Mail an Lauterbach

Sehr geehrter Herr Lauterbach,

mit großer Genugtuung habe ich am Wochenende von Ihren Ambitionen gelesen, die Homöopathie aus dem Leistungskatalog der GKV streichen zu wollen.

Damit korrigieren die Sozialdemokraten  – mehr als 30 Jahre nach den bis heute unverständlichen Regelungen zu den „Besonderen Therapierichtungen“ innerhalb des unter der Regierung Schmidt beschlossenen Arzneimittelgesetzes – eine der fatalsten Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte, die nicht nur systematisch betriebener Quacksalberei Tür und Tor öffnete, sondern Wissenschaftsfeindlichkeit, Aberglauben und Okkultismus gesetzlich legitimierte und als Entscheidungsgrundlagen in Sachen Gesundheitspolitik etablierte – man denke dabei nur die Selbstverständlichkeit, mit der Mandats- und Verantwortungsträger wie z.B. Schily, Künast, Bender oder Breyer anthroposophische Lobbyarbeit in der Gesundheitspolitik leisten oder geleistet haben.

Zweifellos haben Sie einen Stein ins Rollen gebracht, der schon lange eines kräftigen Trittes harrte, und zweifellos befand sich unter dem Stein ein Wespennest, dessen Bewohner sich nun zum Angriff formieren werden; ich wage, eine deutlich agressivere Diskussion zu prognostizieren, als die, die derzeit in Großbritannien geführt wird.

Letztlich ist aber die Infragestellung der Homöopathie sicher nur ein – wenn auch geeignetes – Startsignal für eine längst überfällige gesellschaftliche Auseinandersetzung, bei der es nicht nur darum geht, den Quacksalbern, Scharlatanen und Abzockern, deren Begehrlichkeiten den Futtertrögen des solidarfinanzierten Gesundheitssystem gelten, eine eindeutige Absage zu erteilen.

Eine viel wichtigere Herausforderung besteht darin, die Krise des Selbstverständnisses unserer Medizin zu überwinden.

Es mag sein, dass die Ursache für diese Krise eine langjährig betriebene, zu einseitige naturwissenschaftlich-technische Ausrichtung ist, die wesentliche soziale Aspekte der Arzt-Patienten-Beziehung ausblendete.

Es mag auch sein, dass die Renaissance des Irrationalismus in der Medizin – als Symptom dieser Krise – in der Hybris und der Egozentriertheit der postmodernen anything-goes-Gesellschaft verortet ist.

Genau so, auch dieser Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen, spricht nicht wenig für Annahme, dass sich der Weg in mystische und esoterische Innenwelten als regressiver Trost für das zerstörte Vertrauen in die demokratische, gesellschaftliche Mitbestimmung auf Grund versteinerter, bürokratischer Strukturen und unnachgiebiger, kapitalkräftiger Interessengruppen anbietet.

Die Sehnsucht nach der „Anderen Realität“ nimmt offenbar proportional zur gefühlten geistigen Entleerung und zum erlebten Mangel an Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten im technisch und ökonomisch verwalteten Leben zu.

Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist es deshalb sicher ein erforschenswertes Phänomen unserer Zeit, dass sich neben dem aufgeklärten, wissenschaftlich beeinflussten Weltbild, das sich als Folge des Primats der kritischen Vernunft herausbildete, eine weitere Weltsicht entwickelt hat, deren Ursprünge und Hintergründe sowohl in der Rückbesinnung auf „uraltes“ (Erfahrungs-) Wissen, als auch in der kritiklosen Akzeptanz absurder, pseudowissenschaftlicher Denkansätze liegt, sofern in den Weltbildern nur der Ansatz eines „Gegenentwurfs“ zur realen Welt zu finden ist.

Jedoch, die Entlarvung des gegenwärtigen, sich eben nicht nur in der Medizin präsentierenden Irrationalismus als banales metaphysisches Getaumel, wird nicht die konkreten Bedürfnisse der Menschen ändern.

Wenn ein geschätztes Drittel unserer Gesellschaft aus der Parallelwelt unrealistischer Wunschvorstellungen abgeholt werden soll, muss gezeigt werden, dass die reale Welt mit ihrem funktional-relationistischen Denken eine zumindest gleichwertige, wenn nicht bessere Alternative darstellt.

Konkret auf die medizinische Versorgung bezogen bedeutet das unter anderem, eine deutliche Richtungskorrektur in der ökonomischen Bewertung ärztlichen Handels zu vollziehen.

Ganz pragmatisch geht es darum, dem Arzt für die Erfüllung seiner sozialen Aufgaben mehr Raum und Zeit zuzubilligen, überhaupt diesen Aufgaben grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit – auch im Rahmen wissenschaftsmedizinischer Forschung – zu widmen.

Denn in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft, in der der Einzelne immer weniger soziale Geborgenheit, Trost in Lebenskrisen und zwischenmenschliche Zuwendung erhält, kommt dem Arzt ganz eindeutig eine besondere Bedeutung als Ansprechpartner zu. Wenn wir also in Zukunft eine wirklich ganzheitliche Medizin haben wollen, die auch in solchen Fällen Hilfe leistet, in denen ein Gespräch mehr Wirkung zeigt als jedes Medikament, kommen wir nicht daran vorbei, unseren Ärzten die Möglichkeit dazu zu geben.

Denn nur sie verfügen über die notwendigen Qualifikationen, das Wissen über die physischen und psychischen Prozesse im menschlichen Organismus, das uns die Natur- und die Geisteswissenschaften verschafft haben, in konkrete Therapiemaßnahmen umzusetzen.

Wesentlich ist, dass unsere Ärzte die Gelegenheit bekommen, das zu tun, was ihre eigentliche Aufgabe ist, den Menschen in seiner Gesamtheit zu sehen und zu heilen, sei es nun mit Medikamenten, dem Skalpell oder eben mit Worten. Damit dürften sich die Regentänze der „sanften Alternativen“ zur „kalten Schulmedizin“ schneller als Selbst- und Fremdbetrug entpuppen, als durch jede Diskussion um die Aussagekraft randomisierter Doppelblindstudien.

Die Mittel und Möglichkeiten dafür zu Verfügung zu stellen, ist allerdings keine medizinische, sondern eine ökonomische und damit gesellschaftspolitische Aufgabe.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihren Ansinnen, vor allem aber die notwendige Kraft, den Gegenwind auszuhalten, der zwangsläufig aufkommen wird.

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10 Antworten zu Mail an Lauterbach

  1. Huber schreibt:

    Kann ich die e-mail-Adresse von Lauterbach haben ?

    Bitte an info@kidmed.de .

  2. Pingback: Danke, Karl Lauterbach! « UmamiBücher

  3. ama schreibt:

    http://www.br-online.de/bayern2/tagesgespraech/index.xml

    [*QUOTE*]
    ——————————————————–
    Neuer Sparvorschlag
    :
    Sollen Kassen noch Homöopathie bezahlen?

    Heilen mit kleinster Dosis – und auf Kosten der Kassen: Sind
    Naturheilverfahren wie Homöopathie so wirksam, dass sie erstattet werden
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    Diskutieren Sie mit! [Tagesgespräch] Neuer Sparvorschlag – Sollen Kassen
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    Politik, Wirtschaft, Kultur, Religion und Sport – im Tagesgespräch
    debattieren wir über alle gesellschaftlich wichtigen Fragen
    ——————————————————–
    [*/QUOTE*]

    Wer ist dieser angeblich kompetetente Studiogast? Antwort: Die Kruse vom Haunerschen Kinderspital in München, die lügt, daß sich die Balken biegen: über Studien, über erfolgreiche Behandlungen, auch bei krebskranken Kindern!

    Und die Kinderbesitzerinnen am Telefon ergehen sich darin, wie ihre Kinder (erkrankt an zu spät erkannter und verschleppter Lyme-Borreliose) mit Homöopathie ERFOLGREICH behandelt wurden.

    DAS IST EIN SKANDAL!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Ach ja: und dann wundert sich die „Moderatorin“, eine Stefanie Heinzeller (oder so ähnlich) darüber, daß so wenig Kritiker sich melden. Na klar, wenn die Leitung durch Horden von Homöophantasten blockiert ist, KANN doch kein vernünftiger Mensch mehr durchkommen.

  4. Pingback: Gute Idee, Karl Lauterbach! « UmamiBücher

  5. Pingback: Leserbrief an FR / Berichterstattung zu Homöopathie « UmamiBücher

  6. JFDee schreibt:

    In diesem Brief steckt eine erstaunlich treffende Analyse der gesellschaftlichen Phänomene, die zu der verbreiteten Skepsis gegenüber den rational begründeten Wissenschaften führen.

    Diese Einsichten sind auch für die „etablierten Skeptiker“ immer wieder bedenkenswert.

    Und die Placebo/Nocebo-Forschung – auch im Hinblick auf das Arzt-Patienten-Verhältnis – gehört kräftig gefördert. Ich vermute, da versteckt sich sogar eine Menge Effektivitätssteigerungs-Potential (um nicht von Einsparungsmöglichkeiten zu Lasten von Pharmaherstellern und Quacksalbern zu sprechen …).

  7. Andreas Lichte schreibt:

    Besonderen Dank dafür: „… man denke dabei nur die Selbstverständlichkeit, mit der Mandats- und Verantwortungsträger wie z.B. Schily, Künast, Bender oder Breyer anthroposophische Lobbyarbeit in der Gesundheitspolitik leisten oder geleistet haben.“

    ………………………………….

    “Zusammen mit der Ärztin Ita Wegmann entwickelte Steiner seine anthroposophische „Heilkunst“ aus H O M Ö O P A T H I E und Romantischer Medizin des 19. Jahrhunderts, die er in seine Mitteilungen über Karma und Evolution aus „feinstofflichen Geisterwelten“ verpackte.”

    Ansgar Martins im Vorwort zu: „Masern werden von Waldorfschule zu Waldorfschule übertragen …“, http://waldorfblog.wordpress.com/2010/06/22/„masern-werden-von-waldorfschule-zu-waldorfschule-ubertragen%C2%A0…“/

    Anthroposophische Medizin = Homöopathie + Wahnsinn Rudolf Steiners

  8. JFDee schreibt:

    Ich habe per Kontaktformular eine freundliche, aber bestimmte Mail an Frau Künast geschrieben, in der ich an sie appelliert habe, die Homöopathie nicht mit Naturheilverfahren in Verbindung zu bringen. Als Antwort erhielt ich eine offenbar vorgefertigte Stellungnahme, die ein paar interessante Punkte enthält.
    Ich habe sie in eine HTML-Seite gepackt und bereitgestellt:
    http://www.draisberghof.de/files/statement_gruene.html

    In a nutshell:
    Wirkungsnachweis auch für „Komplementärmedizin“, aber über die Regeln für diesen Nachweis muss diskutiert werden. Also hier nichts Neues.

    Aufschlussreicher ist der Link in der Stellungnahme:
    http://www.gruene-bundestag.de/cms/gesundheit/dok/230/230375.komplementaermedizin_auf_dem_pruefstand.html
    Bei dem dort dokumentierten Fachgespräch finden sich ein paar „übliche Verdächtige“ (Dr. Witt, Dr. Matthes).

    Es kommen aber auch „Evidenzler“ zu Wort; dann etwas zu „Cognition-based Medicine“ (?) und die bekannte Kritik an RCT-Studien, dass sie die Arzt-Patient-Zuwendung nicht einbezögen.

    Hier tut sich aber aus meiner Sicht ein logischer Spalt auf: wenn bei „kalter“ Medikamentenprüfung keine signifikanten Wirkungen festzustellen sind, dagegen bei der Einbeziehung persönlicher Zuwendung positive Effekte
    auftreten, dann relativiert das doch sämtliche behaupteten Erfolge der „Komplementärmedizin“. Die Schlussfolgerung heißt dann: die Medikation (und die zugrundeliegende Methodik) ist wurscht, solange die Zuwendung stimmt !!

    Ob das Frau Dr. Witt bewusst ist?

    Durchaus bemerkenswert ist das Fazit des Fachgespräches. Zitat von Biggi Bender, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen:
    „Sehr deutlich wurde, dass die Ressource Selbstheilung stärker in den Blick genommen werden müsse. Welche Rolle spielen sie beim Placeboeffekt? Wie beeinflussen Erwartungen von PatientInnen die Behandlungsergebnisse? Welchen Einfluss hat die Beziehung zwischen ÄrztInnen und PatientInnen auf den Behandlungserfolg?“

  9. inci schreibt:

    @JFDee,

    ich zitiere einmal aus dieser mail:

    _________________________________
    „Wir Grünen erwarten, dass Medikamente der „Schulmedizin“ nur dann zum Einsatz kommen, wenn sie ihre Evidenz nachgewiesen haben und stehen dazu, dass im Arzneimittelmarkt (zum Beispiel via Festbeträge) nur für Medikamente mit echtem Zusatznutzen höhere Preise durch die Krankenkassen gezahlt werden.“
    ________________________________

    hiermit unterstellt frau künast, daß medikamente von den kassen bezahlt würden, die nicht wirksam seien, und unterschlägt somit, daß die krankenkassen in deutschland nur die kosten für „schulmedizin“ (und therapien)nur übernehmen, die:

    -ihre wirksamkeit in klinischen studien nachweisen konnten

    – wenn G-BA und regierung die aufnahme in die kassenleistung beschlossen haben.

    entweder kennt sie tatsächlich nicht die wege,die in deutschland für eine kostenübernahme beschritten werden müssen, oder aber es wird versucht über diese aussage durch die hintertür zu implizieren, daß auch homöopathische medizin, deshalb in der kostenübernahme ist, weil sie ebenfalls ihre wirksamkeit bewiesen habe.

    darüber hinaus, wird für medikamente der „schulmedizin“ hier anscheinend ein fester kostenrahmen gesetzt, der für homöopathische medizin nicht greifen soll.

    ich persönlich habe nichts gegen leute, die zu zuckerkügelchen greifen. ich habe nur etwas dagegen, daß seit jahren von „sehern“ und „heilern“ mind knapping betrieben wird, mit dem ziel, alles was auf wissenschaftlichem und technischem fortschritt beruht als teufelswerk zu brandmarken.

  10. Pingback: Homöopathielinks der letzten Tage « testblog.de.tt

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