Graneis oder Die Kunst, den Sinn vom Un- zu trennen

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Der Artikel ist Ralf Behrmann gewidmet.

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Es ist ein Glücksfall, heute auf Studenten zu treffen, die trotz der Bulimie-Pädagogik (1) an deutschen Gymnasien die Fähigkeit entwickelt haben, nicht nur zu replizieren, sondern ab und an auch einige Überlegungen zu dem anzustellen, was sie da erlernen.

Claudia Graneis ist so ein Glücksfall.

Die angehende Pharmazeutin hat sich nicht nur die Zeit genommen, darüber nachzudenken, warum sie Elementares über ein Verfahren lernen soll, das in seinen Grundzügen allem widerspricht, was sie sonst so zu lernen hat; sie hat auch an entsprechender Stelle nachgefragt (klick).

Die ihr übermittelte Antwort zeigt deutlich:  Die von Claudia Graneis angestoßene Debatte um „Besondere Therapierichtungen“ wie die Homöopathie bzw. die anthroposophische Medizin, deren absurde (pharmakologische) Verfahren in der akademischen Ausbildung von  Mediziner bzw. von Pharmazeuten heute Prüfungsstoff sind, muss dringend zur rational und vor allem öffentlichen geführten Diskussion unter Beteiligung von Politik, Wissenschaft und ggf. auch der Juristen werden.

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Einfältige Politik:  Unsinn zum Gesetz gemacht

Es ist nicht zu diskutieren: Die kuriosen und obskuren Verfahren „Homöopathie“ und „Anthroposophische Medizin“, deren prüfungsrelevantes Erlernen wohl für die meisten der in der wissenschaftlichen Ausbildung stehenden, zukünftigen Heilkundlern eine Zumutung darstellt, haben keineswegs wegen ihrer überzeugenden Heilerfolge – sonst wären sie längst integrierte Bestandteile der Hochschulmedizin – ihren  gesetzlichen Sonderstatus und damit so etwas wie eine „offizielle Anerkennung“ erhalten, sondern  ausschließlich als Ergebnis massiver politischer Lobbyarbeit in den 1970er Jahren, als u.a. die Contergan-Katastrophe zu der Einsicht führte, dass es einer dringend notwendigen Novellierung des Arzneimittelgesetzes bedurfte.

Als im Zuge der gesetzgeberischen Arbeit jedoch sehr schnell deutlich wurde, dass die neuformulierten qualitätssichernden Anforderungen an Arzneimittel das „Aus“ für die „Arzneien“ der anthroposophischen Medizin bzw. der Homöopathie bedeutet hätten, brach über den Parlamentariern eine Sintflut lobbyistischer Manipulationen zusammen, die heute noch ihresgleichen sucht.       

Federführend dabei waren besonders die Anthroposophen aus dem Umfeld der Privat- Universität Witten/Herdecke. Wohl wissend, dass die okkult-mystischen Grundlagen der anthroposophischen Medizin und deren Heilmittel, den meisten Klienten der alternativen Medizin kaum bekannt sind, zogen diese eine unglaubliche Show ab, in der Tod, Teufel und der Untergang der abendländischen Kultur beschworen wurde, falls man im novellierten Arzneimittelgesetz nicht Raum und Privilegien für die Phantasien eines mit hoher Wahrscheinlichkeit geisteskranken Okkultisten(2) des späten 19. Jahrhundert schaffen  würde.

Dass Rudolf Steiner mit Wissenschaft so viel am Hut hatte, wie ein durchschnittlicher Kreationist aus dem amerikanischen Bible-Belt mit Darwins Lehre von der Entstehung der Arten, und seine außerordentlichen Erkenntnisse – auch die zur Medizin – in erster Linie aus der fiktiven Akasha-Chronik, die in Steiners lädiertem Hirn so konkret war, dass er, als Einziger, praktisch ausschließlich aus ihr – mittels sogenannter „Geistesforschung“ – seine „Erkenntnisse“ gewann und damit natürlich auch zur Referenz für sich selber wurde, darüber haben die Herdecker Anthroposophen selbstverständlich geschwiegen.

“Die Tatsachen sind durch rein übersinnliche Beobachtungen gewonnen; und es muß sogar gesagt werden, dass der Geistesforscher am besten tut, wenn er sich allen Schlußfolgerungen aus seinen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen peinlich genau entäußert; denn durch solche Schlußfolgerungen wird ihm leicht der unbefangene innere Sinn der Geistesforschung in die Irre geführt.”

(Quelle: Rudolf Steiner, Aus der Akasha-Cronik, „Vorurteile aus vermeintlicher Wissenschaft“)

Vielmehr konstruierten die Anthroposophen, unter missbräuchlicher Nutzung wissenschaftstheoretischer Überlegungen, ein Angstszenario: Sollte das Arzneimittelgesetz auf den gefürchteten empirischen Wirksamkeitsnachweisen bestehen, sei nicht nur die ärztliche Therapiefreiheit in Frage gestellt,  sondern insgesamt die Freiheit von Wissenschaft und Forschung und damit letztlich ein wesentliches Element unserer liberalen Gesellschaftsform.

Wie schon gesagt: Ganz großes Theater.

Dabei ging es eigentlich nur darum, solch´ außerordentlich bedeutsamen Heilmittel wie Anus bovis (Naja, Kuharsch halt – eingesetzt bei allerlei Unanehmlichkeiten am Darmausgang), Uterus suis (Uterus von der Sau – eingesetzt bei Unfruchtbarkeit) oder, ebenfalls vom Schwein, Dens suis (Schweinezahn – eingesetzt bei allen möglichen Erkrankungen im Mundraum)  vor dem Absturz in den Orkus zu bewahren, vor allem aber, den anthroposophischen Arzneimittelherstellern wie Weleda und Wala das lukrative Mistel-Geschäft mit den Krebspatienten nicht zu versauen.        

Hätten die Anthroposophen allerdings damals, als Begründung, warum die Welt weiterhin dringend ihre Arzneien benötigt, ihre betriebsinternen Überlegungen zu den Wirkungsweisen ihrer Arzneien verkündet, z.B. die der bedeutenden anthroposophischen Ärztin Rita Leroi zur Mistel als Krebsmittel, es hätte möglicherweise ein anderes Abstimmungsergebnis im Bundestag gegeben. 

„Die Mistel saugt den Mond-Erdenäther auf, aber dann wendet sie sich mit ausgesprochen lichtsuchender Gebärde dem Umkreis zu und besiegt mit dieser Lichtverbundenheit die Wuchertendenz in sich selber.“ 

 (Quelle: Leroi, Der Ätherleib zwischen Kosmos und Erde)

Nun, die rhetorische Narkotisierung des Bundestages funktionierte, und entgegen jeder Vernunft, entgegen jeder rationalen Betrachtung der Materie, entgegen der umfassend  negativen Erfahrungen aus vergangenen Jahrzehnten mit anthroposophischen oder homöopathischen Arzneien, kam es zu den Sonderregelungen für die „Besonderen Therapierichtungen“.

Das Ergebnis dieses kollektiven Black Outs der deutschen Politik ist allerdings bis heute fatal: Seit mehr als drei Jahrzehnten wird die Diskussion über die Homöopathie und ihre Derivate geführt – und erzeugt böses Blut.  

Wobei der Eindruck, dass es sich um eine zwar emotional geführte, aber dennoch wissenschaftliche Auseinandersetzung handelt, ein großer Irrtum ist. Vielmehr ist es ein Aufeinanderprallen von rational oder eben irrational begründeten Weltsichten, es ist ein Streit um Wissen versus Glauben.

Wichtig ist, sich über diese verschiedenen Ebenen in der Auseinandersetzung um die Homöopathie bzw. um die anthroposophische Medizin bewusst zu sein.

Eine Auseinandersetzung auf der Ebene Wissen versus Glauben kann schon deswegen nicht zu nicht zu Siegern und Verlierern führen, weil in einer toleranten Gesellschaft gilt:

Jeder hat ein Anrecht auf seine eigene Meinung.

Für die Anerkennung auch noch so großen Blödsinns darf man in einer liberalen Gesellschaft wie der Unseren in die argumentative Schlacht ziehen. Was aber bei einem solchen Diskurs nicht vergessen werden darf: es geht ausschließlich um einen Platz für konkurrierende Ideen im sozialen Miteinander, nicht aber um den Beweis der „Wahrheit“ einer ganz bestimmten Idee.

Sachentscheidungen sind auf dieser Ebene nicht möglich, die Diskussionen hinterlassen Opfer und mehr oder weniger faule Kompromisse, keinesfalls aber keinen Konsens. Was wir also benötigen, ist eine Diskussion, die unter der Beachtung der Prämisse geführt wird:

Niemand hat ein Anrecht auf seine eigenen Fakten.

Faktenwissen schert sich nicht um soziale Befindlichkeiten, hier geht es um die bestmögliche Beschreibung der Wirklichkeit. Und die Fakten  zur Homöopathie  sprechen eine so überwältigend deutliche Sprache, dass es keinen berechtigten  Grund gibt, die Homöopathie und Co. nicht stante pede wieder aus dem Curriculum der Mediziner- und Pharmazeuten-Ausbildung  zu streichen; es hatte – aus wissenschaftlicher Sicht – schon keinen tragfähigen Grund gegeben, sie überhaupt aufzunehmen.

Allein der zentrale Webfehler der oben angesprochenen gesetzlichen Regelungen im deutschen Sozialgesetzbuch, der darin besteht, den sogenannten „Besonderen Therapierichtungen“ den Nachweis der  Wirksamkeit ihrer Mittel nach den strengen und anerkannten Maßstäben der evidenzbasierten Medizin zu ersparen, spricht in diesem Zusammenhang Bände. Denn wäre nicht die einzig bedeutsame Frage, ob Homöopathie und Co. wissenschaftlich begründete Therapien sind, schon vor wenigstens einem halben Jahrhundert  längst zum Nachteil der dieser Therapierichtungen, die sich nun „besonders“ nennen dürfen, entschieden gewesen, es hätte dieser Ausnahmeregelung nicht bedurft.

 

Zwischen Restverstand und Absurdistan

Die anthroposophische und homöopathische Lobby war sich in den 1970er und ´80er Jahren, trotz ihres politischen Erfolges, sehr wohl bewusst, dass sie ihre fortan privilegierte Position eben nur einer dem Zeitgeist geschuldeten, politischen und damit revidierbaren Entscheidung zu verdanken hatten – und irgendwann doch wieder nach Beweisen gefragt werden würden.

Postwendend begann ein weiteres beschämendes Kapitel der deutschen Medizingeschichte: die CAM-Forschung.

Beschämend deshalb, weil sie, von Skandal zu Skandal hangelnd, nicht nur ein erschreckendes Bild von der mangelhaften Qualität ideologisch motivierter Forschung zeichnet, sondern weil von der alternativen Szene selbst die durchgängig negativen Ergebnisse ignoriert werden. Man sehe sich, als nur ein Beispiel, das vernichtende Resultat der Walachschen „Belladonna gegen Kopfschmerz-Studie“ an und vergleiche sie kurz mit der aktuellen Verordnungspraxis oder den vielfältigen homöopathischen Therapieempfehlungen für Belladonna bei Kopfschmerzen. Ich wäre, an Harald Walachs Stelle, über die konsequenten Missachtung meiner Forschungsleistungen stinksauer.

Nun würde eine detaillierte Darstellung der Forschungsergebnisse alternativen Medizin wohl aus mancher wohlfeilen Illusion pure Enttäuschung werden lassen, hier aber sprengt ein solches Vorhaben nicht nur den Rahmen, sondern ist eigentlich auch nicht nötig, denn zumindest für die Homöopathie fassen prominente Vertreter der CAM-Szene den Stand der Dinge mittlerweile selbst recht präzise zusammen. So sei der oben genannte, als einer der Hauptakteure in Sachen Homöopathie-Forschung äußerst umstrittene Psychologe Prof. Dr. Dr. Harald Walach, – ausnahmsweise einmal gerne – zitiert:

„Eine Weile schien es, als würde gute Forschung die Wirksamkeit der Homöopathie beweisen. Dann wiederum kehrte große Frustration in die Forschergruppen ein.(…)“

(Quelle: Walach, Organon 2010)

Rainer Lüdtke, ehemaliger Chef-Statistiker und Sprachrohr der Carstens-Stiftung (KVC), die sich u.a. der Förderung , Erforschung und besonders gerne der Verbreitung der Homöopathie widmet, äußerte sich nicht weniger eindeutig:

„Das Grundkonzept der Homöopathieforschung, die allgemeine Wirksamkeit der Homöopathie an der isolierten Wirksamkeit der homöopathischen Arzneimittel festzumachen, muss insgesamt als gescheitert angesehen werden.“

 (Quelle: Lüdtke, WDR 5)

Nicht ganz unerwartet haben deshalb seit einiger Zeit einige Vertreter der Homöopathie, wie beispielsweise der Historiker Dr. Robert Jütte, der sich als Sachwalter des Hahnemannschen Erbes ansieht, so etwas wie einen vorsichtigen Rückzug angetreten. So war von Jütte vor kurzem in einem Interview des SWRs (3) zu hören, dass er die Homöopathie zukünftig in der Placeboforschung verortet sieht. Als ähnlich motiviert muss wohl auch der Artikel des für den Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVHÄ) tätigen Journalisten Björn Bendig gewertet werden, der auf dem DZVHÄ-Blog sich lang, breit und meist falsch zum Placebo-Effekt äußert. Dass das nur eine Stil-Übung war, glaube wer will.      

Deshalb hat die Forderung der homöopathischen Anhängerschaft nach „mehr Forschung“ bezüglich homöopathischer Arzneien mittlerweile eine reine Alibifunktion. Sie dient nur noch dazu, der glaubenshungrigen und beratungsresistenten Anhängerschaft die Illusion zu erhalten, dass der wissenschaftliche Beweis schon längst erbracht wäre, wenn es nur mehr Forschungsgelder, mehr Forschungseinrichtungen und mehr Forscher gäbe. 

In den Kreisen der weltweit „führenden Homöopathen“ ist aber schon längst die schmerzliche Erkenntnis angekommen, dass die Homöopathie – als angeblich „wissenschaftliches Verfahren“ auf den objektivierbaren Eigenschaften homöopathischer Arzneien basierend – nicht nur vollständig gescheitert ist, sondern sich mittlerweile auch lächerlich macht.    

Zum Letzteren hat ganz wesentlich eine Strömung  in der Homöopathie beigetragen,  sich von den nach Hahnemannschem Vorbild  „streng rational“ entwickelten Arzneimittelbildern zu entfernen; wobei anzumerken ist, dass „streng rational“ bei Hahnemann nicht gleichzeitig auch „richtig“ bedeutet. 

Diese Einsicht, nämlich die, dass auch die Arzneimittelbilder der „klassischen Homöopathie“ nur spekulativen Charakter haben, führte – fast schon zwangsläufig – zur beschriebenen Abkehr von der orthodoxen Lehre und hin zu einer Homöopathie, die man, darüber besteht zwischen Kritikern und zumindest den klassischen Homöopathen ausnahmsweise einmal Einigkeit, berechtigt als „NewAge-Monster“ titulieren darf.

Diese NewAge-Monster ist die Kapriolen schlagende Homöopathie des esoterik-affinen Zeitgeistes, die uns jeden Tag mit schrillsten Stilblüten begegnet – und die trotzdem ernst genommen werden will.

Das ist die Homöopathie,

  • die ihre Arzneimittelbilder anhand Globuli-Fläschchen unter dem Kopfkissen und den angeblich daraus resultierende Träumen entwickelt oder deren Wirkung mittels Meditation über das Mittel festzustellen zu können meint;  
  • die ihre Arzneimittelbilder, also die angeblich heilsamen Eigenschaften eines Präparats, nicht mehr als Ergebnis von Patientenbeobachtung beschreibt (wie Hahnemann es forderte), sondern genau das Gegenteil betreibt, nämlich angebliche Eigenschaften von Substanzen allein anhand rein theoretischer Überlegungen oder willkürlicher Analogiebildung  – beispielweise mittels der Signaturenlehre –  feststellt und die solchermaßen „erforschte“ Arznei ohne jedes Prüfverfahren anwendet;
  • die ungeprüfte oder mit obskuren Methoden „erforschte“ Arzneimittel an Patienten ausprobiert, und, falls diese gesunden, die geheilten Symptome einer tatsächlichen Erkrankung (und nicht der von Hahnemann postulierten geistartigen Störung der Lebenskraft) in das Arzneimittelbild aufnimmt – frei nach dem Motto „Cum hoc ergo propter hoc“ und unter völliger Missachtung der Frage, was die tatsächliche Ursache der Gesundung ist.
  • die der Auffassung des Niederländischen Homöopath Jan Scholten folgend, quasi jede Substanz als Heilmittel auffasst und  – dieser Überzeugung folgend – auch alles anwendet, selbst völlige Absurditäten wie „Vakuum“, „Feder vom Roadrunner“ , „Pele´s Hair (Kilauea – Lava)“  oder „Magnetis poli ambo“, also Milchzucker, der beiden Polen eines Magneten bis zur „Sättigung“ ausgesetzt wurde – nach Ansicht des indischen Homöopathen Farokh Master ein probates Mittel gegen Vorhautverengung (Phimose);       
  • die sich – als Ausdruck der Abkehr von jeder konventionellen Pharmazie –  vollkommen von der materiellen Arznei löst, dafür die „Heilwirkung“ über einen Strichcode, der dem Patienten auf malade Körperteile gepinselt wird,  „energetisch“ übermittelt.

Doch damit haben nicht nur angehende Pharmazeuten und andere Besitzer eines gesunden Menschenverstandes redliche Mühe, sondern auch die klassischen Homöopathen, die sich krampfhaft bemühen, für ihre Therapie den Anschein von Ernsthaftigkeit zu bewahren.  

 

Die homöopathische Identitätskrise: Medizinmann oder Magier?

Die Empörung der klassischen Homöopathen über so viel Mystizismus, so viel Spekulation, so viel Unwissenschaftlichkeit und – vor allem – über so wenig Hahnemann in der „neuen“ Homöopathie, war und ist bis heute enorm und sie führte in den ersten Jahren des vergangenen Jahrzehnts – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit –  zu einem derart fundamentalen Richtungsstreit in der Homöopathie, dass ein Schisma drohte.

Dass dieser Richtungsstreit allerdings schon seit wenigstens 100 Jahren in der Homöopathie-Gemeinde schwelt, sei der Vollständigkeit halber angemerkt. 

Als nämlich führende Homöopathen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, allen voran J. T. Kent, der gerade den Mystiker Swedenborg samt Theosophie entdeckt hatte und fortan beschloss, den sogenannten „Geistes- und Gemütssymptomen“ der homöopathischen Arzneimittel oberste Priorität einzuräumen, eine Reihe mystisch-okkulter Vorstellungen in der homöopathischen Lehre etablierten, kam es schon einmal zum einem großen Bruch im Lager der Homöopathen. Insoweit war die Diskussion zu Anfang des vergangenen Jahrzehnt nur ein Neuauflage eines lang andauernden Streits.

Wichtig im Hinblick auf die Frage, ob die Homöopathie auf einem wissenschaftlichen Fundament ruht, ist dabei, dass seit dieser Zeit von einer einheitlichen und vor allem rational begründeten Theorie der Homöopathie keine Rede mehr sein kann.

Mit welchem Elan sich die Mystifizierung der Homöopathie vollzog, merkt an nicht zuletzt daran, dass die von Hahnemann berechtigterweise ablehnend betrachtete, völlig absurde Signaturenlehre, die mit ihren Stoff-, Farb-, Kraft- und Gestaltanalogien für eine vorwissenschaftliche Medizin mit archaischen, magisch-animistischen Heilkonzepten steht,  ihren Einzug in die Denkwelt der Homöopathen hielt.

Während die Vertreter der sogenannten naturwissenschaftlich-rationalen Strömung, wie beispielsweise der Brite Richard Hughes, sich dem Arzneimittelmodell der eigentlich verachteten  „Schulmedizin“ annäherten, in dem sie sich für eine stoffgebundene Arzneimittellehre der Tiefpotenzen aussprachen,  und dementsprechend die Kent´sche Hochpotenz-Homöopathie samt den aus ihr entwickelten, hochgradig spekulativen Arzneimittelbildern für völlig untauglich hielten, tobte sich der Zeitgeist des Fin-de-siécle mit seiner Affinität zu esoterischen Welterklärungen in der Homöopathie aus. So ist es auch kaum verwunderlich, dass die Anthroposophen unter Rudolf Steiner die Kent´sche Homöopathie adoptierten, war diese doch im höchsten Maße kompatibel mit dem von der Ignoranz der Realität geprägten Weltbild Steiners, und stand diesem in seiner Abwegigkeit in nichts nach.

Nicht zuletzt führte dieser Lagerstreit dazu, dass die Homöopathie – sowohl in Europa als auch in den Vereingten Staaten – zu Beginn des 20. Jahrhunderts sukzessive in der Versenkung verschwand.

Diese einschneidenden Erfahrungen haben so tiefe Spuren hinterlassen, dass es kaum wunderte, dass die gegenwärtige Diskussion um die gleiche Thematik eine relativ schnelles Ende durch den Rückzug der Wortführer fand – wohl in weiser Voraussicht und nicht minder großer Angst,  dass der Homöopathie ähnlich großen Schaden zufügen werden würde, wenn die Auseinandersetzung den inneren Zirkel verlassen hätte und damit einer großen Zahl von Anwendern sehr deutlich geworden wäre, welche grotesken Denkwelten in der Homöopathie existieren.

Beendete ist dieser Streit zwar, keineswegs aber erledigt: Um es auf den Punkt zu bringen: Die Homöopathie schwankt – nicht erst heute – zwischen zwei völlig gegensätzlichen, unvereinbaren Positionen.  

Auf der einen Seite befinden sich die orthodoxen Homöopathen, die sich verzweifelt an ihrer angeblichen rationalen Materia medica festhalten und  trotzdem für dieselbe Krankheit beim selben Patienten mal Sulphur und mal Belladonna verordnen – je nachdem, welches Lehrwerk sie gerade in den Händen haben.

Was diese Vertreter der reinen Hahnemann´schen Lehre von den Auswüchsen der neuen Homöopathie halten, zeigt ein Auszug aus einem geharnischten  Artikel der Homöopathen Klaus Habich, Curt Kösters und Jochen Rower, erschienen in der Allgemeinen Homöopathischen Wochenzeitung     

„Wenn äußerst innovative Vertreter von Modeströmungen sich daran machen, die Grundlagen zu verändern und wenn die Regeln zur Erstellung der Materia mediaca der reinen Willkür unterliegen, dann wird die Methode in ihren Grundfesten erschüttert.

Mit welchem Recht behauptet jemand aus dem Verhalten eines Tieres auf die arzneiliche Wirkung irgendeiner Milch (Anmerkung des Verfassers: gemeint sind die Lac.-Präparate) schließen zu können?

Wie kommen Leute dazu, komplexe Theoriegebäude auf Rubriken im Repertorium aufzubauen, wenn sie nur bei den Symptomen in der Primärliteratur nachlesen müssten, um zu sehen, dass dort etwas ganz anderes steht?

Spätestens wenn Leute anfangen, die Berliner Mauer zu prüfen, wird das Ganze nur noch peinlich. Das ist magisches Denken und zwar ziemlich schlichtes.  Ist man bei magischem Denken angekommen, wird es ziemlich beliebig.

Dann sollte doch auch die Mauer von Berlin-Zehlendorf und Berlin-Kreuzberg noch unterschieden werden? Und welche Parole stand überhaupt auf der Mauer? Und von wem geschrieben? Und warum?

Wenn Sehgal bei Patienten, die nicht recht mit der Sprache herausrücken die Rubrik Hide, desire to in Erwägung zieht, ist das bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar; wenn für die Wissbegier Light, desire for zur Anwendung kommt, werden Grenzen überschritten.

Sehgal verwendet das Repertorium so, wie Südseeinsulaner nach dem zweiten Weltkrieg einen Pilotenhelm im Rahmen des Cargo-Kultes – als magisches Objekt, als Resonanzboden einer kulturellen Deutung.

Das Ganze erinnert auch etwas an Kabbalistik, aber ganz sicher nicht an Wissenschaft. Halten wir es für Toleranz und Pluralismus, wenn unsere Arbeitsgrundlagen verwässert, verwirrt und zerstört werden, und wir dem ruhig zusehen?

Es scheint heute manchmal, als könnten größere Teile der Ausfälle des alten Hahnemanns gegen den Schlendrian in der Medizin, und gegen die Spekulation eher auf die modernen Homöopathen bezogen werden, denn auf die moderne konventionelle Medizin.Dort bemüht man sich im Wesentlichen um wissenschaftliches Denken und Exaktheit.

Hahnemann wäre das eine Freude gewesen.“

 (Quelle: AHZ Bd. 248, 2003)

Diesem Dogmatismus einer angeblich  „klassischen Homöopathie“ stehen die Vertreter der radikalen Beliebigkeit gegenüber, die „modernen“ oder besser „postmodernen“ kreativen Homöopathen, die sich hemmungslos esoterischem Denken und einer widerwärtigen Gassenpsychologie hingeben, damit aber dem Zeitgeist gerecht werden und deshalb Erfolg haben. Diese Homöopathen verordnen, was ihnen gerade in den Sinn kommt – sei es Hundescheiße, Vakuum oder Sonnenlicht von Stonehenge.    

Wie weit sich die Denkposition in der Homöopathie tatsächlich  auseinander entwickelt haben, zeigt ein zu gleichen Zeit wie der oben zitierte Text von Habicht veröffentlichte, provokanter Text des wegen der Erfindung der homöopathischen Arznei „Lac Owleum“ (4) berüchtigten Homöopathen Jörg Wichmann (Bergische Homöopathieschule), der in jeder Beziehung deutlich macht, dass der Hinweis der Wissenschaft, Homöopathie sei in erster Linie infantile Gegenwartsmagie, seine grundsätzliche Berechtigung hat:

„Eine neue politische (Op)Position

Um öffentliche und politische Anerkennung zu erlangen, haben homöopathische und andere ganzheitliche Ärzte und Heilpraktiker versucht aufzuzeigen, wie wissenschaftlich ihr Zugang sei, und dass das Funktionieren unserer Künste mit wissenschaftlichen Standards bewiesen werden kann. Damit haben wir nicht viel erreicht – erhalten in den meisten Ländern nur unsere nackte Existenz und werden auf keinem offiziellen Weg unterstützt.

Ich schlage vor, das Gegenteil zu tun. Lassen Sie uns beweisen, dass wir unwissenschaftlich sind, und dass wir unsere Kunst vielmehr auf einer völlig unterschiedlichen Weltanschauung begründen, die mit der mechanistischen Naturwissenschaft nicht kompatibel ist.

Der Punkt dabei ist folgender:

Als Bürger einer freien Welt ist es uns erlaubt, jede Art von Weltanschauung oder Religion zu glauben und auszuüben, von der wir überzeugt sind. Zumindest garantieren uns dies die internationalen und europäischen Menschenrechtsdeklarationen.

Folgerichtig ist also keine Regierung berechtigt, über die Weisheit, Wahrheit oder Richtigkeit unserer Weltanschauung zu richten oder in ihrer Gesetzgebung die naturwissenschaftliche Weltanschauung gegenüber unserer zu bevorzugen. Das ist es, wofür wir kämpfen können.

Solch eine Position erscheint mir wahrhaftiger, da sie historisch und philosophisch korrekter ist. Und sie ist eine viel bessere Strategie als alles, was wir bisher versucht haben.

Eine provokative Schlussfolgerung: Lasst uns bei dem, was wir tun, aufrichtig sein und unsere tatsächliche Tradition und Herkunft beanspruchen. (Alle Naturvölker würden sagen, dass man seine Kraft verliert, wenn man den Kontakt zu den Vorfahren verliert.)

Warum sollten wir nicht andere soziale Minderheiten als Vorbild nehmen?

Die Schwulen wurden erst anerkannt, nachdem sie aus ihrem Versteck kamen, aufhörten zu versuchen, “normal” zu sein, und sagten: “Ja, ich bin schwul, und das ist gut so” – oder schwarz, oder lesbisch, oder feministisch, oder Arbeiterklasse oder was auch immer.

Also lasst uns einfach sagen: “Ja, Homöopathie ist genau die Magie, die Sie immer darin vermutet haben. Das ist für uns ganz in Ordnung, und mehr noch: Wir sind dazu berechtigt!

Vielleicht haben Sie es noch nicht gehört, aber es gibt internationale Menschenrechte, die es uns (und unseren Patienten) erlauben, gemäß unserer eigenen Weltanschauung zu leben, und deshalb nicht diskriminiert zu werden”.

Lasst uns ein homöopathisches “Coming out” haben!“

(Quelle: „Homeopathic Links, Bd. 14, 202-203)  

Ich erspare mir, den geschmacklosen Versuch Wichmanns zu kommentieren, Anhänger der Homöopathie als „verfolgte Minderheit“ anderen, wirklich diskriminierten gesellschaftlichen Gruppen gleichzustellen. Und, ganz klar, ist es ein Menschenrecht Blödsinn zu glauben, das wurde nie bestritten.

Man kann zu den Positionen von Köster und Kumpanen oder eben der von Wichmann stehen, wie man möchte. Wirklich von Bedeutung an diesem Richtungsstreit ist eben, dass dieser in der Öffentlichkeit nicht ankommt.

Oder hat schon jemand – beispielsweise von Curt Kösters als ehemaligem 1. Vorsitzen- den des Deutsche Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVHÄ) oder von Cornelia Bajic, seiner Nachfolgerin – irgendeine Stellungnahme zu den Auswüchsen der Homöopathie in öffentlichkeitswirksamen Medien gelesen?  

  • Hat Kösters sich irgendwann mal in aller Deutlichkeit gegen den Unsinn von Eberle und Ritzer ausgesprochen, wenn diese verkünden, sie hätten „krankhaftes Dosenfischbedürfnis“ als „Symptom“ von Excrementum  canium (auf Deutsch:  Hundescheiße)  festgestellt? 
  • Hat er sich – bildlich gesprochen – jemals öffentlich an die Stirn getippt, wenn der indische Homöopath Veeraraghavan das Bedürfnis eines Patienten nach leichter Kost als „Wunsch nach Licht“ interpretiert?
  • Hat der DZVHÄ – als Institution – jemals kritisch Stellung bezogen, wenn Homöopathen „Glacia trita“ einführen und  das erstaunte Publikum die Herstellungsanweisung:  „gefrorenes Regenwasser mit Milchzucker verrieben“ vernehmen darf?
  • Haben wir offiziellen Widerspruch vernehmen dürfen, wenn Homöopathen „Gaba“  einsetzen, was „Indische Klangschale“ bedeutet?  Nur der Vollständigkeit halber: Die Arznei „Gaba“ wird hergestellt,  in dem man eine Klangschale mit 43% Ethanol befüllt, 5 x in intensive Schwingungen versetzt und den derart traktierten Alkohol anschließend nach HV 5 a weiterpotenziert (5).
  • Haben die organisierten homöopathischen Ärzte mal auf den Unsinn hingewiesen, den eine m.E. völlig abgedrehte Antonie Peppler (6) äußert, wenn sie behauptet, dass Knieschmerzen anzeigen, dass jemand sich einer Sache nicht beugen will, dass Schulterschmerzen auf zu viel Verantwortung hinweisen und Kopfschmerzen darauf, dass der Patient denkt anstatt „zu fühlen“?  Oder wenn Rosina Sonnenschmidt (7) über die homöopathische Heilung des Gartenbodens faselt und Andreas Krüger (8) die Suche nach dem richtigen Heilmittel mittels einer „Arzneimittelaufstellung“ nach Hellinger betreibt?  Ganz zu schweigen von den Verlautbarungen des in der ebenfalls nicht unumstrittenen Clinica St. Croce tätigen deutschen Arztes Jens Wurster (9), der sogar die homöopathische Heilung von metastasierenden Tumoren verkündet.          

So albern und  grotesk das Ganze ist, der DZVHÄ hüllt sich in Schweigen.

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Wer im Glashaus sitzt…

Warum das so ist, liegt wohl daran, dass auch in den Kreisen um den DZVHÄ der gleiche Geist des Irrsinns herrscht, den Kösters und Co. an andere Stelle mit Vehemenz geißeln.

Dafür gibt es ein überzeugendes und auch ziemlich aktuelles Beispiel:

Vor einigen Jahren hat sich Annette Kerckhoff, die sich, ausgestattet mit einem Master in Gesundheitwissenschaften (10) von der überaus renommierten Inter-Uni (klick), hauptsächlich damit beschäftigt, alternativmedizinische Kopfgeburten in populistische Traktätchen umzuarbeiten, und im Gefolge der von der Carsten-Stiftung gesponserte Stiftungsprofessorin Claudia Witt derzeit an der Charité  als „Gesundheitstrainerin“ tätig ist, in der Publikation „Okoubaka – Medizin aus Afrika„, in gewohnt apodiktischem Stil lang und breit über einen von Magdalena Kunst und Wilhelm Schwabe gehobenen und von Veronika Carstens protegierten „Arzneischatz“ ausgelassen, der Rinde des afrikanischen Baumes Okoubaka aubrevillei.

Frau Dr. Carstens, so jedenfalls lautet die Legende, verschrieb das homöopathisch aufbereitete Mittel konsequent gegen Umweltvergiftungen, gegen Lebensmittel-unverträglichkeiten sowie gegen die Folgen bzw. Nebenwirkungen der onkologischen Chemotherapie.

Leider wurde das Mittel vor der Einführung in den 1970er Jahren nicht homöopathisch geprüft, ein homöopathisches, nach den Regeln Hahnemanns entwickeltes Arzneimittelbild lag zumindest bis 2012 nicht vor. Man darf davon ausgehen, dass schlicht die Eigenschaften von Okoubaka, die dem Präparat in der afrikanischen Volksmedizin zugeschrieben werden, für das zusammenerfundene Arzneimittelbild genutzt wurden, und man aus einer Pflanzendroge einfach ein Homöopathikum machte.    

Im April dieses Jahres durfte man dann das Ergebnis ( Klick) einer Studie der Witt-Gruppe am Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin Gesundheitsökonomie der Charité lesen: Man hatte Okoubaka als Homöopathikum getestet – und das mit einem nicht ganz überraschenden Ergebnis:  

„Combined results of qualitative and quantitative methods did not result in a significant difference of characteristic proving symptoms between Okoubaka aubrevillei C12 and Placebo.“

Okoubaka liefert also kein spezifisches Arzneimittelbild, damit ist eine Verordnung nach homöopathischen Kriterien nicht statthaft.   

Insgesamt bedeutet das: Frau Carstens – und auch jeder andere, der Okoubaka verordnete – hat, im Nachhinein betrachtet, mit der Anwendung des Mittels nicht nur gegen grundsätzliche  homöopathische Regeln verstoßen, sie musste auch, wegen der fehlenden Prüfung, davon ausgehen, dass sie ihren Patienten ein Placebo-Mittel – ohne deren Wissen – verordnet hat.  Dass sie damit gegen ethische Regeln des Arztberufes verstieß, sei der Vollständigkeit halber angemerkt.

Ebenfalls sei angemerkt, dass die Einführung dieses Mittels wohl kaum die Kriterien des Binnenkonsenses gemäß der Regelungen des SGB V erfüllt, was zeigt, dass der sogenannte Binnenkonsens nicht das Papier wert ist, auf dem diese Regelung nachzulesen ist.

Nun sollte man erwarten, dass sich die Carsten-Stiftung oder ggf. auch der        DZVHÄ zu der Studie äußert und dem „Arzneischatz“ der mittlerweile                   verstorbenen Übermutter der deutschen Alternativmedizin eine deutliche Absage erteilt.

Doch weit gefehlt, kein einziger Hinweis vom DZVHÄ, noch von der Carstens-Stiftung, obwohl die Stiftung auf ihrer Website ein zeitnahes Verzeichnis (Klick) von aktuellen Homöopathie-Studien führt und alle in der Studie als Autoren genannten Forscher zutiefst mit der Carstens-Stiftung verbandelt sind. Genauso interessant ist auch, dass auf der Website des Sozialmedizinischen Instituts der Charité kein einziger Hinweis auf diese Studie zu finden ist, obwohl auch dort ein umfangreiches Verzeichnis der Forschungsarbeiten zu finden ist.    

Die Frage nach dem Grund für die selektiv zurückhaltende Informationspolitik der Homöopathie-Lobbyisten ist einfach zu beantworten: Es ist die schon weiter oben angesprochene Angst vor einer öffentlichen Diskussion jenseits der Internet-Foren, in der Homöopathen heute die enorme Gefahr befürchten müssen, dass die intellektuelle Leere und die Trostlosigkeit ihrer wirklichkeitsfremden Theorien sich nicht mehr hinter der bedeutungsschwanger daherkommenden Vernebelungsrhetorik der vergangenen Jahre verstecken lässt.

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Der homöopathische Glückfall: die Ahnungslosigkeit der Patienten

So sehr die Homöopathen im inneren Zirkel auskeilen, so wenig dringt davon nach draußen. Lieber wird zugelassen, dass der Patienten, dessen Wohlergehen angeblich das zentrale Anliegen jedes Homöopathen ist, Arzneien verordnet bekommt, von deren Wirkungslosigkeit ein ganz erheblicher Teil der Homöopathen-Gemeinde fest überzeugt ist.

Man kommt an der Einsicht nicht vorbei,  dass die konsequente Verdummung des Patienten aus gutem Grund Programm ist, denn das Letzte, was die Homöopathie brauchen kann, sind Klienten, die sich mit Details beschäftigen.

Der gegenwärtige, und für die meisten Homöopathen wohl ziemlich überraschende Erfolg der Homöopathie ist nämlich nicht den „Heilerfolgen“ der homöopathischen Arzneien zu verdanken – weder den klassischen noch den extravaganten –  sondern ist auf ein völlig verzerrtes und in vielfältiger Hinsicht geschöntes Bild der Homöopathie zurückzuführen.

Die meisten Menschen, die schon einmal mit homöopathischen Arzneien therapiert wurden, haben nicht die geringste Vorstellung von der Denkwelt der Homöopathen. Sie sind einem geschönten Bild aufgesessen,  fallen auf den Placebo-Effekt herein und diversen Denkfehlern zum Opfer.

Montags in einer Apotheke in Kreuzberg. Ein Mann sagt: „Wir brauchen ein homöopathisches Antibiotikum.“

Der Apotheker entgegnet trocken:“Sie wissen, was ein Oxymoron ist?“

„Nein, ich weiß nicht, wie das genau das Präparat heisst. Aber das könnte es sein. Haben Sie es da?“

(Quelle: „Der Tagesspiegel“  vom 14. Juli 2013 – Rubrik „Berliner Liste“)

Insoweit sind die immer wieder vorgetragenen Erfolgsmeldungen, nach denen angeblich mehr als die Hälfte der Deutschen schon einmal mit homöopathischen Arzneien therapiert wurden und damit  „positive“ Erfahrungen gemacht haben, nicht nur kein tauglicher Wirksamkeitsnachweis, sondern ein Beleg für die Unwissenheit des Patienten.

Ein Befund aus der Habilitationsschrift von Stiftungsprofessorin Claudia Witt (11), die ihre Professur der Carstens-Stiftung verdankt, bestätigt diesen Eindruck:

„Eigene Erfahrungen zeigen jedoch, dass sowohl Patienten als auch Medizinstudenten oft nicht zwischen Phytotherapie und Homöopathie differenzieren. Dies könnte die hohen Prozentzahlen für Deutschland erklären (…)“

Die Habilitationsschrift enthält noch eine Menge weiterer Einsichten, die der Homöopathie-Lobby eigentlich nicht gefallen dürften und die üblicherweise und deshalb,  z.Tl. sogar durch die Verfasserin selber,  ignoriert werden: Beispielweise die Feststellung, dass es dringend entsprechender Grundlagenforschung bedarf, damit – endlich – der gravierendste Mangel der Homöopathie, nämlich das Fehlen eines plausiblen Wirkmechanismus beseitigt wird.

Ein eindeutiger Wirknachweis homöopathischer Arzneimittel und die Formulierung eines Wirkmechanismus der homöopathischen Potenzen liegen bis heute nicht vor. Dieser Mangel an Evidenz muss eine rationale Anwendung zwangsweise erschweren.

Als Wirkmodelle wurden in der Homöopathie bisher meist strukturelle Veränderungen im Lösungsmittel diskutiert, die durch den Herstellungsprozess der homöopathischen Arzneien hervorgerufen werden sollen.
Die Mechanismen, durch die dies möglich wäre, sind bisher jedoch nicht belegt.

Nun hatte Frau Witt 5 Jahre Zeit, in der Sache zu forschen. Jedoch wurde in diesem Zeitraum am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité nicht ein einziges Forschungs-Projekt auf den Weg gebracht, was der Klärung einer der wichtigsten Aspekte der Homöopathie gedient hätte. Warum Frau Witt gerade von dieser Forschung die Finger gelassen hat, ist eine interessante Frage, denn:  

Solange der Wirkmechanismus homöopathischer Arzneien nicht geklärt ist, wird auch bei methodisch gut durchgeführten Experimenten immer eine gewisse Unsicherheit bezüglich der Validität der Ergebnisse bleiben.

Neben der fehlenden Theorie zum Wirkmechanismus, gibt es allerdings noch einige weitere Fettnäpfchen für Homöopathen, die Frau Witt in ihrer Habilitationsschrift sorgsam aufgelistet hat:

Folgender Hinweis

In vielen westlichen Ländern wurde eine Zunahme der Patientennachfrage nach komplementärmedizinischen Angeboten festgestellt [Kessler, 2001; Härtel, 2004; Eisenberg, 1993; Eisenberg, 1998].
Diese Zunahme scheint maßgeblich durch Patienteninteressen gesteuert zu sein.

lässt beispielweise die Frage aufkommen, welchen Anteil die endlosen Marketingkampagnen der „alternativen“ Pharmaindustrie, vertreten durch Heel, Weleda, Wala, die DHU, Pflüger oder Hevert an dem gesteigerten Patienteninteresse haben, genauso aber auch, welchen Anteil die CAM-Lobby hat, die sich mit ihren schönfärberischen Jubelpublikation an der Patientenmanipulation beteiligt.

Aber nicht nur sozialmedizinische Phänomene werden angesprochen, auch zu den Fragwürdigkeiten der homöopathische Praxis kann man bei Frau Witt einige interessante Hinweise lesen.

Zur Krankheitslehre der Homöopathie:

Diese Darstellung (gemeint ist die im davorstehenden Text zu lesende Erklärung zu Hahnemanns Vorstellungen von der Lebenskraft; Anmerkung des Verfassers) lässt erkennen, dass die Homöopathie auf einen wichtigen Erkenntnisanspruch der konventionellen Medizin, die Suche nach den kausalen Ursachen der Krankheit, verzichtet.

Zur Problematik wirkstofffreier Hochpotenzen:

Das jedoch am kontroversesten diskutierte Prinzip der Homöopathie ist die Potenzierung der Arzneimittel mit der starken Verdünnung (s.o.), die in Hochpotenzen (ab den Potenzstufen D23 und C12) die Avogradro’sche oder Loschmidt’sche Zahl überschreitet. Der Widerspruch dieser Annahme zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen hat in der Vergangenheit zu deutlicher Kritik an der Homöopathie geführt [Maddox, 1988].

Zur Problematik der angeblich ausschließlichen Potenzierung des Wirkstoffes:

Auch Annahmen, dass homöopathische Arzneien mehr Verunreinigungen als Inhaltstoffe enthalten, sind nicht von der Hand zu weisen [Wünstel, 1979].

Zur Qualität homöopathischer Forschung:

Dieser Mangel an systematisch erhobenen Daten bei gleichzeitig hoher Inanspruchnahme und starken Kontroversen in der Komplementärmedizindiskussion führt zu einer großen Lücke zwischen dem Anspruch vorhandener Studien auf Repräsentativität einerseits und der tatsächlich vorhandenen Studienlage andererseits.

Und schließlich:

Voraussetzung für die Akzeptanz jeglicher Therapiemethode ist ein naturwissenschaftlich nachvollziehbares Erklärungsmodell für ihre Wirkweise. Dies existiert jedoch für die Homöopathie bisher nicht.

Auch wenn Frau Prof. Dr. Witts Habilitationsschrift schon genügend Anhaltspunkte dafür liefert, dass die Homöopathie von unheilbaren Malaisen geplagt ist, es ist kein Problem, aus den Reihen der Homöopathen-Gemeinde weitere Zeugen dafür zu finden.

Beispielweise stellte Anne Caroline Medam in ihrer Dissertation die Frage, inwieweit Hahnemanns Vorstellungen zu den miasmatischen Ursachen der chronischen Krankheiten – bei deren Behandlung Homöopathen angeblich die besten Erfolge haben – noch mit den ätiologischen Modellen der modernen Wissenschaftsmedizin konkurrieren kann.

Ihre Feststellungen sind eindeutig:

„(…) Seine Definitionen von von den natürlichen „chronischen Krankheiten“ als miasmatisch verursachte, dauerhafte und stetig progrediente Krankheiten, welche ohne medizinische Behandlung lebenslang im Körper bestehen bleiben und niemals von selbst weichen, findet jedoch keine Bestätigung mehr, da das Auftreten von intermittierenden Verläufen, Spontanremissionen und Spontanverläufen allgemein anerkannt ist. Ebenso wenig erscheint seine Einteilung in natürliche (miasmatische) und uneigentliche Krankheiten gegenwärtig noch angemessen.“

„(…) Hahnemanns drei chronische Krankheiten „Syphilis“, „Sykosis“ und „Psora“ haben als „miasmatisch“ verursachte Krankheiten heute keine Berechtigung mehr. (…) Hahnemanns monokausale Vorstellung von einer Urkrankheit und drei chronischen Miasmen ist demzufolge nicht mehr berechtigt.“

„(…) Hahnemanns monokausales Modell der Entstehung chronischer Krankheiten fordert in großen Teilen aufgegeben zu werden, und durch plurikausale Modelle der modernen Medizintheorie ersetzt zu werden. Dieses Ergebnis korrespondiert mit der Meinung Wischners, dass Hahnemann seine Krankheitslehre in eine Sackgasse steuerte.“

Haben diese Feststellungen Auswirkungen auf die Theorie der Homöopathie, verändern sie Behandlungskonzepte oder regen sie wenigstens eine Diskussion an?

Natürlich nicht!  Die Homöopathen nehmen es einfach nicht zur Kenntnis, dass die Miasmen-Theorie schon zu Hahnemanns Zeiten nicht richtig, sondern einfach nur eine fixe Idee war, die einzig und allein das damals existierende umfassende Wissensdefizit bezüglich der Entstehungen von Krankheiten spiegelt.  

Und obwohl die dahinterstehende Borniertheit unübersehbar ist – jederzeit kann man in homöopathischen Publikationen nachlesen, dass das miasmatische Modell weiterhin das homöopathische Denken dominiert:

„Jeremy Sherr ist vor Jahren mit seiner Frau Camilla und den drei gemeinsamen Kindern nach Tansania gezogen, um dort die Menschen mit HIV/Aids zu behandeln. Auf Grund seiner langjährigen Erfahrung mit dieser Erkrankung kommt er zu dem Schluss, dass die AIDS-Erkrankung ein eigenständiges Miasma darstellt. Entsprechend Hahnemanns Vorgehensweise bei der Entwicklung des miasmatischen Konzeptes stellt  er Symptomenreihen zusammen und sucht die geeigneten homöopathischen Arzneien.“

(Quelle: Website „Homöopathen ohne Grenzen, 25.06.2013)

Weil wir gerade bei der HIV-Infektion sind: Etwas „klassischer“ sieht der Homöopath Mohinder Singh Jus AIDS.  Für ihn ist AIDS wegen des starken Verfalls des Patienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium „syphilitisch destruktiv“, gehört also als syphilitisches Miasma behandelt.

Noch ein wenig anders ist die Position von Rajan Sankaran, einer der oben angesprochenen homöopathischen Revoluzzer. Er weist darauf hin, dass ein an AIDS Erkranker oder ein an echter Syphilis Erkrankter nicht zwangsläufig zum Syphilis-Miasma gehört. Nach seiner Auffassung kann der Patient – je nach Zustand – dem Krebs-Miasma oder dem Lepra-Miasma oder dem Tuberkulose-Miasma entsprechen oder sogar dem Sykose-Miasma.

Mitleid mit dem, der als Patient Hilfe von diesen Heilern erwartet.   

Man kann die Auflistung unterschiedlicher Positionen unter Homöopathen endlos weiterführen, und  jedes weitere Beispiel wird nur die Erkenntnis bestätigen, dass das Fehlen einer konsistenten Theorie sowie der empirischen Wirksamkeitsbelege die Ursache für die Beliebigkeit der homöopathischen Praxis.

Der klärende Diskurs bleibt aus, denn welches Argument sollte auch besser als ein anderes sein, wenn ersten keine tragfähige Theorie existiert, und zweitens die naheliegenden Erklärungen der Wissenschaftsmedizin per se nicht diskutiert werden, weil sie das unendliche Geschwafel der Homöopathen als Nonsens identifizieren.

 Dabei ist es ganz simpel:  Im Gegensatz zu den unüberprüfbaren anekdotischen Heilberichten der Homöopathie sind  Regression zur Mitte, Selbstheilung, übliches Abklingen von Krankeiten und Täuschung darüber ob sich der Zustand verbessert hat oder darüber ob überhaupt eine Erkrankung vorlag, alles gut nachvollziehbare Erklärungen für die angebliche Wirksamkeit der Homöopathie. 

b

Des homöopathischen Kaisers Kleider…

Es ist an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen:

Die Homöopathie ist ein Therapieverfahren…

  •  dessen theoretische Grundlagen falsch, oder, um den homöopathischen Sprachgebrauch zu nutzen, ungeklärt sind;
  • das als einheitliches Verfahren nicht existiert, sondern sich in zahlreiche Verfahren aufgliedert, die sich nicht nur inhaltlich widersprechen, sondern deren Vertreter jeweils einen absoluten Anspruch auf Wirksamkeit erheben;
  •  das mit allgegenwärtigen Naturgesetzen nicht in Übereinstimmung zu bringen ist, wobei anzumerken ist, dass außerhalb der Homöopathie Ideenwelt die mit den Naturgesetzen unvereinbaren Phänomene niemals festgestellt wurden;

Die Vertreter der homöopathischen Lehre…

  •  sind in verschiedenen Schulen so stark zerstritten, dass ein für alle verbindliches Konzept nicht mehr zu erkennen ist;
  • lassen sich durch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht in ihrem Verhalten beeinflussen;
  • sind sich dementsprechend uneinig über den Weg der Arzneimittelfindung sowie über die Art und Weise, wie diese Arzneimittel zu prüfen sind und ob diese Arzneimittel überhaupt eine Arzneiwirkung haben;
  • haben große Schwierigkeit, ihre eigene Rolle bezüglich der Restwelt zu defininieren, und präsentieren  dabei ein Bandbreite an Verankerungen ihres Selbstverständnisses, die von offensichtlichem Mystizismus bis zu pervertierter Wissenschaftlichkeit reicht;

Die homöopathischen Interessensvertreter und ihre Verbände…

  • sorgen mittels selektierter Publikation für ein verfälschtes Bild der tatsächlichen Faktenlage, was sich im Bereich der Medizin aus ethischen Gründen verbietet.
  • sind sich der mangelnden Satisfaktionsfähigkeit ihrer Verfahren so sehr bewusst,  dass sie sich nicht mehr um Argumente bemühen, sondern gleich Mietmäuler (Klick) bezahlen, deren vordringlichste Aufgabe darin besteht, kritische Stimmen zu diskreditieren;   

Und der homöopathisch therapierte Patient schließlich …

  • verfügt über ein geschöntes Bild der Homöopathie und ist über die theoretischen Grundlagen – speziell über die miasmatische Lehre, über das Simile-Prinzip und über die darauf aufgebaute, spezielle Arzneimittellehre – nicht oder nur unzureichend informiert, was sich besonders bei Selbstmedikation überaus deutlich zeigt, wenn homöopathische Arzneien nach klassischen Verständnis – gegen eine definierte Krankheit – erworben werden.
  • kann oftmals nicht zwischen Homöopathie und Pflanzenheilkunde unterscheiden und fasst die die homöopathische Arzneien – ungeachtet ihrer tatsächlichen Inhaltstoffe und deren Konzentration im Arzneimittel – als kausal wirksame Pflanzenpräparate auf.
  • wendet homöopathische Arzneien nicht wegen ihrer Überlegenheit gegenüber konventioneller Pharmazeutika an, sondern hauptsächlich wegen einer latenten oder ganz konkreten Angst vor diesen  Präparaten.     

Unsinn lernen?

Warum finden wir in den Vorlesungsverzeichnissen und Prüfungsordnungen diverser Studienfächer, beispielweise in der Chemie, nicht so etwas wie „Herstellung des Steins der Weisen sowie diverser Edelmetall mittels Transmutation“, oder im Studium der Meteorologie, „Wetterbeeinflussung durch shamanische Rituale: Regentänze und andere Beschwörungen“?

Warum brauchen Juristen keine Kenntnisse in „Prozessuale Beweisführung und Methoden der Wahrheitsfindung nach Institoris“ und Architekten müssen ihre Zeit nicht in Seminaren vertrödeln, in denen sie über die „Konstruktion von häuslichen Wasserkreisläufen nach Maurits Escher“ informiert werden.

Warum ist es nicht Pflicht für angehende Maschinenbauingenieure, sich mit der „Entwicklung und Einsatzmöglichkeiten eines Perpetuum mobile“ vertraut zu machen? Warum müssen sich angehende Tierärzte nicht mit „Anatomie, Physiologie und Pathologie von Drachen, Einhörner und anderen magischen Geschöpfen“ beschäftigen und sich genauso wenig  Gedanken über die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Humanmedizinern bei „Krankheiten von Sphinxen, Nixen, Zentauren und anderen Zwitterwesen“ machen?

Weil ein berechtigter Einwand lautet, dass es lächerlich wäre und jeder, der so etwas fordern würde, mit berechtigten Fragen nach seinem Geisteszustand zu rechnen hätte.

Warum aber verlangt man dann von angehenden Pharmazeuten, dass sie Verfahren erlernen,

  • deren theoretische Grundlagen mit den täglich sich auf allen Ebenen beweisenden Naturgesetzen nicht in Übereinstimmung bringen lassen;   
  • für das sie, um diese Verfahren überhaupt ernst nehmen zu können, nicht nur ihr schon erworbenes pharmakologisches Wissen über taugliche therapeutische Konzepte, z.B. über  antivirale, antibiotische, antimykotische  Wirkstoffe oder Antiparasitika, sondern auch das Wissen über Anatomie, Physiologie und Pathologie verleugnen müssen;
  • bei denen jeder der ernstzunehmende Versuche, die theoretischen Grundlagen der Verfahren zu belegen – zwangsläufig – ein negatives Ergebnis produzierte, oder, bei einem positiven Ergebnis, einen Wissenschaftsskandal (12);
  • deren Säulen allein auf dem schwachen Fundament einer unzulässigen Schlussfolgerung stehen, nämlich dem der Legende nach mit dem Chinarinden-Versuch (fälschlicherweise) belegten Simile-Prinzip;
  • bei dem sie angebliche Arzneimittel herstellen, aus denen der Arzneistoff konsequent entfernt wurde, diese deshalb von anderen, gleichartig hergestellten Mitteln nur noch durch das Etikett auf der Arzneiflasche unterschieden werden können und für die letztlich gilt: Es ist nicht drin, was drauf steht! 
  • bei dem bei der Formulierung der speziellen pharmakologischen Verarbeitungsvorschriften wesentliche physikalische und chemische Erkenntnisse nicht beachtet wurden, was dazu führt, dass ein erheblicher Teil der Arzneien (besonders die Hochpotenzen) in der im Homöopathischen Arzneimittelbuch beschrieben Form nicht herstellbar sind, so dass auch hier gilt: Es ist nicht drin, was drauf steht!
  • dessen umfangreiches Testungen mittlerweile kaum noch einen begründeten Zweifel an der Tatsache zulassen, dass es sich bei den Arzneien um mit enormem Aufwand hergestellte Placebos handelt;  

Warum also sind diese Quacksalbereien, dieser offensichtliche Unsinn, diese intellektuellen Zumutungen prüfungsrelevante Bestandteile eines Hochschulstudiums?

Die Antwort dürfte keinem mehr schwerfallen – wir haben den Kreis geschlossen, sind wieder am Anfang dieses Artikels.

b

Die Seuche „Klientelpolitik“

Der britische Humorist (und SF-Autor)  Terry Pratchett schreibt in “Darwin und die Götter der Scheibenwelt” folgende weise Sätze:

“Doch die Menschen, die sich auf dem Planeten entwickelt haben, glauben in ihrem Herzen, dass es so etwas wie Götter gibt. Sie glauben an magischen, kosmischen Zweck und daran, dass sich Chancen von eins zu einer Million in neun von zehn Fällen bewahrheiten. Sie suchen Geschichten in der Welt, die ihnen die Welt bedauerlicherweise nicht erzählen kann.”

Die Alternativheiler wissen das, sie sind große Geschichtenerzähler und haben deswegen eine Menge Fans.  Leider ändern diese Geschichten nichts an der Statistik.

Den rhetorischen Trick gegen dieses für die Vertreter der Alternativmedizin doch nicht gänzlich zu ignorierende Problem, lieferte seinerzeit der mittlerweile verstorben Präsident der Bundesärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe mit seiner Feststellung :  „Medizin ist keine Naturwissenschaft“.  Die Vertreter der Alternativmedizinischen  Lobby, allen voran solche, die ihr Geld damit verdienen, hauptberuflich als PolitikerInnen die Wunschliste ihrer Klientel abzuarbeiten, haben an dieser Stelle aufgehört zu lesen.

Dass Hoppe noch sagte, dass die Medizin  „eine Erfahrungswissenschaft sei, die auch naturwissenschaftlicher Methoden bediene“ war  – angesichts der plakativen Kernaussage –  im Grunde völlig unwichtig.

Für Birgitt Bender von den Grünen beispielsweise, die in ihrem Berufsleben nichts anderes als Politik gemacht hat und ihre politische Karriere ausschließlich entsprechenden Listenplätzen und den damit verbundenen innerparteilichen Verpflichtungen gegenüber dem Parteivolk, dass sich aus einem nicht gerade geringen Anteil aus Anhänger esoterischer Weltanschauungen zusammensetzt,  verdankt, war Hoppes verbale Entgleisung jedenfalls ein gefundenes Fressen.

Die studierte Juristin, die mit dieser Ausbildung für ihr Amt als gesundheitspolitische Sprecherin  der Grünen geradezu prädestiniert erscheint, weil sie dadurch ohne von tiefergehenden Sachkenntnis beeinflusst zu sein, jeden Unsinn propagieren kann, der ihr oder Teilen des grünen Wahlvolkes so durch den Kopf geht, formulierte Hoppes Ansicht noch ein wenig um, und teilt seitdem auf ihrer Homepage mit: Medizin ist keine exakte Wissenschaft. (Klick) (13)  Liest man ihre An- und Einsichten noch ein wenig weiter, kommt auch dahinter, was sie meint, nämlich:  Medizin ist das, was man dafür hält!

Dass Frau Bender in diesem Zusammenhang nicht sofort auch die Einstellung sämtlicher ärztlicher oder pharmazeutischer Prüfungen oder am besten gleich die Auflösung der medizinischen und pharmazeutischen Fakultäten gefordert hat – auf das Jedefrau und Jedermann, unbehelligt von irgendwelchen Dogmen, Heilerin und Heiler werden kann, die oder der sich dazu berufen fühlt – scheint allerdings ein wenig inkonsequent, hier existiert noch Nachbesserungsbedarf.

Aber Frau Bender steht mit ihren Ansichten nicht allein, auch in allen anderen Parteien sind Politiker zu finden (Klick), die, ohne sich nur einen Moment des Nachdenkens zu gönnen, aus dem berechtigten Anspruch auf gesellschaftliche Freiheit den Anspruch auf wissenschaftliche Beliebigkeit ableiten und akademischen Raum für blanken Unsinn einfordern:

„In einer pluralistischen Gesellschaft müssen verschiedene Denkrichtungen Platz haben und damit sollten auch in unserem Gesundheitssystem Therapierichtungen nebeneinander bestehen können, die von unterschiedlichen theoretischen Denkansätzen und wissenschaftlichen Methoden ausgehen.“

 (Katrin Altpeter, Arbeits- und Sozialministerin BaWü,  Ruhrbarone 17.7.2013 )    

Wie Frau Altpeter zu dieser Ansicht kommt und warum ausgerechnet die Medizin Tummelplatz für unterscheidlichste Weltbilder sein muss,  ist so recht nicht nachvollziehbar und wirft die berechtigte Frage auf, ob Frau Altpeter überhaupt eine konkrete Vorstellung von wissenschaftlicher Arbeit hat oder ob sie sich bei ihrer politischen Reifeprüfung jemals Gedanken über das große europäische Projekt „Aufklärung“ gemacht hat, dessen Grundform, das Verb „aufklären“, unmissverständlich deutlich macht, um was es eigentlich geht, nämlich „sich über einen Sachverhalt Klarheit zu verschaffen“. 

Flugzeuge fliegen, weil man bei ihrer Konstruktion die Gesetze der Aerodynamik angewendet hat, Computer reflektieren genauso wie unsere Labortechnik  unser strukturiertes naturwissenschaftlich-technisches Wissen, und wir sind in der Lage, Menschen in schweren Gesundheitskrisen oder bei operativen Eingriffen über lange Zeiträume am Leben zu erhalten, weil wir die biochemischen Abläufe im Organismus technisch imitieren können.

Ein weiteres Beispiel: Die Identifikation eines pathogenen Keims mittels der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) funktioniert deswegen, weil wir wissen, wie die Replikation von DNA verläuft, wir das dazu notwendige Enzym kennen, weil die für die Replikation notwendigen technischen Prozesse beherrschen – und weil es die Mikroorganismen gibt, die wir untersuchen.

Welchen Platz kann an dieser Stelle eine konkurrierende Theorie – beispielweise die maismatische Äthiologie – einnehmen? Welche Behandlungsoption bietet diese bei der Therapie einer EHEC-Infektion, bei der die bei einem ungünstigen Krankheitsverlauf lebensrettende intensivmedizinische Therapie aus Bluttransfusionen, Anregung der Urinausscheidung mittels Diuretika, ggf. aus Blutwäsche in Form von Hämofiltration und Plasmaaustausch besteht?

Glaubt Frau Altpeter, stellvertretend für die Generation von Politikern, für die der schlimmste politische Fehltritt darin besteht, einen Standpunkt zu beziehen, dass es für die Medizin, d.h. für „den Patienten“  tatsächlich sinnvoll ist, Therapeuten (und ihren Therapien) Raum zu bieten, deren Credo, wie im Falle eines Jörg Wichmann, in der Feststellung besteht: Von Medizin habe ich zwar keine Ahnung, aber das ist nicht weiter schlimm, denn „Hey, ich kann nämlich zaubern!“.

Ich frage mich, wie Frau Altpeter wohl einem jugendlichen Patienten, dessen Eltern von der Validität eines von der wissenschaftsmedizinischen Position abweichenden „theoretischen Denkansatz“ so sehr überzeugt waren, dass sie die Warnungen vor den Komplikationen einer Infektion mit betahämolytischen Streptokokken für Kokolores hielten, und ihrem Kind dadurch eine postinfektiöse Endokarditis samt Mitralklappeninsuffizienz  beschert haben, ihre Überzeugung von den Vorteilen der therapeutischen Wahlfreiheit vermitteln würde?

Konstruiertes Beispiel?

Nehmen wir halt ein anderes (klick), bei dem auf tragische Weise mehr als deutlich wird, welche Probleme es mit sich bringen kann, wenn irrationale, mit pseudowissenschaftlichen Methoden belegte Überzeugungssysteme mittels sozialer Evidenz der wissenschaftlichen Hochschulmedizin gleichgestellt werden, obwohl jeder, der tieferen Einblick in die Sachlage hat, die Kumpanei der von Lobbyvereinen und Interessensgruppen finanzierten wissenschaftlichen Halbwelt erkennt, die aus Gefälligkeitsgutachten und Gefälligkeitszitaten, geschönten Datensätzen, manipulierten Abbildungen und statistischen Artefakten eine in der Realität nicht existierende Bedeutung zusammentäuscht.  

Dass „Otto Normalverbraucher“ an der Raffinesse der Täuschungsmanöver scheitert und irgendwann glaubt, dass es hochwirksame Medikamente ohne Nebenwirkungen gibt und für jede Krankheit – vom banalen Wehwehchen bis zum metastasierenden Tumor  – ein Kräutlein in Hildegards Klostergarten existiert, das von Homöopathen mit urkomischen Ritualen nur noch liebevoll auf exorbitante Wirkung gepimpt werden muss – wer mag es ihm verdenken?

Dass aber Fachministerien und Fachminister nicht in der Lage sind, diese Inszenierungen zu durchschauen, ist nur wenig glaubhaft und deshalb ein Zeichen für ein durch und durch verrottetes System, dessen wichtigste Zutaten politischer Opportunismus, eine latente Wissenschaftsfeindlichkeit und ein krudes Wissenschaftsverständnis sind. In einem solcherart klimatisierten Biotop ist keinerlei Raum mehr für Logik und Vernunft.

Wenn dann „verdiente Parteisoldaten“ – ungeachtet selbst gravierendster Kompetenzmängel – in Ämter gehievt werden, die sie nie und nimmer ausfüllen können, dürfen wir uns dann wirklich über die Unbefangenheit wundern, mit der beispielsweise die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Frau Steffens, ihre ahnungsbefreite Meinung, nach der es  “anmaßend sei, Genesungsprozesse naturwissenschaftlich erklären zu wollen” verkündet?

Dass Frau Steffens dann auch noch nachlegt

(…) Wir brauchen für die Homöopathie ein anderes, akzeptiertes Verfahren zum Wirksamkeitsnachweis…

und eine andere Form Wissenschaft verlangt, ist dass zwar hochgradig dämlich, aber eben auch konsequent – und ein weiterer Nachweis dafür, dass die Homöopathie (und mit ihr der größte Teil der Verfahren, die sich unter Begriff Alternativmedizin versammelt haben) nicht in den Kanon der wissenschaftsmedizinischen Therapien gehört.    

 

Change the Rules!  – Eingeständnis des Scheiterns

Es ist ein nicht ganz unbekanntes Phänomen – und ganz allgemein ein Kennzeichen schlechter Verlierer -, dass diejenigen, die an bestehenden Regel scheitern, deren Änderung fordern.

Das ist eine ziemlich einfach zu durchschauende Taktik, und man wundert sich ein wenig über die Naivität, mit der eine Gesundheitsministerin sich dieser bedient.

(…)Ferner besteht die Möglichkeit, Therapieansätze differenziert auch mit anderen wissenschaftlichen Methoden zu betrachten.

Wenn die Grünen in ihrem Wahlprogramm 2013 fordern

“Es sind geeignete Methoden zum Wirksamkeitsnachweis für die Komplementärmedizin als auch andere medizinische Bereiche (z.B. Physio- oder Psychotherapie) zu entwickeln. Dafür sind öffentliche Forschungsgelder zur Verfügung zu stellen.”

dann hat das ein gänzlich andere Dimension, als der raffinierte Coup aus den 1970er Jahren, der im Grunde ja nur dafür sorgte, dass die „Besonderen Therapierichtungen“, die für alle anderen gelten Regeln nicht befolgen mussten.

Wer aber „Change the Rules!“ fordert, sägt an Tragebalken und untergräbt Fundamente – und so etwas bleibt bekanntermaßen selten folgenlos.

Insoweit müssen sich die Vertreter der Alternativen Medizin fragen lassen, ob sie die Tragweite ihrer Forderungen tatsächlich sehen?  Ob ihnen klar ist, was die Änderung der Regeln wissenschaftlicher Methodik im Hinblick auf die Tatsache, dass uns genau diese Regeln vor den vielfältigen Irrtümern und Fehleinschätzungen bewahren, die unser Gehirn produzieren kann, wenn es keiner Denkdisziplin unterworfen ist, wirklich bedeuten?

Unsere Wahrnehmungen sind halt trügerisch, und ohne wissenschaftliche Methodik Erkenntnisgewinn zu betreiben, ist der direkte Weg in den Irrtum. Richard Feynman hat vor diesem Problem deutlich gewarnt: 

„The first principle is that you must not fool yourself and you are the easiest person to fool.“

Nun ist es nicht von der Hand zu weisen, dass dieses disziplinierte Denken nicht jedem gefällt, aber dennoch ist sein Erfolg unübersehbar und seine Notwendigkeit kaum ernsthaft in Frage zu stellen, denn auch die Dächer von Waldorfschulen stürzen deshalb nicht ein, weil der Architekt sich nicht allen Schlußfolgerungen aus seinen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen peinlich genau entäußert hat, sondern, im Gegenteil, diese Schlussfolgerungen peinlich genau befolgt hat. Für den Konstrukteur des Fliegers, der den an unterschiedlichen Denkansätzen Interessierten sicher zur Ayurveda-Kur nach Indien fliegt, gilt gleiches, nämlich die konsequente Anwendung überprüften Wissens. Und auch diejenigen, die sich Heilung von der selektiven Perforation ihrer Epidermis erhoffen, auf dass das Chi besser fließe, erwarten doch vom traditionellen China-Doktor, dass er sterile Akupunktur-Nadeln benutzt. Warum eigentlich?

Wir sehen also, dass eine erprobte Methode der Erkenntnis, die uns davon überzeugt, dass Wolkenkuckucksheime und andere Luftschlösser Utopien ohne Bodenhaftung sind, wohl nicht die schlechteste ist. Und wir sehen auch, dass im Grunde nur zwei Parteien an einer Regeländerung echtes Interesse haben – nämlich die, deren Lebenstraum ein Leben im  Wolkenkuckucksheim ist, und die, deren Geschäft darin besteht, Wolkenkuckucksheime zu verkaufen.   

Die Homöopathie ist – dass dürfte mittlerweile mehr als deutlich sein – ist ein solches Wolkenkuckucksheim. Wer daran noch Zweifel hat, dem sei zum Abschluss noch ein weiteres Zitat des schon weiter oben erwähnten Homöopathen Wichmann zum Nachdenken überlassen:

„[…] Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit den homöopathischen Arzneimitteln, mit den Globuli.

Stelle ich mir ein homöopathisches Arzneimittel im Prinzip wie ein Medikament vor, so ergeben sich etliche Paradoxien und Probleme, nicht nur mit der hohen Verdünnung. Zum Beispiel werden im Zuge jeder homöopathischen Potenzierung, dem abwechselnden Verreiben, Verdünnen und Verschütteln einer bestimmten Ausgangssubstanz in Milchzucker und Alkohol-Wasser-Gemisch, auch bei größter Sorgfalt und höchster Sauberkeit des Labors unzählige Verunreinigungen der Geräte, der Ausgangssubstanz, der Laborluft, der Atemluft des Laboranten und der Lösungsmittel mit verschüttelt und weiter potenziert.

Und selbst wenn wir dies nicht in Betracht ziehen, so wird doch prinzipiell bei jeder Potenzierung immer der Milchzucker mit potenziert und müsste seine Spuren in jedem bekannten Arzneimittelbild hinterlassen haben. – Woher „weiß“ die homöopathische Potenz, auf welchen der vielen Stoffe in dem verriebenen und verschüttelten Gemisch es ankommt?

Wie lässt sich bei Potenzhöhen, die jenseits des Stofflichen liegen, noch der ursprüngliche „Klang“ vom „Rauschen“ unterscheiden, das mit verstärkt worden ist? Es gibt dafür im mechanistischen Denken keine sinnvollen Erklärungen.

Wir müssen den geistigen Sprung wagen und die Wirkungen mit dem Hauptprinzip der Magie erklären: Intention ist (fast) alles!  Ein Mittel wird zu dem, was der oder die Herstellende will und sich vorstellt.

Damit sind wir konsequent bei der für die alchimistische Arbeit typischen untrennbaren Verquickung von Laborarbeit und Seelenarbeit, von (al)chimistischen Kenntnissen und geschulter Willens- und Vorstellungskraft.“

(Quelle: Jörg Wichmann „Die andere Wirklichkeit der Homöopathie)

b

Was zu tun ist…

Die sogenannte „Alternativmedizin“ ist seit drei oder vier Jahrzehnten ein erstaunlich irrationales gesellschaftliches Phänomen – und deswegen, wie es sich bei Glaubensfragen gehört, ein Streitobjekt erster Klasse.

Einstmals mit dem Charme der Avantgarde versehen, ist diese Parallelmedizin heute nur noch ein knallhartes Business mit Milliardenumsätzen, das mit sämtlichen lauteren und unlauteren Methoden um seine Pfründe kämpft – was angesichts der angeblichen Menschfreundlichkeit der alternativen Heilerschaft dann doch verwundert.

Aus medizinischer Sicht ist sie bedeutungslos, dafür – aus sozialwissenschaftlicher und psychologischer Sicht – wegen der ihr innewohnenden Mechanismen und Methoden der Manipulation, umso bedeutsamer, denn die „Alternativmedizin“ ist ohne vielfältige Techniken der Selbst- und Fremdtäuschung nicht existenzfähig.

Kritiker halten die meisten Therapieverfahren der Alternativmedizin für unseriös, patientenverdummend und, nicht selten, für zynische Geschäftemacherei mit der Not von meist chronisch Erkrankten. Nicht zuletzt ist sie ein Spielplatz von Eitelkeiten und Selbstüberhöhungen, auf dem Zeitgenossen mit messianischem Sendungsbewusstsein ihre vermeintlichen Fähigkeiten, dem Wohl der Menschheit dienlich zu sein, in Form von pseudomedizinischen Therapien ausleben.

Hinter diesen pauschalen Aussagen stehen so viele belastbare Argumente, dass kaum Zweifel an der Korrektheit der Thesen aufkommen kann:

  • Die Konzepte der Alternativmedizin zeichnen sich durch fehlende Plausibilität und mangelnde Vereinbarkeit mit gesicherten, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aus.
  • Genauso fehlen belastbare Nachweise für die spezifische Wirksamkeit der Verfahren; im Gegenzug gibt es umfänglich belastbare Belege für unspezifische Wirkungen auf Placebo-Niveau.
  • Es finden sich abenteuerliche, ideologisch verzerrte Vorstellungen zu Krankheit und Heilung, die wegen ihrer Irrationalität in einer rationalen, wissenschaftsbegründeten  Medizin keine Entsprechung finden.
  • Mit wissenschaftlichen Studienergebnissen wird ein selektiver Umgang, abhängig vom jeweiligen Ergebnis der Untersuchungen gepflegt. Belegen Studien (angeblich) die Wirksamkeit der Verfahren, wird die wissenschaftliche Methode nicht angezweifelt, widerlegen die Studien die Wirksamkeit, wird dieselbe wissenschaftliche Methode als untauglich dargestellt.
  • Ignoranz der Fakten: Selbst nach einer entsprechenden Zahl belastbaren Studien, welche eine therapeutische Wirksamkeit jenseits unspezifischer Effekte verneinen, werden Therapien trotzdem weiter umworben und „verkauft“.

Was aber wohl am wichtigsten ist:

  • Nicht ein einziges alternatives Heilverfahren hat den Weg von der Alternativ-medizin zur Medizin geschafft, ist wesentlicher Bestandteil der Regelversorgung geworden. Allenfalls in isolierten Segmenten, bei Erkrankungen bzw. bei Symptomen, die sehr stark auf Placebo-Gaben ansprechen, haben sich, z. b. mit der Akupunktur in der Schmerzbehandlung,  keinesfalls unumstrittene Behandlungsoptionen etabliert. Allerdings hat sich auch in diesen Fällen gezeigt, dass die theoretischen Gebäude der jeweiligen Verfahren, in ihren traditionellen Ausprägungen nicht der ausschlaggeben Faktor des therapeutischen Erfolges sind.

Es ist also ein ernüchterndes Fazit, das als Ergebnis der vielfältigen Versuche zu ziehen ist, die wissenschaftsbasierte „Schulmedizin“ als unfähig und ignorant vorzuführen und zu suggerieren, ihr fehle ein wesentlicher Teil an Therapieverfahren, die durch die „Alternativmedizin“ zur Verfügung gestellt werden. Allein schon die enorme Zahl von „alternativen“ Heilverfahren, die nach kurzfristigem Hype – und angeblich fulminanten therapeutischen Erfolgen – wieder in der Versenkung verschwanden, spricht in diesem Zusammenhang Bände.

Die  Homöopathie ist die Lokomotive vor dem Zug der durch die Lande ziehenden und fröhlich abkassierenden Alternativmedizin, die jährlich allein in Deutschland rund 9 Milliarden Euro in die Kassen der Therapeuten spielt, 4 Milliarden davon gehen zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen. 

Dass gerade die institutionalisierte Quacksalberei Homöopathie die Einstiegsdroge in die Welt der Scharlatane ist, mag möglicherweise daran liegen, dass sie in ihren therapeutischen Handlungen der Wissenschaftsmedizin so ähnlich ist: Sie führt eine Anamnese durch (die freilich alles liefert, nur keine Erkenntnisse über die Erkrankung des Patienten) und sie verordnet Medikamente (die üblicherweise keine pharmakologisch wirksamen Bestandteile enthalten). Dass diese Verhaltensweisen reine Imitationen wissenschaftsmedizinischer Vorgehensweisen sind, ist nicht nur für den hilfesuchenden Patienten schwer durchschaubar.

So ist es auch kein Wunder, dass die politischen Entscheidungsträger, für die gilt, dass deren demokratische Legitimation nicht zwingend auch das Vorhandensein von Intelligenz, Bildung oder wenigsten Sachkompetenz bedeutet, dieser Mimikry erlegen sind.    

Erklärbar ist damit zwar die in 1970er Jahren getroffen Fehlentscheidung, der Homöopathie eine privilegierte Rolle im Arzneimittelrecht zuzubilligen, jedoch nicht, an dieser Entscheidung heute noch festzuhalten – dazu gehört nämlich nicht nur ein Mangel an Sachkompetenz, sondern ein Maß an Borniertheit, das z.B. im Hinblick auf den Verbraucherschutz im Gesundheitswesen, nur schwer auszuhalten ist.

Allerdings ist ein wenig Licht am Ende des Tunnels zu sehen: Gerade in der Partei, die solche beratungsresistenten Proponentinnen gröbsten Alternativheiler-Unfugs wie Barbara Steffens, Birgitt Bender oder die (dem grünen Parteivolk sei Dank) derzeit in der Versenkung verschwundenen Hiltrud Breyer, in Ämter und Positionen gehievt hat, in denen der politische Gestaltungswille unglücklicherweise mit größeren Effekten ausgelebt werden kann, regt sich Widerstand.

Nicht nur bei der Diskussion des Wahlprogramms 2013 wurde deutlich, dass längst nicht jeder Grüne der Auffassung ist, dass es ohne instituionalsierten Schamanismus auf Kosten der Allgemeinheit nicht geht (Klick),  auch als Birgitt Bender vor wenigen Tagen mal wieder den Anthroposophen das Wort redete, als sie im Ärzteblatt (Klick) vehement gegen die Impfpflicht in Sachen Masern aussprach, bekam sie, was lange Zeit undenkbar war, schweren Gegenwind aus den eigenen Reihen (Klick). Und Barbara Steffens wurden im Mai an gleicher Stelle ein paar Sätze in ihr Poesiealbum geschrieben, wie sie deutlicher nicht sein können:

„(…) Eine grüne Partei, die ganz offen Wissenschaft verhöhnt macht sich mitverantwortlich an der Verdummung der Gesellschaft. Sie beteiligt sich daran knappe Ressourcen zu verschwenden und den Ruf von WissenschaftlerInnen fahrlässig zu beschädigen. Sie verhindert damit den gesellschaftlichen Fortschritt, als dessen Wegbereiterin sie sich selbst so gern rühmt.“

Das alles lässt hoffen. Zum Beispiel darauf, dass nicht ein herbeiphantasierter Paradigmenwechsel sondern ein ganz banaler Generationenwechsel das Problem mit dem Schwachsinn auf Zucker erledigt.

Der studierte Biologe und Medizinjournalist Christian Weyrmayer, zusammen mit Nicole Heißmann Verfasser einer wichtigsten homöopathiekritischen Publikation (Klick) der letzten Zeit, hat auf seiner Website eine To-do-Liste inSachen Homöopathie  aufgeschrieben:

  • Keine Homöopathie im Gesetz: Der Sonderstatus der „besonderen Therapierichtungen“ muss ersatzlos gestrichen werden
  • Keine Homöopathie in der Arztpraxis: Medizinische Dogmen dürfen keine Basis für akademisch begründetes, ärztliches Handeln sein.
  • Keine Homöopathie an den Universitäten: Die Wissenschaft soll sich klar gegen Glaubenslehren aussprechen, klinische Studien zur Wirksamkeit homöopathischer Arzneien sind irrelevant, weil sie bei Weitem nicht aussagekräftig genung sind, um „geistartige Heilkräfte“ zu beweisen.
  • Keine Homöopathie in den Apotheken: Die Apothekenpflicht für homöopathische Arzneimittel hat keine pharmakologische Grundlage und soll aufgehoben werden.
  • Keine Homöopathie von den Krankenkassen: Kassen machen sich unglaubwürdig, wenn sie die Kosten für Homöopathie übernehmen.

Diese Liste abzuarbeiten, hat höchste Priorität. Alles andere ergibt sich dann von selbst.

b

Endnoten:

(1) Reinstopfen, rauskotzen, vergessen, nächste Klausur

(2) vergl. Treher, Wolfgang „Hitler, Steiner, Schreber: Gäste aus einer anderen Welt ; die seelischen Strukturen des schizophrenen Prophetenwahns“ 

(3) Die Sendung „Hokuspokus Homöopathie“ (klick) ist im SWR2 Forum Podcast zu finden.  Zitat Jütte: „Die Homöopathie gehört in eine ganz andere Ecke der jetzigen medizinischen Forschung, nämlich in die Placebo-Forschung hinein…“

(4) „Lac Owleum“ war ein Gag, der entfernt an das Experiment des amerikanischen Physikers Alan Sokal erinnerte, bei dem dieser einen inhaltlich schwerwiegend fehlerhaften, im Grunde völlig sinnlosen Text schrieb, dem jedoch durch die Verwendung eines entsprechenden Jargons eine höchst wissenschaftliche Note verleihen wurde. Sokals Text wurde in einer sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht und kurzfristig später zum Skandal – nachdem Sokal einer anderen Fachzeitschrift seine Parodie „gebeichtet“ hatte. Es folgte eine engagierte Debatte über mangelnde intellektuelle Strenge in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Sokal selbst veröffentlichte 1997, zusammen mit Jean Bricmont,  ein Buch mit dem Titel Impostures Intellectuelles, (Intellektuelle Hochstapeleien.

Dagegen findet sich Jörg Wichmanns „Lac Owleum“, ein nicht existierendes Präparat aus dem Bürzelsekret der Eule (welches im waidmännischen Sprachgebrauch Eulenmilch genannt wird), auch nach der Beichte Wichmanns, eine Parodie verfasst zu haben, immer noch in einigen homöopathischen Arzneimittellisten – natürlich unter der Kategorie „Arzneien aus Milch“. Natürlich. Wo auch sonst?   

(5) Ob man auf diesem Weg auch Globuli von Beethovens Neunter herstellen kann, indem man ein Schnapsglas mit Weingeist ins Stereodreieck positioniert und ihm 5x die Sinfonie vorspielt, konnte ich leider nicht endgültig klären. Ich plane aber einen Versuch – auf die Wirkung der Kügelchen bin jetzt schon gespannt.

(6) Antonie Peppler (Klick) – sehen, genießen und in die Tischplatte beißen!

(7) Rosina Sonnenschmidt (Klick)

(8) Andreas Krüger, Leiter der Berliner Samuel-Hahnemann-Schule (Klick)

Die homöopathische Mittelfindung mittels Aufstellung:  

„Der Stellvertreter des Klienten geht am Ende der Aufstellung auf das Wunder zu, wobei neben der Zielannäherungslinie zu beiden Seiten homöopathische Mittel aufgestellt werden, die zum Geschehen der bisherigen Aufstellung passen.

Glaubt der Stellvertreter nun, eines dieser Mittel zu benötigen, um zum Wunder zu gelangen, nimmt er es an die Hand und schreitet mit ihm gemeinsam zum Ziel.   Besonders wirksam ist diese Form der Mittelwahl, weil die Namen der Mittel dem Stellvertreter nicht genannt werden, und er sich so einzig auf die repräsentierende Wahrnehmung, also auf sein Gefühl, verlassen muss. Die dem Heilungsprozess entsprechende Potenz wird auf die gleiche intuitive Weise durch das Wunder ermittelt.“

(9) Jens Wurster (Klick), (Klick)

(10) Dass die renommierte Charité es überhaupt zulässt, dass Mitarbeiter sich mit solchen Titel brüsten, ist schon sehr erstaunlich.

(11) Quelle aller Zitate von Frau Witt ist deren Habilitationsschrift (Klick).

(12) Welche schwerwiegenden Konsequenzen der Verlust wissenschaftlicher Redlichkeit in der Forschung hat, zeigen zwei „Skandale“, die im Zusammenhang mit homöopathischen Fragestellungen entstanden.

Der französische Mediziner Jacques Benveniste (Klick) beförderte sich in den 1980er und ´90er Jahren mit dem von ihm postulierten Wassergedächtnis in wissenschaftliche Abseits. Obwohl sich die Forschungsarbeiten als grob fehlerhaft herausstellten, geistert aber das Wassergedächtnis immer noch durch die homöopathische Gemeinde.

Im Jahre 2003 veröffentlichten Pharmakologen der Uni Leipzig Forschungsergebnisse zur Beinflussung von Rattendärmen mittels hochpotenzierter Belladonna-Präparaten vor, wofür die Beteiligten dann auch Preise von interessierter Seite erhielten. Dank der Aufmerksamkeit dreier Hochschullehrer (Klick), (Klick) wurden die Forschungsergebnisse umfänglich als falsch bzw. fehlerhaft entlarvt.

Auch hier ist die Reaktion der Homöopathen-Gemeinde bezeichnend: Die Carstens-Stiftung konnte und wollte als Lobby-Verein die Atomatisierung der Studie nicht so einfach hinnehmen und beauftragte  das Institut für Veterinär-Physiologie der FU Berlin in den jahren 2005 / 2006 mit einer Reproduktion des Leipziger Versuchs – der, man ist verleitet „natürlich“ zu sagen, negativ ausfiel (Klick).  Warum erst 2009 das Ergebnis veröffenlicht wurde, weiß wohl nur die Stiftung.

(13) Leider führt der Link zu Frau Benders Zitat ins Leere. Es scheint auch, als hätte die Grüne im Hinblick auf die anstehende Wahl auf ihrer Website ein wenig aufgeräumt.

  

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