Homöopathie-Forschung No. 2 : Therapie vaginaler Candida-Infektionen

Vaginale Pilzinfektionen (Kandidosen) sind ein häufiges Übel, das fast jede Frau ein- oder mehrmals in ihrem Leben trifft. Erfolgreich bekämpfen lassen sich die Infektionen mit Antimykotika.

Allerdings, wie fast bei allen anderen Erkrankungen, werden, dem Zeitgeist entsprechend, alternativ- oder komplementärmedizinische Therapien propagiert.

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CAM gegen Candida

Komplementäre Behandlungen  sind beispielweise die zusätzliche Applikation von sg. „Döderlein-Bakterien“ (Lactobazillen) als Begleitung der antimykotischen Therapie.

Alternativ dagegen ist die homöopathische Akutbehandlung bzw. die individuell abgestimmte  Konstitutionstherapie, die besonders dann nachgefragt werden, wenn die Pilzinfektionen häufiger auftreten. In einschlägiger Literatur wird beispielweise „Allium sativum D6“ oder „Borax D4“ empfohlen (1), an anderer Stelle ist es dann „Natrium muraticum“ (2), häufig wird auch „Sepia“ (3), als das Frauenmittel, genannt.

Solche standardisierten Empfehlungen einzelner homöopathischer „Arzneien“ lassen sich mit den Grundsätzen der „individuellen“ Therapie aus der klassischen Homöopathie nicht in Übereinstimmung bringen. Hier gilt es, getreu den Vorgaben des großen Meisters Hahnemann, das spezielle Mittel zu suchen, das die Krankheit heilt, deren Symptom die vaginale Pilzinfektion ist.

Die eigentlich interessante Frage jenseits solcher ideologischer Petitessen ist allerdings, ob homöopathische und/oder andere naturheilkundliche Therapieansätze überhaupt einen Behandlungserfolg aufweisen können ?

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Die Candida-Studie – Eine eindeutige Absage an die „Alternative“

Unter der Überschrift „ Besser ein Antimykotikum als Globuli“ veröffentlichte „Forschende Komplementärmedizin„, Harald Walachs Kampfblatt für angewandte Pseudowissenschaft, im vergangenen Jahr eine Studie zur Behandlung vanginaler Infektionen durch Candida albicans (4).

Offenbar waren die Ergebnisse dieser Untersuchung so eindeutig, dass selbst mit besten Willen kein Nutzen alternativer Therapieansätze zu erkennen war.

Kommentiert wurde diese Studie durch Rainer Lüdtke, dem Chef-Statistiker der Carstens-Stiftung (KVC), der deren Ergebnisse unmissverständlich zusammenfasste:

1. Eine Zusatztherapie mit Laktobazillen zur Erhaltungstherapie mit dem Antimykotikum Itraconazol ist nicht Erfolg versprechend;

2. eine homöopathische Einzelmitteltherapie ist einer einmaligen oralen Itraconazolbehandlung bei akuten Vaginalinfektionen mit Candida albicans deutlich unterlegen;

3. und auch langfristig kann eine klassisch homöopathische Konstitutionstherapie rekurrenten Candida-Infektionen nicht wirksam genug vorbeugen.

Also ein eindeutiges Ergebnis: Das Antimykotikum der Wissenschaftsmedizin hilft, den Rest sollte man tunlichst vergessen.

Ein Resultat, was nicht wirklich verwundert, hat doch eine andere Studie (5), bei der das Medikament Intraconazol gegen Placebo getestet wurde, ein ähnlich deutliche Überlegenheit des Antimykoticums gezeigt; was im übrigen für die These spricht, dass homöopathische Therapien sich in ihrer Wirkung nicht von Placebo unterscheiden.

Was jedoch erstaunt, allerdings nicht verwundert,  ist dann Lüdtkes Kommentar.

Zuerst bemängelt er, als wohlbekannte Reaktion auf für die Homöopathie negative Studien, das Studiendesign. Das ist eben üblich, um den Frust abzubauen, und erinnert ein wenig an die kritischen Reaktionen auf die legendäre Münchener Kopfschmerzstudie, bei der Belladonna-Präparate gegen Migräne überprüft werden sollten (6), und deren Design im Vorfeld ausdrücklich als angemessen für die besonderen Bedingungen der Homöopathie dargestellt wurde.

Allerdings kommt auch Lüdtke nicht umhin, die eindeutige Datenlage der Studie zu würdigen:

„Doch egal, wie viele Details fehlen oder Schwächen aufgedeckt werden, keines davon sollte einen bewegen, die Studie tatsächlich zu ignorieren. Die homöopathische Therapie ist sowohl bei der Akut- als auch in der Langzeitbehandlung der antimykotischen Therapie so deutlich unterlegen, dass der Effekt nicht durch mehr oder weniger große Schwächen oder Unklarheiten einfach wegdiskutiert werden kann.“

Weiterhin stellt Lüdtke fest:

„Die bisher wahrscheinlichste Erklärung – ich lasse mich gern berichtigen – ist die, dass die homöopathische Einzelmittelbehandlung tatsächlich wesentlich schlechter ist als eine antimykotische Erhaltungstherapie.

Wenn dem so ist, dann muss man sich fragen: Warum hat das niemand vorher gewusst oder geahnt?

Wo ist eigentlich das wissenschaftliche Rationale, die Homöopathie bei dieser Indikation testen zu lassen?“

Nun, werter Herr Lüdtke, um die erste Frage zu beantworten: geahnt – oder besser gewusst – haben das zumindest die „Schulmediziner“, also dürften Ihre Fragen vor allem die Reihen der Alternativheiler  betreffen.

Und was die zweite Frage nach der rationalen Begründung für diese Studie angeht, darauf gibt es zwei Antworten:

1. In der zeitgenössischen Alternativmedizin gibt es – allein im Internet – abertausende Fundstellen, die zur Behandlungen von vaginalen Candida-Infektionen eine homöopathische Behandlungen empfehlen.  Das allerdings, wie sich jetzt gezeigt hat, offenbar ohne eine nachvollziehbare Begründung; es sei denn, man akzeptiert das Geschwafel von Homöopapathie-Propheten wie beispielsweise J.T. Kent als solche.

Mehr als zwei Drittel homöopathischer „Arzneien“ gehen ohne ausgiebige Anamnese, im Rahmen von Selbstmedikationen über den Ladentisch. Deren Anwendung erfolgt nicht nach den Regeln der klassischen Homöopathie, sondern genau wie in der Allopathie: Hier die Krankheit, da das angebliche „natürliche“ Heilmittel.

Wenn das als Motiv für solche Studien nicht ausreicht, was dann ?

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2. Welche homöopatischen Heilsversprechen Therapieversuche dürften denn     – nach der Auffassung von Homöopathen –  Gegenstand von solchen Nicht-Unterlegenheitsstudien der hier angesprochen Art werden ?

Nur solche, bei denen sichergestellt ist, dass homöopathische Arzneien nicht auf konkrete medizinische Sachverhalte treffen ?

Nur solche, deren therapeutischer Anlass eine nicht unerhebliche Wahrscheinlichkeit annehmen lässt, dass psychotrope Effekte eine „homöopathische Heilwirkung“ wenigstens suggerieren könnten ?

Der Zynismus, der sich hinter der Idee verbirgt, nur Studien zun realisieren, die mit Hilfe der Suggestibilität des meist indoktrinierten Patienten Homöopathie-Fans einen marginalen Erfolg der homöopathischen Intervention zumindest wahrscheinlich machen, ist ungeheuer. Und das schon deswegen, weil in der Praxis vor allem die medizinsche Laienheiler, sprich Heilpraktiker, den Pschyrembel rauf und runter behandeln, und sich eben nicht darauf beschränken, banale Befindlichkeitsstörungen mit hohem psychosomatischen Anteil zu therapieren.

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Homöopathie – Wirksamkeitsnachweis oder „Auf den Müll damit!“

Was dringend nötig ist, ist eine Änderung des Arzneimittelrechts bzw. des deutschen Sozialgesetzbuches im Hinblick auf die Zulassung homöopathischer Arzneimittel.

Studien wie die hier diskutierte, zeigen in aller Deutlichkeit, dass die klassische Homöopathie kein Garant für die Verordnung eines heilsamen Mittels ist.

Beachtet man weiterhin, dass der überwiegende Teil der homöopathischen Arzneien ohne Anamnese und Verordnung – und nur aufgrund von in der Regel unbewiesenen Wirksamkeitsbehauptungen – zur Selbstbehandlung gekauft und eingesetzt werden, so besteht hier in Sachen Verbraucherschutz und Patientensicherheit dringender Handlungsbedarf. Die Sonderstellung der homöopathischen Arzneimittel ist – angesichts der existierenden Anwendungspraxis – ein lächerlicher Anachronismus.

Dass das Rainer Lüdtke (und der KVC) durchaus bewußt ist, zeigt seine Mahnung, diesen Sachverhalt doch bitte nicht noch durch Studien zu belegen, welche die Untauglichkeit homöopathischer Arzneien so eindeutig demonstrieren.

Jedoch ist es unübersehbar, dass der versuchte Spagat, weiterhin dem sakrosankten Image des Allesheilers Hahnemanns gerecht zu werden, und gleichzeitig den Mumpitz des Gründervaters zu einer Art Psychotherapie mit Fetisch umzudeuten, zu einem hoffnungslosen Unterfangen wird, denn mit jeder negativen Studie wird deutlicher, dass das pharmakologische Konzept der Homöopathie gescheitert ist.

Das aber kann auch ein Verzicht auf „diskreditierende“ Studien nicht ändern.

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Endnoten:

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(1) Richter H. , Haidvogel M.,  „Homöopathie für Frauenärzte“, Hippokrates (S. 87)

Gerade bei Allium sativa (Knoblauch) stellt sich jedoch die Frage, ob es sich überhaupt um ein Homöopathikum handelt, und nicht um ein Phytopräparat, denn hier wird eindeutig auf die bekannte antibakterielle/antimykotische Wirkung von Knoblauch abgestellt. Man möge mir die Arzneimittelprüfung zeigen, in der Knoblauch – gemäß dem Simile-Prinzip – als Ursubstanz eingenommen, eine Candida-Infektion der weiblichen Genitalien erzeugt.

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(2) Engelsing, A. M.  „Homöopathie ganz weiblich: Die sanfte Methode für umfassendes Wohlbefinden“, Haug (S.178)

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(3) „Sepia“ vermutlich deswegen, weil in z.B. in Kents Arzneimittelbildern bei „Sepia“ zu lesen ist:

„Aus der Scheide wundmachender milchiger Weißfluss, der manchmal geronnen, dick und käsig aussieht und stark riecht.“

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(4)Witt A, Kaufmann U, Bitschnau M, Tempfer C, Ozbal A, Haytouglu E, Gregor H, Kiss H:

Monthly itraconazole versus classic homeopathy for the treatment of recurrent vulvovaginal candidiasis: a randomised trial.
BJOG 2009;116:1499–1505.

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(5) Int J Gynaecol Obstet. 1991 Nov;36(3):229-32.
Itraconazole versus placebo in the management of vaginal candidiasis.

Silva-Cruz A, Andrade L, Sobral L, Francisca A.
University Hospital of Santa Maria, Lisbon, Portugal.

A randomized double-blind trial was carried out with itraconazole versus placebo in the treatment of vaginal candidiasis, confirmed by clinical evaluation, direct microscopic examination and Sabouraud culture. Fifty patients were studied, 25 in the itraconazole group and 25 in the placebo group. Both groups received two capsules once daily (100 mg itraconazole/cap) for 3 days. One week after treatment patients were re-evaluated according to the same parameters as in selection. The scores for clinical symptoms, leukorrhea, vulvar pruritus, vaginitis and vulvitis, were compared in both groups before and after treatment. Statistically significant differences were found for the itraconazole group in pruritus and vaginitis (P less than 0.05) and vulvitis (P less than 0.001), with no significant difference for leukorrhea. As to the mycological evaluation, 7 days after treatment there were negative results for the itraconazole group in 92% of the patients in comparison to 52% in the placebo group (chi-square, P = 0.005).

PMID: 1685458 [PubMed – indexed for MEDLINE]

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(6) Der östereichische Homöopathie-Lobbyist  Friedrich Dellmour  in einem Kommentar zur Meta-Analyse von Shang et al.:

„Die zweite, negative Studie mit individueller Behandlung (Walach 1997; „Münchener Kopfschmerzstudie“) war aufgrund eines völlig unpassenden Patientenkollektives und zahlreicher schwerer methodischer Mängel in der Studienplanung und Auswertung „faktisch unbrauchbar“  und hätte nach Korrektur der darin enthaltenen Artefakte zu einem signifikant positiven Ergebnis geführt!“

Dieser Kommentar erstaunt umso mehr, als dass Walach in der Alternativheilerei als  „der“ Fachmann für Forschungsmethodik gilt.

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2 Antworten zu Homöopathie-Forschung No. 2 : Therapie vaginaler Candida-Infektionen

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