Preis für Homöopathen (Ooops! They did it again…)

 

Die Gesellschaft für ganzheitliche Tiermedizin (GGTM) hat einen Preis verliehen.  Für den Nachweis, dass Homöopathie auch nach wissenschaftlichen Kriterien funktioniert.

So etwas machen Homöopathen öfters: Als – nur mal als Beispiel – das Leipziger Trio Dilettantis Süß, Nieber &  Schmidt, ihren Belladonna-Murks ablieferten, wurde ihnen dafür der Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis aus dem Hause Heel verliehen.  Allerdings war das Ganze nur solange eine tatsächliche Ehrung, bis die Herren Wielandt, Bruhn und Keck – altgediente Hochschullehrer – den Murks als solchen identifizierten, und die alternativromantisch verklebten Augen der Öffentlichkeit für die mannigfaltigen Fehlleistungen der Leipziger Pharmazeuten öffneten.  Heute sind in der Liste der Reckeweg-Preisträger die  Namen der Belladonna-Artisten nicht mehr zu finden, was sich in jeder Beziehung als  berechtigt herausgestellt hat.

Nun ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Wunschdenken und ideologische Fixierung die Fähigkeit zur kritischen Distanz genauso erheblich beeinträchtigen, wie mangelnde Kenntnis der Materie. Manchmal ist es auch einfach das Fehlen wirklich bedeutsamer Ereignisse, wenn bei einer Preisverleihung der Eindruck entsteht, es gehe vorrangig darum, überhaupt den Preis zu verleihen; ganz egal, wofür.

Denn wie sagte (möglicherweise) Karl Kraus so treffend: Wenn die Sonne tief steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten…

Was davon nun für die Ehrung von Frau Dr. Werner verantwortlich war, überlasse ich gerne der Einschätzung meiner Leser. Jedenfalls war es im April diesen Jahres mal wieder soweit:  Die GGMT, diese veterinärmedizinische Lobbytruppe für komplementäres Herumgepfusche an Viechern, hat Frau Dr. Christina Werner (Akademische Rätin an der Uni Kassel, Fachbereich 11 Ökologische Agrarwissenschaften) für deren Dissertation aus dem Jahre 2006 den Forschungspreis 2010 mit nachfolgender Begründung verliehen:

 

Dr. Christina Werner, Universität Kassel, erhielt den Preis für ihre Klinische Kontrollstudie zum Vergleich des homöopathischen und chemotherapeutischen Behandlungsverfahrens bei der akuten katarrhalischen Mastitis des Rindes. In der randomisierten Studie wertete sie 147 akute katarrhalische Mastitiden von vier Milchviehbetrieben aus, bei denen die Kühe chemotherapeutisch, homöopathisch oder mit einem Placebo behandelt wurden. Bei allen Mastitiden unabhängig eines bakteriologischen Erregernachweises, gab es nach vier und acht Wochen keinen Unterschied in der Heilungsrate der chemotherapeutisch oder homöopathisch behandelten Tiere – dabei war bei beiden Versuchsansätzen die Rate nach acht Wochen signifikant besser, als nach Verabreichung eines Placebos. Frau Werner belegt mit ihren Ergebnissen die Wirksamkeit der Homöopathie für diese Indikation; sie weist aber auch darauf hin, dass eine umfassende Diagnostik grundlegend ist. Die Arbeit wurde finanziert vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Gut, isoliert betrachtet ist das Ergebnis dieser Studie ist sicher preiswürdig, sensationell ist es auf jeden Fall.

Deshalb wundert es ja ein wenig, dass diese außergewöhnliche Arbeit, die immerhin schon 2006 abgeliefert wurde, bisher keine besondere Würdigung erfahren hat, und erst im Zusammenhang mit der Preisvergabe in den Fokus öffentlichen Interesses geriet. Normalerweise werden solch´ grandiose Forschungsergebnisse doch wesentlich ausgiebiger gefeiert…

Sei es, wie es sei, und offenen Fragen lassen ein wenig Raum für Spekulationen:

Möglicherweise liegt die Zurückhaltung der Homöopathen am Studiendesign – eine dreiarmige, placebokontrollierte Doppelblindstudie. Das wäre ein Faktum, was zumindest die „klassischen Homöopathen“ vom Jubeln abhalten könnte.

Haben wir doch gerade erst auf dem DZVhÄ-Blog durch das vom Master of Demagogie,  Claus „Chefredakteur“ Fritzsche, ausgegrabene, schon zehn Jahre alte Ivanovas-Pamphlet erfahren, dass solches Studiendesign im Grunde völlig untauglich für die  Bewertung therapeutischer Erfolge, keineswegs aber für angemessen für die individualisierte göttliche Homöopathie ist. Da kann man natürlich nicht fünf Minuten später die Ergebnisse einer RCT-Studie bejubeln; auch wenn sie eine angebliche Erfolgsgeschichte ist.

Möglicherweise hat Frau Dr. Werner auch ihre Schlüsse aus der Leipziger Belladonna-Groteske gezogen. Jedenfalls erweckt die  mehrfacher Relativierung ihrer Studienergebnisse zumindest bei mir den Eindruck, Frau Werner würde – im Gegensatz zur GGTM – ihren eigenen Ergebnissen nicht so recht trauen. Denn sowohl in der prämierten Studie, als auch in weiteren Publikationen zur gleichen Thematik, sind einige Einschätzungen Frau Werners zu finden, die mit dem Tenor der GGTM-Laudatio eher schlecht in Einklang zu bringen sind:

Wird in der eingesandten Milchprobe ein Erreger nachgewiesen und haben sich bis dahin die klinischen Befunde des erkrankten Euterviertelsunter der homöopathischen Behandlung nicht deutlich gebessert, sollte aufgrund der eigenen Ergebnisse auf eine chemotherapeutische Behandlung nach Antibiogramm gewechselt werden. (1)

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen neben der Wirksamkeit des homöopathischen Behandlungsverfahrens unter spezifischen Bedingungen aber auch, dass die Raten der vollständigen Heilung einer katarrhalischen Mastitis unabhängig vom gewählten Behandlungsverfahren und unabhängig von einem Erregernachweis auf niedrigem Niveau liegen. Das Ergebnis macht deutlich, dass der Schwerpunkt der Bekämpfung von Euterentzündungen, die durch eine Infektion mit umweltassoziierten Mastitiserregern hervorgerufen wurden, weniger in der Therapie, sondern prioritär in der Präventive zu suchen ist. (1)

Die eigenen Ergebnisse untermauern, dass die Anwendung von Homöopathika für die Therapie der subklinischen Mastitis nicht empfohlen werden kann, unabhängig von der Art des nachgewiesenen Erregers. Deshalb sollte von Behandlungen dieser Art Abstand genommen und die Gesundheitsvorsorge intensiviert werden. (2)

Wirkliche Erfolgsgeschichten hören sich anders an.

Angesichts der Widersprüche

Frau Werner belegt mit ihren Ergebnissen die Wirksamkeit der Homöopathie für diese Indikation…

– Die eigenen Ergebnisse untermauern, dass die Anwendung von Homöopathika für die Therapie der subklinischen Mastitis nicht empfohlen werden kann…

erscheint es ratsam,  sich ein wenig intensiver mit Frau Dr. Werners Dissertation zu beschäftigen.  Allerdings haben das andere schon so ausgiebig betrieben, dass ich an dieser Stelle gerne auf den Internet-Auftritt des Mathematikers Prof. Dr. Gerhard Bruhn von der TU-Darmstadt verlinke. Der oben schon im Zusammenhang mit dem Leipziger Uni-Skandal genannte, hat sich ausgiebig mit der Statistik der Wernerschen Studie beschäftigt.

Wer nach der Lektüre tatsächlich noch Fragen haben sollte, warum der Studie und vor allem der Preisvergabe mit einer gesunden Portion Skepsis begegnet werden sollte,  für den empfiehlt sich, den Blick über den großen Teich lenken. Denn auch in den USA ist Frau Dr. Werners Dissertation mittlerweile ein Thema, nachdem Dana Ullman, Amerika’s Chefpropagandist in Sachen Homöopathie, die Studie entdeckt hat und ihre Ergebnisse bejubelt.  Das wiederum hat „The Quackometer“ veranlasst, die Studie zu kommentieren, wobei Andy Lewis zum Schluß seines Beitrags auf die Konsequenzen verweist:

Das ist die Art, wie sich die Homöopathie weiter entwickelt. Schwache oder gar keine Beweise werden als Erfolg gepriesen. Leute, wie Dana Ullman, die es eigentlich besser wissen sollten, springen auf eine schlechte Beweislage an und behaupten,  es stelle sich ein haltbarer Effekt dar. Wir können sicher sein, dass diese Studie als Beweismittel herangezogen wird, um zu zeigen, dass Kühe mit Homöopathie behandelt werden können,  und dass es sich dabei nicht um die Nutzung des Placebo-Effekts handelt.

Zwar werden andere Leute auf die Schwächen in der Studie hinweisen, aber kein Homöopath wird diese Warnungen ernstnehmen. Ihre Religion wird nicht erschüttert werden. Dieses Papier wird zum großen Haufen von Schrott-Wissenschaft hinzugefügt werden, der verwendet wird, um den Unsinn der Ultra-Verdünnungen zu fördern.

Und auch wenn sich Landwirte von dieser Studie täuschen lassen: letztendlich sind es die Kühe, die darunter leiden. (3)

Fasst man alle diese Einwände – besonders auch die der Verfasserin – zusammen, stellt sich die Frage, mit welcher Ethik die GGTM  ihre PR-Bemühungen (nichts anderes ist die Preisvergabe) rechtfertigt ? Mit Tierschutz und wissenschaftlicher Redlichkeit in der ganzheitlichen Tiermedizin hat das Ganze nur sehr wenig zu tun.

Mein Vorschlag an Frau Dr. Werner: Setzen Sie ein Zeichen der Vernunft. Geben Sie den Preis zurück. Dem Viech zuliebe.

b

b

PS. Danke an ama für den Hinweis.

b

Endnoten:

(1) Empfehlungen zum Einsatz des klassisch-homöopathischen Behandlungsverfahrens bei der Therapie der akuten katarrhalischen Mastitis des Rindes. Werner, Christina; Sundrum, Albert und Sobiraj, Axel (2007) [Recommendations for using the homeopathic treatment strategy in the case of bovine clinical mastitis.] Zwischen Tradition und Globalisierung – 9. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Universität Hohenheim, Stuttgart, Deutschland, 20.-23.03.2007.

(2) Ist die Behandlung von subklinischen Mastitiden mit Homöopathika empfehlenswert? [Is homeopathic treatment recommended for subclinical mastitis?] Werner, C. und Sundrum, Prof. Dr. Albert (2004) 8. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Kassel, 1. -4. März 2005. In: Heß, J und Rahmann, G (Hrsg.) Ende der Nische, Beiträge zur 8. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, kassel university press GmbH, Kassel.

(3) http://www.quackometer.net/blog/2010/09/can-homeopathy-cure-mastitis-in-cows.html

(…) This is how homeopathy continues. Weak or non–existent evidence is trumpeted as success. People who ought to know better, such as Dana Ullman, leap on poor quality evidence and pretend it proves an effect. We can be sure that this study will be dragged out into the light to show that cows can be treated with homeopathy and so “it cannot be placebo”. Other people will point out the weaknesses in the study, but no homeopath will take this on board. Their religion will not be shaken. This paper will be added to the large pile of junk science that is used to promote the nonsense of ultra-dilutions. And, if any farmer is fooled by this, it is their cows who will suffer.

Ich habe mich bemüht, den Text dem Sinn entsprechend zu übersetzen.

Dieser Beitrag wurde unter "Alternativ - Medizin" abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s