Universität Viadrina auf Abwegen No.2: Brandenburger Linsencurry…

…gehört  bisher zwar noch nicht zu den Standards der Regionalküche, aber es dräut unheilvoll am Horizont. Und wenn die Viadrina mit ihrem jüngsten Projekt Erfolg haben sollte, spricht einiges dafür, in naher Zukunft den wohlfeilen Ratschlag Rainald Grebes zu beherzigen: „Nimm Dir Essen mit, wir fahrn nach Brandenburg!“

Zu verdanken haben wir nämlich diesen Angriff auf Beelitzer Spargel, Teltower Rübchen und Hecht mit Spreewaldtunke der Brandenburger Himmelspforte, dem Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Viadrina. Dort nämlich hat  Prof. Hartmut Schröder mit seinen Vasallen „Ayurveda“ entdeckt und Dank etlicher Euronen aus der Indischen Staatskasse auch sofort eine Professur eingerichtet.

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Was ist Ayurveda ?

Spätestens wenn der Verlag Gräfe und Unzer ein Thema wie „Ayurveda“ in einem seiner dünnen Breviere in gewohnter Anspruchslosigkeit populistisch aufbereitet, kann man sich eigentlich die Darstellung sparen: Mütterchen Mü und Fritz Brause wissen eh schon alles.

Machen wir´s deshalb kurz: Ayurveda ist was angeblich Alternatives aus Indien, bei dem Essen in gewöhnungsbedürftiger – weil therapeutischer – Zusammensetzung vor oder nach Öl-Massagen (1) in leicht angeranztem Butterfett gekocht und unter Absingen heilfördender Mantren  gegessen wird. Das hält ein  Leben lang gesund.

Allerdings erst, wenn man sich regelmäßig einem „Panchakarma-Ritual“ (2) genannten  brachialen Reinigungsverfahren des Verdauungstraktes und der anhängigen Organe unterzieht, welches vor 200 Jahren Samuel Hahnemann zur Erfindung der Homöopathie veranlasst hätte, wäre es ihm denn bekannt gewesen.

Der erste Teil der Definition wird auch bei Gräfe und Unzer erwähnt, der zweite Teil dient der Überraschung des Patienten, wenn der sich mal so richtig ayurvedisch therapieren lässt.

Dazu addieren sich indische Varianten von Maria Trebens Kräuterküche, natürlich mit den vielfältigen Gewächsen der dortigen Flora, und – nicht gerade selten –  auch mit ein paar Schwermetallen, die bei uns  leider im Ruf stehen, der Gesundheit nicht besonders zuträglich zu sein. Zum guten Schluss gibts dann noch einige  gymnastische Körperübungen mit exotischen Namen sowie gute Ratschläge vom ayurvedischen Doktor.

Alles in allem ein traditionelles, alle Lebensbereiche umfassendes Konzept zur Lebensführung, das zutiefst mit den weltanschaulichen, kulturphilosophischen und sozioökonomischen Bedingungen Indiens verbunden ist und dessen Kompatibilität mit westlichen Lebensweisen bezweifelt werden darf.

Aber damit und gerade deswegen ist Ayurveda natürlich ein Spitzenkandidat für die Integration in die dem Zeitgeist abgerungene  deutsche Patchwork-Komplementärheilerei. Und wenn schon das Recycling überholter Heilverfahren mit der von den Chinesen abgelegten TCM bekanntermaßen gut gelungen ist, wird doch die Viadrina nicht an deren indischem Pendant scheitern, oder?

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Viadrinas Ayurveda-Getöse

Allerdings wundert es ein wenig, mit welchem Theatergedonner die Verantwortlichen der Europa-Universität ihre Entdeckung des Ayurveda feiern.

Sollte es Pleuger, Schröder, Walach und Co. entgangen sein, dass seit wenigstens zwanzig Jahren u.a. die Maharishi-Organisation den Markt mit dem öltriefenden Wellness-Angebot gut im Griff hat?

(Zur Erinnerung:  das ist die Truppe mit den erleuchtet grinsenden Jüngern, denen man erzählt hatte, sie könnten  nach eifriger Meditation fliegen, und die daraufhin eine gewisse Zeit lang dabei abgelichtet wurden, wenn sie sich im Lotussitz verzweifelt herumkatapultierten und zwischen Start und Landung so etwas wie eine Flugphase zu realisieren versuchten…)

Ayurveda und seine Hybride sind mittlerweile so verbreitet in Deutschland, dass nach Einschätzung des Verfassers dem Verfahren derzeit die gleiche ökonomische Schicksalskurve droht wie sie „Reiki“ erleben musste. Nach anfänglichem Hype folgt die tiefe Ernüchterung, dann die Marktsättigung, und schließlich verschwindet das Ganze wieder in der ökonomischen Nische; oder, wie Reiki, unter einem Stein.

Selbst der seit langen Jahren regelmäßig zum Zwecke der Vermarktung seines Ayurveda-Ressorts Atmasantulana Village durch Deutschland tourende    Dr. Shri Balaji Tambe –  jener als einer der größten Ayurveda-Spezialisten unserer Zeit von der einschlägigen Fachpresse im deutschsprachigen Raum gefeierte,  allerdings in der traditionellen Ayurveda-Kultur Indiens weitgehend unbekannte  ehemalige  Maschinenbau-Ingenieur, Möbelproduzent und aktuelle  Hotelmanager –  macht derzeit  mehr in Beziehungs- und Musiktherapie.

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Ayurveda und Wissenschaft

Gut, wir wissen ja mittlerweile durch die Vertreter der Komplementärheilerei, dass eine Jahrtausende währende Tradition eigentlich jede wissenschaftliche Begutachtung ersetzt. Deswegen ist es zwar grundsätzlich richtig, wenn die Viadrina-Experten einräumen, Ayurveda mangele es an der wissenschaftlichen Fundierung, aber hat das bis heute die Proponenten des Ayurveda gestört ?

Aber nein, wohl eher nicht, ganz im Gegenteil. Es wäre dem Geschäft nämlich möglicherweise abträglich, wenn man schwarz auf weiß nachlesen könnte, dass Ayurveda – ähnlich wie auch die TCM – nicht einmal ansatzweise die westliche Hoffnung auf Friede, Freude, Eierkuchen und Unsterblichkeit erfüllt.

Denn wesentlich für den Ayurveda-Boom oder den TCM-Hype ist und bleibt das Wunschdenken, dass sich in den traditionellen  und in weiten Teilen abstrusen  Heilverfahren der beiden größten Ländern der Erde gar wundervolle Therapieansätze verbergen, die unsere ignorante Wissenschaftsmedizin leider sträflich vernachlässigt.

So wundervoll sind diese Ansätze, dass Viadrina-Vorbeter Walach vor lauter Begeisterung mal eben ein paar Fakten verwechselt, wenn er schreibt:

Rund zwei Drittel aller Krankheiten gelten als nicht heilbar. Häufig ist bestenfalls die Therapie der Symptome möglich – manchmal nicht einmal das. Aus diesem Grunde gewinnt Ayurveda in der momentanen Situation der alternativen Medizinsysteme in Europa und besonders in Deutschland immer mehr an Bedeutung, nicht nur im Bereich der Prävention, sondern auch bei der Heilung besonders chronischer Erkrankungen.

Gut, manchmal redet Walach ein wenig Blödsinn, was sich schon anhand der etwa 40 Millionen an Diabetes Typ 2  Erkrankten in Indien zeigt, die dem Land damit den zweifelhaften Ruf als „diabetes capital of the world“ verschaffen,  aber das Zitat diente ja auch nur der Ankündigung einer Marketing-Veranstaltung. Wodurch Walach jedoch seine Behauptungen belegt sieht, bleibt wohl sein Geheimnis.

Nun weisen die wirklichen Fachleute ab und an darauf hin , dass die Wunder von Ayurveda oder der traditionellen chinesischen Medizin maßlos übertrieben werden. Was durchaus nachvollziehbar ist, da Indien ebenso wie China  sicher kein Musterländle für gute Volksgesundheit ist. Geschweige denn sind  – in Anbetracht der Tatsache, dass Indien  weder seine Kindersterblichkeit noch den durch Krankheit verursachten Verlust von Lebensjahren in den Griff bekommt und immer noch verhältnismäßig hilflos wesentlichen Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Malaria, Cholera, Tetanus oder  Tollwut ausgeliefert ist – gar irgendwelche Signale zu erkennen, dass ausgerechnet  in der antiquierten Volksmedizin „die“ innovativen Impulse für die  Behandlung  europäischer Wohlstandsmalessen zu finden sein könnten.  Letztere  Malaisen wiederum zählen  ziemlich sicher nicht zu den wesentlichen Problemen der indischen Bevölkerung.

Ein Blick in die WHO-Statistiken zeigt dann auch eine Realität, die mit den absurden Wunschvorstellungen deutscher Komplementärheiler nur schwer in Übereinstimmung zu bringen ist. Nimmt man nämlich die Kindersterblichkeit oder die Lebenserwartung eines Staates oder einer gesamten Region als Indikator für die Qualität der dort praktizierten Gesundheitsfürsorge, so zeigt die Statistik für das von Impfschäden, chronischen Krankheiten und einer unmenschlichen Schulmedizin schwer gebeutelte Deutschland im Jahr 2009  eine Kindersterblichkeit von etwa 3,9 Todesfällen auf 1000 Geburten sowie  eine Lebenserwartung bei Frauen von 82 Jahren und bei Männern von etwa 76 Jahren.

In Indien dagegen liegt die Kindersterblichkeit bei 30,5 Todesfällen auf 1000 Geburten, das 5. Lebensjahr erreichen 85 von 1000 Kindern nicht, die Lebenserwartung von Frauen liegt bei 65 Jahren, von Männern bei 62 Jahren. In den WHO-Statistiken zu Public Health steht Indien auf dem 112. Platz und die BRD auf dem 24. Platz, wenn es um die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung geht.

Da mutet es schon ein wenig weltfremd an, wenn Viadrina-Präsident Gunter Pleuger seine hochtrabenden  Ziele verkündet:

„Wir würden gerne zur führenden Hochschule auf dem Ayurveda-Gebiet und darüber hinaus werden.“ (3)

Und Prof. Hartmut Schröder, Fakultätsvorstand, Sozialwissenschaftler, Linguist, Unternehmer in Sachen Klangschalen sowie medizinischer Laie   – und deswegen natürlich auch Fachmann für Verfahren der alternativen Heilkunde –  erläutert dann weiter:

Es sei denkbar, künftig an der Viadrina Standards zu entwickeln, die die Qualität von Produkten und Dienstleistungen rund um Ayurveda festlegen. (4)

Halleluja !

Genau darauf werden die indischen Ayurveda-Universitäten sicher gewartet haben:  dass der in wissenschaftlichen Grenzgebieten agierende, ohne medizinische Forschungseinrichtungen ausgestattete und ziemlich umstrittene Ableger der Kulturwissenschaftlichen Fakultät einer kleinen deutschen Uni  endlich die Standards für eine Spielart der indischen Volksmedizin festlegt und den Ayurveda-Doctors mal zeigt, wie der Bartel das Curry kocht.

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Endnote(n)

(1,2) Die Ölmassagen im traditionellen ayurvedischen Heilsystem haben, im Gegensatz zur deutschen Wellness-Interpretation, eine ganz andere Funktion: Sie sind Bestandteil des panchakarma-Rituals und damit funktional eingebunden in ein sehr individuell auf den Zustand des Patienten abgestimmtes Heilverfahren, an dessen Anfang eine umfangreiche, wenn auch fragwürdige Diagnosetätigkeit steht.

So werden den Ölen, die zum Einsatz kommen, bis zu 25 Pflanzenbestandteile beigemischt, die maßgeblich die Wirkung erzeugen, die der Therapeut erzielen will. Therapeutischer Sinn ist dabei kaum die Entspannung des Menschen, sondern Entgiftung, ggf. auch die Wiederherstellung von reduzierter Bewegungsfähigkeit. Die Massagen, auch in Verbindung mit anderen körpertherapeutischen Maßnahmen, sind allerdings nur die Einleitung des meist 4 Wochen (und länger) dauernden panchakarma-Heilrituals, welches nach westlichen Maßstäben aus eher rüden Therapiemaßnahmen besteht.

Dazu gehören das tägliche Trinken von mehreren Tassen Öl oder Ghee, bis nur noch Fett über den Darm ausgeschieden wird, anschließend erfolgt eine mehrtägige Schwitzkur mit Massagen. Der innere Reinigungsprozess wird dann durch provoziertes mehrfaches Erbrechen über einen Zeitraum bis zu drei Tagen eingeleitet. Dann erfolgt eine Abführkur, bei der durch pflanzliche Abführmittel bis zu 30 tägliche Darmentleerungen erreicht werden. Ist der Verdauungstrakt gründlich geleert, folgen Öl-Einläufe mit Klistieren in den Mastdarm. Auch dieses Maßnahme dient der Ausleitung von Giftstoffen und schädlichen Stoffwechselprodukten. Parallel dazu werden andere Körperöffnungen – Nase, Mund und Ohren – mit verschieden Verfahren und Lösungen gereinigt.
Da diese sehr strapazierenden Therapiebestandteile das Herz-Kreislauf-System belasten, soll über einen Aderlass oder durch Schröpfen mit Blutegeln für eine Entlastung gesorgt werden. Dabei werden dem Organismus bis zu 500 Milliliter Blut entnommen.

Zum Abschluss einer panchakarma-Therapie – wenn der Patient sie ohne Komplikationen überstanden hat – wird dieser langsam wieder an seine übliche Nahrungsaufnahme bzw. Lebensgewohnheiten gewöhnt.
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(3) Quelle des Zitats: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/315702/315703.php

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(4) Quelle des Zitats: https://www.berlin.de/special/jobs-und-ausbildung/uni-und-studium/news/1310908-999260-viadrinaersteayurvedaprofessur.html

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3 Antworten zu Universität Viadrina auf Abwegen No.2: Brandenburger Linsencurry…

  1. Theo Fehr schreibt:

    Nach dem Artikel habe ich suchen müssen … er wäre wohl in einer verbreiteten seriösen Zeitschrift auch kaum veröffentlicht worden.

    Überwiegend vorurteilsbehaftet und nicht durch irgendwelche Kenntnisse wissenschaftlicher Studien der letzten vier Jahrzehnte getrübt.

    Im Wesentlichen ein kaum rational belasteter Ausfluss von Emotion, Verachtung und intellektueller Blockade.

    Es ist zu hoffen, dass der Autor sich danach erleichtert fühlte.

    Mit freundlichem Gruß
    Dipl.-Psych. Theo Fehr
    Psychologischer Psychotherapeut

  2. Gaspode schreibt:

    „…Überwiegend vorurteilsbehaftet und nicht durch irgendwelche Kenntnisse wissenschaftlicher Studien der letzten vier Jahrzehnte getrübt….“

    Sie sprechen von sich selbst??

    Ich habe mir erlaubt, Ihre Homepage zu besuchen und fand sehr viel Konfabuliertes zum Thema ADHS inclusive der Empfehlung eines gewissen Hans Reinhard Schmidt als seriöse Quelle zum Thema.

    Wenn Sie auch sonst in Ihren fachlichen Belangen so „top up to date“ sind wie Sie mit Ihrer Web-Präsenz öffentlich demonstriert haben, dann kann ich nur Ihrer zuständigen Kammer empfehlen, Ihnen dringend Fortbildungen anzuraten, damit Sie z.B. in puncto ADHS wenigstens in Fernberührung mit dem aktuellen State of the Art gelangen!

    A propos Fortbildungen:
    Vielleicht ist der Komplementärmedizin-Studiengang an der Viadrina dafür nun NICHT der geeignete Ort…

  3. Anouk aus München schreibt:

    Möchte keinesfalls die problematischen Aspekte des Ayurveda leugnen. Die gibt es nicht zu knapp und sie aufzuzeigen wäre schon lange notwendig.
    Aber ich muss mich Theo Fehr anschließen… Etwas wirr ist der Artikel schon… Hätte es Ihm nicht gut getan, die medizinischen, politischen, religiösen und ökonomischen Aspekte etwas mehr auseinander zu halten und nicht das eine mit dem anderen auch noch zu untermauern? Aufklärung, kritisches Denken, Verdichtung von Argumentationsfäden, pointiert zu schreiben is wirklich was anderes…
    Bitte keine Angriffe wie in der Antwort auf den ersten Kommentar.
    LG, Anouk

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