptstadt-Veranstaltung der Homöopathie-Lobbyisten zu  Organon 2010 insgesamt geboten wurde.

Irgendwo angesiedelt zwischen bemühter Seriosität und gähnender Langeweile war das, was Curt Kösters (2. Vorsitzende des DZVhÄ), Stiftungsprofessorin Dr. Claudia Witt (Institut für Sozialmedizin an der Charité), Dr. Michael Teut (Leiter der CHAMP a.d. Charité) und Kurt-Jürgen Zander (Oberbürgermeister der Stadt Köthen) dem Publikum am 16. Juni  in der Landesvertretung Sachen-Anhalts im Rahmen der Veranstaltungen zum 200jährigen Jubiläum der Homöopathen-Bibel präsentierten.

Keine provokanten Thesen, keine Litaneien über homöopathische Wunderheilungen „austherapierter“ Patienten, kein Schulmedizin-Bashing  – nichts von den durchaus bekannten Verhaltensweisen, die den Diskurs über das (zweitdümmste) traditionell deutsche Quacksalber-Verfahren üblicherweise kennzeichnen.  Stattdessen eine fast schon peinliche Anbiederung an die Wertmaßstäbe rationaler Wissenschaft.

Frau Witt, in ihrem Bemühen den verbrüdernden Schulterschluß zwischen Alternativheilerei und Wissenschaftsmedizin zu demonstrieren, war so oberflächlich und banal, dass meine Sitznachbarin, ihres Zeichens Veterinärmedizinerin, mich nach Ende des Vortrags irritiert fragte, ob ich denn verstanden hätte, was die Dame nun eigentlich sagen wollte, sie jedenfalls hätte es nicht.

Michael Teut, der Chef der alternativheilerischen Ambulanz an der Charité, verausgabte  sich in differenzierten Darstellungen verschiedener Studien-Designs der Einzelfallforschung, die auch von jedem anderen Wissenschaftsmediziner so hätten gehalten werden können.

Über den völlig farblosen Curt Kösters lohnt es sich kaum, ein Wort zu verlieren, genau so wie über den Köthener Stadtobersten, der sich in fröhlichen Analogien zwischen Stadtplanung, Tourimusförderung und Homöopathie erging; die übliche belanglose Trittbrettfahrerei.

Und die angebliche Podiumsdiskussion – der krönende Abschluß der Veranstaltung –  litt doch ganz erheblich unter den übereinstimmenden Ansichten der Disputanten.

Unübersehbar aber: Die Homöopathen und ihre Standesvereinigungen haben in Sachen Öffentlichkeitsarbeit dazu gelernt. Schließlich ist man ja auch komplementär und nicht mehr alternativ…

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Camouflage für Quacksalber

Es ist unglaublich, wie viel Geist in der Welt aufgeboten wird, um Dummheiten zu beweisen.

(Oscar Wilde)

Mag sein, dass die Vermeidung offener Diskussionen und die schleichende Errosion des Verstandes die neue Strategie bei KVC und DZVhÄ ist,  der Weg durch die Hintertür ist Programm, und das dazugehörige Zauberwort heißt  „Versorgungsforschung“.

Die nämlich stellt sich nicht mehr die Frage nach den theoretischen Grundlagen der vielfältigen schamanistischen Regentänze aus dem Angebot der Osho-Erben, der Meridian-Freaks und Globuli-Hörigen, der Beschüsslerten und Bachblüten-Taucher, der Antlitz-Diagnostiker und Darm-Sanierer, Blut-Zapper oder Aura-Heiler.

Die stellt sich nur noch die Frage, wie Menschen funktionieren, die man zuvor nach Strich und Faden belogen und denen man das Blaue vom Himmel herunter versprochen hat.

Und genau das macht die Versorgungsforschung – in den Händen von Alternativbeflissenen wie Frau Witt –   so ungemein gefährlich.

Denn die Homöopathie mit ihrem hohen Akzeptanzgrad ist der Door Opener, das Brecheisen in der Hand sämtlicher Quacksalber, Scharlatane und Abzocker, deren Begehrlichkeiten den  Futtertrögen des solidarfinanzierten Gesundheitssystem gelten.

Denkt man diese Strategie zu Ende, werden wir es demnächst in unserer Medizin mit Verfahren zu tun haben, deren einzige Legitimation ihre Suggestionsfähigkeit ist. Die Folgen dieser Entwicklung werden verheerend sein.

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Sie degradiert den Wissenschaftsmediziner zum Bioklempner, wenn er nicht bereit ist, zum Schamanen zu werden. Sie zwingt die Ärzte zurück in die Rolle der Halbgötter in Weiß, die beim Verpflastern ihrer infantilisierten Patienten magische Sprüche murmeln und ihre Gipsverbände in Klangschalen einweichen.

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Sie vermittelt den Eindruck, dass Medizin erst dann „ganzheitlich“ heilend ist, wenn zusätzlich zum erprobten und gesicherten Therapieverfahren, wahlweise Räucherkerzen verbrannt oder die Erzengel angerufen werden.

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Sie suggeriert dem erkrankten Menschen eine Eigenverantwortung am Heilungsprozess, verschweigt aber die davorliegende umfassende Manipulation seiner Weltsicht.

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Vor allem aber egalisiert diese Strategie sämtliche Unterschiede zwischen Sinn und Unsinn, und öffnet unter dem Deckmäntelchen „Individualisierter Medizin“ den Weg in die Hölle der Beliebigkeit.

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Der Homöopathie – stellvertretend für den gesamten buntschillernden Misthaufen des postmodernen Quacksalbertums – ist es in den mehr als 200 Jahren ihrer Geschichte nicht gelungen, einen überzeugenden Nachweis für die Richtigkeit ihrer theoretischen Annahmen zu präsentieren.

Schiebt man Witt & Co keinen Riegel vor, braucht sie das in Zukunft auch nicht mehr. Es reicht der Hinweis des indoktrinierten Patienten „Mir geht’s besser, seit ich Kügelchen (oder was auch immer) nehme.“

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Tales of Mystery and Imagination

„Doch die Menschen, die sich auf dem Planeten entwickelt haben, glauben in ihrem Herzen, dass es so etwas wie Götter gibt. Sie glauben an magischen, kosmischen Zweck und daran, dass sich Chancen von eins zu einer Million in neun von zehn Fällen bewahrheiten. Sie suchen Geschichten in der Welt, die ihnen die Welt bedauerlicherweise nicht erzählen kann.“

(Terry Pratchett, „Darwin und die Götter der Scheibenwelt“)
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Wir leben in einer Gesellschaft, die in ihren Weltbildern Fiktion und Realität zunehmend miteinander verwebt, und dabei – wie ernstzunehmende Sozialforscher feststellen – konsequent verblödet bzw. verblödet wird.

Nichts anderes geschieht bei der unheiligen Allianz zwischen Wissenschafts- und Komplementärmedizin.

Der perfide Versuch, durch das ostinate Rezitieren des neoschamanistischen Mantras

“ Wissenschaftsmedizin ist erst dann wirklich erfolgreich und entwicklungsfähig, wenn sie die Komplementärmedizin in den Kanon der Heilverfahren aufnimmt“

von der Tatsache abzulenken, dass nach den vergeblichen Versuchen der vergangenen zwei Jahrzehnte, wenigstens zu den alternativheilerischen Mainstream-Verfahren wissenschaftlich tragfähige Nachweise zu erbringen,  lediglich so etwas wie eine soziale Validität als Rechtfertigung für die parasitäre Existenz alternativheilerischer Verfahren übrig geblieben ist, ist nur ein weiterer Akt der auf allen gesellschaftlichen Ebenen stattfindenden „Volksverdummung“.

Hier entpuppen sich die Protagonisten des Absonderlichen als mit allen Wassern der Kommunikationswissenschaften gewaschene Kinder unserer Zeit, die virtuos eine Schleimspur von Pseudo-Argumenten hinter sich verteilen, auf der alle diejenigen kleben bleiben, denen die Urteilskompetenz nie zu eigen war oder im Wirrwar der meinungspluralistischen Anything-goes-Kultur abhanden gekommen ist.

Wittgenstein sprach in diesem Zusammenhang von der „Verhexung des Verstandes durch die Mittel der Sprache“.

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Ein deprimierendes Fazit

Die Dummheiten wechseln, aber die Dummheit bleibt.

(Erich Kästner)

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Wer bei einer solchen Veranstaltung nicht zu dem Teil des Auditoriums gehört, der sich in der erlebten Koinzidenz von individueller Wunschvorstellungen und wohlfeiler pseudowissenschaftlicher Bestätigungsrhetorik suhlt, steht vor dem Problem, wie mit dem Erlebten konstruktiv umgegangen werden kann.

Theodor Adorno formulierte zu diesem Dilemma: „Rational zu sein bedeutet nicht, irrationale Gegebenheit in Frage zu stellen, sondern für die persönlichen Belange das Beste daraus zu machen.“

Was aber ist nun „das Beste für die persönlichen Belange “ an dieser Stelle ?

Wie begegnet man dieser CargoCult-Wissenschaft und ihren Anhängern, die, wie Maxeiner und Miersch nicht zu Unrecht meinen, dort angekommen sind, wo für unsere Gesellschaft die maßgeblichen Entscheidungen getroffen werden ?

Wie reagiert man auf das abstoßende Konglomerat aus  populistischer Politik, skrupellosem Lobbyistentum, Pseudowissenschaft und naiver Gläubigkeit ?    Auf die Einflüsterungen von Demagogen, falschen Propheten und windigen Geschäftemachern, die subtil auf der Tastur seelischer Dispositionen ihre kakophone Endzeitsymphonie mit Erlösungschor anstimmen.

Wie gestaltet man einen Kampf gegen die  Dummheit ?

Ich muß gestehen, ich weiß es nicht.  Die Begegnungen mit Käpt´n Blaubärs  Klone lassen mich zunehmend ratlos zurück.

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5 Antworten zu Homöopathie-Forschung No. 1: Käpt´n Blaubärs Nebenjob

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  3. Kuzorra04 schreibt:

    Schöner Artikel, die Ansicht teile ich voll und ganz!

    Aaaber: der Stil klingt doch ein wenig selbstverliebt, manche Sätze haben nicht wirklich viel Informationsgehalt, dafür dass sie so „aufwändig“ formuliert sind. Außerdem sind auch Satzzeichen falsch verwendet.

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