Was Sie über die Homöopathie wirklich wissen sollten… Teil I

ReaderVorweg:  

Ich bin der Homöopathie zum ersten Mal in den 1980er Jahren begegnet. 

Die junge Frau an meiner Seite hatte einige gesundheitliche Probleme, u.a. häufige Übelkeit und dauernde Erschöpfungs-zustände,  mit denen sie sich  – damals noch völlig unbefangen – einer Heilpraktikerin anvertraute.  

Diese Dame hatte auch die Homöopathie im Therapie-Sortiment, was dazu führte, dass ich eines Tages den Auftrag erhielt, ein Rezept für eine homöopathische Arznei unserem Kleinstadt-Apotheker zu überreichen. Der machte sich, weil es sich um eine Einzelanfertigung handelte, flugs an Werk,  um mir einige Tage später das verordnete Mittel zu übergeben – zu einem exorbitanten Preis und verbunden mit guten Genesungswünschen.

Nun war es so, dass auf den beiden mir überreichten Fläschchen kryptische Angaben zu den Inhaltsstoffen zu finden waren, aus denen man nicht recht schlau werden konnte, und einen erläuternden Beipackzettel gab´s auch nicht. Aus verständlichem Interesse, schließlich ging´s ja um meine Frau,  habe ich damals das gemacht, was man als Student so machte, wenn man auf unbekannte Sachverhalte traf – man begab sich in eine Fachbereichsbibliothek.

Nachdem ich dort in dunklen Ecken einige alte und offenbar lange nicht benutzte Schwarten gefunden und gewälzt hatte, wusste ich, nach oberflächlicher Sichtung, dann doch recht schnell, was sich hinter den kryptischen Abkürzungen auf dem Etikett der homöopathischen Arznei verbarg: Apomorphin 

Im homöopathischen Arzneimittelbild konnte ich den überwiegenden Teil der  Symptome wiederfinden, die meine Frau beeinträchtigten – soweit also schien die Heilpraktikerin augenscheinlich das richtige Mittel getroffen zu haben…

Leider äußerten sich die homöopathischen Schwarten nur sehr vage zur Pharmakologie des Apomorphins, und ich wollte doch genau wissen, was meiner Frau wieder auf die Beine helfen sollte. 

Konventionelle Lehrbücher zu Pharmazie waren da mit Informationen deutlich weniger zurückhaltend, und in denen war dann zu lesen, dass Apomorphin ein Wirkstoff aus der Gruppe der Dopamin-Agonisten und ein Morphinderivat ist, und  in einer entsprechenden Dosierung starken Brechreiz auszulösen in der Lage ist…

Wie bitte?  Ein Mittel, das Brechreiz auslöst, als Heilmittel gegen Übelkeit und Erbrechen?

Das erschien mir, gelinde gesagt, widersprüchlich, oder besser, unsinnig.

Zuerst habe ich damals – ich hatte von der „Theorie“ der Homöopathie noch nicht die geringste Ahnung – daran gedacht, ich hätte irgend etwas übersehen oder möglicherweise falsch verstanden.  Folglich führte der Weg noch einmal zurück zu den Folianten, und ab in die „Theorie“ der Homöopathie. 

Das nahm nun deutlich mehr Zeit in Anspruch, als herauszufinden, was meine Holde einwerfen sollte. Was ich dort in den folgenden Stunden lesen konnte,  über das Simile-Prinzip, über die Geheimnisse der Wirkungsverstärkung durch enorme Verdünnung, homöopathisch verklausuliert als „Dynamisierung durch Potenzierung“, über die homöopathische Pathologie, besonders über die Miasmen-Theorie und die chronischen Krankheiten,  war wirr, absurd, und so wirklichkeitsfern, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: Entweder war praktisch alles, was ich bisher über die Physiologie und die Pathologie des Menschen gelernt hatte, komplett falsch, oder in den homöopathischen Schwarten stand durchweg völliger Blödsinn.     

Was den Eindruck, es handele sich bei der Theorie der Homöopathie um großen Unsinn, noch deutlich verstärkte, war dann,  nach dem Ergründen der technischen Vorschriften zur homöopathischen Arzneiherstellung, die erstaunliche Erkenntnis, dass in der verordneten Potenz des Apomorphins, vom Apomorphin nicht mal mehr ein Hauch vorhanden war. Eine Erkenntnis, die letztlich zur Schlußfolgerung führen musste, dass meine Frau eigentlich überhaupt kein Medikament bekam. Angesichts der Rechnung für das Medikamnet fand ich das… ich glaube, „skandalös“ trifft es am ehesten.     

Was nun die außerordentliche Arznei für meine Frau angeht, so gestehe ich gerne ein, wenigstens dreimal nachgerechnet zu haben, weil ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, dass irgendjemand tatsächlich einen derartigen Unsinn wie eine C 200-Potenz herstellt    – ich habe, ganz schlicht, angenommen, dass mir ein wesentlicher Fehler in den Berechnungen unterlaufen war. 

Aber letztlich blieb dann doch kein Zweifel: Die Homöopathie war (und ist) eine Therapie, die so ziemlich allem widerspricht, was wir über biologische Gegebenheiten oder biochemische Funktionen im Organismus wissen. Alles, was ich als mögliche Fehler in der Berechnung oder mangelhaftes Verständnis der Darstellungen angenommen habe, war (und ist)  genau so gemeint, wie es zu lesen war.  Es ist systematisierter Unfug.      

Ich habe damals, mit sehr gegensätzlichen Gefühlslagen, die homöopathischen „Lehrbücher“ ins Regal zurückgestellt: Zum einen war ich durchaus erheitert über die Ernsthaftigkeit, mit der größter Schmonzes als der Weisheit letzter Schluß verkauft wurde, wobei ich da besonders den „Kent“ erwähnen möchte. Was in dessen Werk zu lesen ist, mußte entweder Satire sein, oder, um es salopp zu sagen, direkt aus einer Gummizelle stammen. Zum anderen war ich aber stinksauer, dass dieser Unsinn in Deutschland ungestraft als Therapie angewendet werden durfte – und das offenbar auch noch mit dem Segen der Bundesregierung, schließlich prangte auf dem Homöopa-thischen Arzneibuch (HAB) der Bundesadler.  Ich hatte, wie schon gesagt, nicht die geringste Ahnung davon, was man so alles über die Homöopathie wissen sollte. 

Als ich die Ergebnisse dieser Recherchen meiner Frau vortrug, hat sich die Gute dann doch entschlossen, einen qualifizierten Fachmann, sprich einen Internisten zu konsultieren, einfach mal so für ´ne „zweite Meinung“. 

Die bekam sie dann auch, nach Blutbild und eingehender Untersuchung, in Form eines Eisenpräparats zur substitutierenden Therapie ihres hochgradigen Eisenmangels und den daraus resultierenden anämischen Symptomen. In ganz- und garheitlicher Art und Weise wurden noch einige sinnvolle Ernährungsempfehlungen hinterher geschoben. Den deftigen und umißverständlichen ärztlichen Kommentar  zur heilpraktischen Verordnung von Apomorphin, den verschweige ich besser.

Was ich allerdings nicht verschweigen will: Meiner Frau ging es, mit zunehmender Füllung ihrer Eisenspeicher, von Tag zu Tag besser und sämtliche Symptome verschwanden. Das ist zwar auch nicht mehr als ein anekdotischer Bericht, aber das Ergebniss der Therapie entsprach genau der ärztlichen Prognose, wie eben auch den belegbaren physiologischen Kausalitäten.

Was noch anzumerken ist: Die beiden Fläschchen wurden einer gänzlich  anderen Verwendung ( Klick ) zugeführt, die ganze Geschichte erheiterte manche launige Runde, in denen meist ziemliche Einigkeit herrschte:  Sie, die Homöopathie, wird sich wohl nicht durchsetzen…  

Irgendwann war das Thema erledigt und Vergangenheit. 

Dann schwappte, etwa in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, das mittlerweile gut durchkommerzialisierte NewAge über Deutschland – Esoterik, Okultimus, Guruismus, und jede Menge abgedrehter Heilsvorstellungen wurden salonfähig – und die Homöopathie wurde zur Lokomotive vor dem Zug der Irrationalität. 

3 Jahrzehnte sind mittlerweile vergangen.  

Die Homöopathie, der Prototyp des Alles-Sein-wollen aber Nichts-tatsächlich-können, hat sich nicht nur zu einer lukrativen Branche mit Milliardenumsätzen  entwickelt, sie ist auch für nicht wenige Menschen zum Credo geworden, zum sozial- und gesellschaftkritischen Glaubensbekenntnis, in dem Naturmystik und esoterisch Weltsichten zusätzlich religiöse Bedürfnisse erfüllen.

Was die Homöopathie in ihrer „bürgerlichen“ Existenz aber noch ist: Sie ist schlicht und einfach ein komplexes Lügengebäude – und jedesmal, wenn einem Patienten ein Mittel als „wirksam“ oder besser noch „nachgewiesen wirksam“ präsentiert wird, wird ein weiteres Mal gelogen: In den Arztpraxen, in den Apotheken, auf Fortbildungsveranstaltungen und in einschlägigen Internetforen, seitens der Homöopathie-Lobbyisten und seitens der Globuli-Pharmazeuten.   

Dass all´diese Lügen ohne Konsequenzen bleiben, oftmals nicht einmal bemerkt werden,  hat vielfältige Ursachen. Der wichtigste Grund ist das mangelnde Wissen derjenigen, die die Homöopathie für eine der Wissenschaftsmedizin gleichwertige Therapie halten, und dabei die Marketing-Botschaften der Homöopathen-Lobbyisten und der „alternativen“ Pharmaindustrie kritiklos hinnehmen. Jeder Blick auf Diskussionen über die Homöopathie in den Medien, seien es die Printmedien, seien es die audiovisuellen Medien, sei es das Internet, zeigt das gleiche Bild: die inbrünstige Verteidigung der Homöopathie durch ihre Anwender basiert auf Selbsttäuschungen, die ihrerseits ihre Ursachen in mangelndem medizinisch-naturwissenschaftlichem, psychologischem und genauso auch historischem Wissen haben. Die Profiteure der Homöopathie können sich sicher auf ihre Kunden verlassen.

Ich habe, nachdem sich meine Einschätzung zur Überlebenswahrscheinlichkeit der Homöopathie als grandiose Fehleinschätzung herausgestellt hat, in den letzten Jahren eine Reihe von Artikeln, meist zu Einzelthemen der Homöopathie, geschrieben, von denen einige auf diesem Blog zu lesen sind.

Was ich nie so recht geschafft habe, war die Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Selbst- und Fremdtäuschung, die die Homöopathie von ihren Anfängen bis zur Gegenwart durchzieht. Mit der Artikelserie „Was Sie über Homöopathie wirklich wissen sollten…“ will ich das nun nachholen. 

Sollte der eine oder andere Globuli-Nutzer nach der Lektüre seine Zuckerkügelchen fortan zum Süßen von Tee oder Kaffee nutzen, hätte sich der Aufwand gelohnt.

 

Teil 1

Homöopathie ist erfundener Unsinn

– Eine kurze Einleitung und einige Thesen –  

Keine Sorge, geschätzter Leser, ich mute Ihnen jetzt nicht eine weitere Biographie Hahnemanns zu, die man üblicherweise zu Anfang jeder Betrachtung der Homöopathie zu lesen bekommt. Ein wenig Historie kann ich zwar Ihnen nicht ersparen, aber die kommt später.

Zuerst möchte ich von einem Phänomen berichten, dass Ihnen in seinen tagtäglichen  Erscheinungen wohl bekannt sein dürfte. Was dieses Phänomen mit der Homöopathie verbindet hat, wird sich ergeben.

 

 •  Homöopathie –  Eine „soziale Konstruktion“ 

Der amerikanische Sprachphilosoph John Searle beschreibt in seinem Buch                   Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit“  eine Eigenart des menschlichen Verhaltens, nämlich Dinge zu erschaffen, die im Grunde nur existieren, weil wir beschlossen haben, dass sie existieren, z.B. einen Geldschein oder homöopathische Arzneien.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Feststellung, dass einerseits die reale Welt so funktioniert, wie sie von den Naturwissenschaften beschrieben wird, es andererseits aber geistige bzw. gesellschaftliche Wirklichkeiten gibt, die nicht naturwissenschaftlich erklärbar sind.

Betrachten wir zuerst unter diesem Gesichtspunkt den eingangs erwähnten Geldschein: Ohne unserer Bedeutungszuschreibung haben wir es mit getrocknetem Holzfaserbrei zutun, der mit verschiedenen Substanzen kunstvoll beschichtet wurde. Erst durch unsere Bedeutungszuschreibung erhält dieses Objekt eine Funktion, die nicht auf seinen physischen Eigenschaften beruht, sondern auf dem gemeinsamen Anerkennen des Objekts als etwas gänzlich anderes, nämlich der eines universellen Tauschmittels für Güter jeglicher Art.

Wir erschaffen also Gedankengebilde, so etwas wie dieses universelle Tauschmittel Geld, in denen sich unser Wollen, unsere Sehnsüchte und Vorstellungen repräsentieren, und billigen diesen Erfindungen die gleiche Bedeutung zu, die auch ein Objekt der Wirklichkeit besitzt, das unabhängig von unseren Repräsentationen existiert, das unabhängig von uns selbst und unseren Ideen existiert.

Geld ist also Geld, weil wir uns darauf geeinigt haben, es als Geld anzusehen. Würden wir beschließen, dass der Papierschein kein Geld mehr ist, wäre er nicht mehr, als ein buntbedrucktes Stück Papier. Das Wesentliche ist also die Einsicht, dass die Funktion eines bunten Papierblättchens (oder aller möglichen anderen Gegenständen, über die sich Menschen geeinigt haben, sie als Tauschmittel zu verwenden) nur durch eine soziale Übereinkunft hergestellt wird.

Schauen wir uns nun eine homöopathische Arznei, eine „Hochpotenz“ an: Physisch handelt es sich um ein zu einem kleinen Kügelchen geformtes Disaccharid, bestehend aus vielen Molekülen, die ihrerseits aus zwei Hexosen – α-D-Glucose und β-D-Fructose – bestehen, die  durch eine α,β-1,2-glycosidische Bindung verbundenen sind. Im Laufe eines Verarbeitungsprozesses wurde auf dieses Kügelchen Wasser gesprüht, aus welchem, mittels vielfacher Verdünnung, eine im Wasser ursprünglich vorhandene Substanz konsequent entfernt wurde. Diese Kügelchen sind also Zucker – nicht mehr und nicht weniger. Jede rationale Begutachtung, sprich chemisch-physikalische Analyse, zeigt eindeutige Ergebnisse.

Erst durch die vorhin beim Geld schon erwähnte Bedeutungszuschreibung erhält dieses Kügelchen eine Funktion, die eben nicht auf seiner physischen Eigenschaft beruht, sondern aufgrund unserer Vorstellungen, die wir mit diesem Kügelchen verbinden. Homöopathen behaupten bekanntermaßen von den Zuckerkugeln – und das ist eben die soziale Übereinkunft –  sie seien etwas objektiv anderes, nämlich eine Arznei, die über Eigenschaften verfügt, die nicht ihrer natürlichen Existenz entsprechen, sondern über diese hinausgehend existieren.

1023Nun gibt es für die Existenz dieser „zusätzlichen“ Eigen-schaften der Zucker-kügelchen keinen einzigen Beleg.

Außerdem widerspricht die Existenz dieser besonderen Eigenschaften jeder Plausi-bilitätserwägungen auf der Basis unseres wohl- bestätigten Hintergrund- wissens. 

Eine homöopathische Hochpotenz ist also nur deshalb eine Arznei mit spezifischen Eigenschaften, weil wir uns (Naja, nicht alle…) darauf geeinigt haben, sie als Arznei mit spezifischen Eigenschaften anzusehen.

Würden wir beschließen, dass die homöopathische Hochpotenz keine Arznei mit spezifischen Eigen-schaften mehr ist, wäre sie eben nicht mehr, als ein Zuckerkügelchen, das wir, ohne mit irgendwelchen unerwarteten Effekten rechnen zu müssen, beispielsweise als Zucker im Kaffee verwenden könnten. (1)    

Es besteht kein Zweifel daran, dass außerhalb des homöopathischen Mikrokosmos eine homöopathische Hochpotenz keine Arznei mit spezifischen Eigenschaften ist, sondern nur Zuckerkügelchen,  weil die Hochpotenz physiologisch nicht mehr bewirkt, als das, was auch ein Zuckerkügelchen im Organismus bewirkt.

Es gäbe also Grund genug für die Feststellung, dass im Falle der homöopathischen Hoch- potenz unsere konstruierte „soziale Wirklichkeit“ mit der naturwissenschaftlich beschriebenen Wirklichkeit nicht übereinstimmt.

So etwas, nämlich die Unvereinbarkeit sozialer Überzeugungen mit der greifbaren Realität, kommt öfters vor: Die aus dieser Einsicht folgende Konsequenz ist die Entscheidung, die eine moderne aufgeklärte Gesellschaft in weiten Teilen vollzogen hat: Nämlich unsere Existenz im formalen Rahmens des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns zu gestalten, in dem Geschmäcker, Wunschvorstellung und Glaubensüberzeugungen keine Rolle spielen, und man sich nicht aussuchen kann, was wahr ist oder wahr sein soll, in dem man erforscht und findet, und sich dem Gefundenen anpasst.   

„Soziale Wirklichkeit“, die völlig losgelöst von Naturgesetzen und den erfahrbaren Phänomenen aus einer zusammenkonstruierten Phantasiewelt besteht, ist im Grunde nicht mehr als eine Wahnvorstellung. 

Das Erstaunliche ist nun, dass diese Konstruktionen des Geistes – auch wenn sie offensichtlich mit den tragfähigen Erkenntnissen der Naturwissenschaften kollidieren –    unter gewissen Umständen eine Eigendynamik gewinnen, die sie unabhängig von ihrer Herkunft als ausschließlich menschliche Erfindung macht, die sie zur Institution und Tradition werden lässt.

Searle schreibt dazu: „Ein rätselhaftes Phänomen der sozialen Wirklichkeit ist die Tatsache, dass sie nur existiert, weil wir denken, dass sie existiert.“

Die Homöopathie ist ein Musterbeispiel für eine ausschließlich „soziale Konstruktion“, die völlig lösgelöst von der greifbaren Realität existiert und dementsprechend keine kausale Analyse übersteht. 

Dass die Homöopathie von nicht wenigen (aber eben längst nicht von allen)  Menschen anders wahrgenommen wird, liegt an den vielfältigen Möglichkeiten, sich selbst und andere über die tatsächlichen Eigenschaften eines Objektes zu täuschen.

Einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts, der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman erinnerte an die Notwendigkeit der kritischen Distanz und des Zweifelns:

„The first principle is that you must not fool yourself and you are the easiest person to fool.“

 

•  Homöopathie – Kopfgeburt ohne Realitätsbezug 

Wenn also die Homöopathen über die Wesenselemente und Wirkmechanismen ihres Verfahrens sprechen, dann existieren diese nicht wirklich, jedenfalls nicht in der naturwissenschaftlich beschreibbaren Realität.

Dass diese trotzdem als Phänomen von den Anhängern der Homöopathie wahrgenommen werden, liegt durchweg an der Fehlinterpretationen dieser Phänomene. Diese Fehlinterpretationen sind wohlbekannte kognitive Fehlleistungen, wohlbekannt deshalb, weil sie auch in anderen Zusammenhängen unser Denken vernebeln.

Wenn also Kritiker der Homöopathie immer und immer wieder auf die Wahrnehmungs- fehler der Homöopathie-Anwender hinweisen,  hat das vor allem den Grund, dass uns leidvolle Erfahrungen deutlich gemacht haben, welches große Probleme durch Wahrnehmungsfehlern und den daraus resultuierenden Interpretationen  entstandene, falsche Aussagen über die Natur darstellen – auch und ganz besonders im Zusammenhang mit der Frage nach der Wirksamkeit medizinischer Therapien. Letztlich ist die Entwicklung der Methoden des wissenschaftlichen Erkenntniswegs nämlich genau der Einsicht zu verdanken, dass kaum etwas so leicht zu täuschen ist, wie die menschliche Wahrnehmung.  

Wir wissen also um die Gefahren solcher Fehlinterpretationen – und haben durch den wissenschaftliche Methodik Wege gefunden, diese Fehler zu vermeiden oder soweit zu minimieren, wie es eben möglich ist.

Wenden wird diese wissenschaftlichen Methoden auf die Homöopathie und ihre Axiome an, so wird an überall, an jeder Stelle des Verfahrens, deutlich, dass es sich bei den Theorien der Homöopathie ausschließlich um Konstrukte der Phantasie handelt, die, um den großen Psychologen Bleuler zu zitieren, letztlich in einem „autistisch-undisziplinerten Denkakt“ das Licht der Welt erblickt haben.

Nun mag es in anderen Lebensbereichen so legitim wie unerlässlich sein, reine Gedankenkontrukte zur Basis unseres Zusammenlebens zumachen – z.B. ist unsere gesamte Rechtsordnung so eine Konstruktion.

Dort aber, darauf aber ich schon weiter oben hingewiesen, wo sich zeigt, dass Realität und geistige Konstruktion in unüberwindbaren Widersprüchen zueinander stehen, ist nur die validierbare Realität das Maß der Dinge – und eben nicht das menschliche Phantasie-Gebilde.

 

• Homöopathie – Unredlichkeit als Geschäftsprinzip

Nun wird sich wohl der eine oder andere Leser daran erinnern, dass die Vertreter der Homöopathie bei jeder Gelegenheit darauf hinweisen, zur Homöopathie gäbe es eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien, die deren Wirksamkeit nachweisen, und damit die Verankerung in den naturwissenschaft ergründbaren Welt belegen.

Auf diese Studien werde ich an anderer Stelle zurückkommen.

Worauf aber jetzt schon hingewiesen werden soll, ist der enorme Widerspruch, der sich hier darstellt: Wie kann ein Verfahren wie die Homöopathie, deren Elemente im völligen Gegensatz zu den gesicherten Erkenntnissen über die Welt steht, trotzdem wissenschaftlich tragfähige Aussagen generieren?

Es ist ganz einfach: Sie kann es nicht!

Aussagen der Homöopathie, die den Anspruch erheben, wissenschaftlicht begründet zu sein, sind falsch.

Wäre es nicht so, auch darauf habe ich schon Eingangs hingewiesen, müsste fast das gesamte naturwissenschaftliche Wissen, über das wir verfügen und an jedem Tag erfolgreich anwenden, falsch oder grob fehlerhaft (2) sein.

Wir stehen also vor der Frage, ob unser als tragfähig angesehenes Wissen grundsätzlich falsch oder zumindest hochgradig lückenhaft ist – oder eben nicht. Für den ersten Fall spricht so gut wie nichts. Wir müssen deshalb erhebliche Zweifel an der wissenschaftlichen Seriosität z.b. solcher homöopathischen Studien anmelden, die zu positiven Ergebnissen gekommen sind.

Wie vollends berechtigt solche Zweifel an der Beweiskraft homöopathischer Studien sind, darauf gehe ich, wie schon erwähnt, an anderer Stelle ein.

Allerdings stelle ich schon jetzt fest, dass positive wissenschaftliche Nachweise der Homöopathie – ohne gravierendes wissenschaftliches Fehlverhalten – nicht erbracht werden könne. Wissenschaftliches Fehlverhalten, das von untauglichen Studiendesign bis zur Manipulation von Studien-Ergebnissen reicht. Dazwischen ist an Verhalten alles zu finden, was Studien auf jeden Fall unbrauchbar und unglaubwürdig macht.                            

Genau das erklärt auch die Überschrift dieses Abschnitts: Das Geschäftsprinzip der Homöopathie in ihrem modernen Auftritt, ist die Unredlichkeit.

Unredlichkeit deshalb, weil die Basis der Homöopathie, also die Sachverhalte, die dem Hilfesuchenden als „gesichertes Wissen“ präsentiert werden, letztlich nur und ausschließlich auf einer ursprünglich intuitiven, zu keiner Zeit prinzipiell infrage gestellten Grundannahme beruhen. Zu keinem Zeitpunkt ihrer 200-jährigen Geschichte konnten Homöopathen nachweisen, dass ihre theoretischen Überlegungen über naturwissenschaftliche Entsprechungen verfügen – und genau das ist heute jedem Homöopathen mit einer wissenschaftlichen Ausbildung bewußt.

Wenn also Gegenwarts-Homöopathen die Aspekte ihrer Therapie,

  • die homöopathische Ätiologie und Pathogenese;
  • die homöopathische Anamnese,
  • die homöopathische Arzneiverordnung nach dem Simile-Prinzip,
  • die homöopathische Arzneimittelprüfung,
  • die Gewinnung homöopathischer Arzneien mittels Dynamisierung durch Potenzierung

als gesichertes Wissen offerieren, dann lügen sie. Wahlweise haben sie auch ein massives Problem mit ihrer Weltwahrnehmung.

 

• Homöopathie – Sinnlose Rituale

Was Homöopathen als Folge fehlerbehafteter Wahrnehmung und aus diesen resultierenden Interpretationen in der Praxis veranstalten, sind sinnfreie Rituale.

Das gilt für die Erfindung homöopathischer Arzneien und für deren Prüfung, also der Festlegung des Arzneimittelbildes, wie auch für deren Herstellung. Das gilt für die Anamnese, deren erstes und im Grunde einziges Ziel die Verordnung einer homöopathischen Arznei ist, das gilt gleichfalls für die Kategorisierung der Symptome im Rahmen der homöopathischen Krankheitslehre. 

Der Inhalt der Rituale ist grotesker Unsinn, der, ohne dass es irgendeinen Effekt hätte, auch ganz anders unsinnig sein könnte:

  • Es ist völlig bedeutungslos, ob eine homöopathische Lösung 10x, 20x, oder 30x auf ein Lederkissen Richtung Erdmittelpunkt gestossen wird. Es ist völlig egal, ob sie geschüttelt oder gerührt wird.  Genauso könnte der Laborant – nach zwingender Vorschrift aus dem Organon – dabei auf einem Bein stehen oder sich beispielweise in der Nase bohren – genauso unwichtig wäre es auch, ob er den Finger dabei mit oder gegen den Uhrzeigerrichtung dreht.
  • Es ist völlig bedeutungslos, ob jemand in einer homöopathischen Arzneimittelprüfung das Vibrieren seines linken oberen Eckzahns  (3)  zu verspüren meint, von Feen (4) träumt, oder mit der morgendlichen Angst aufwacht, dass ihm der Kopf (5) abgebissen wird, denn alle Arzneimittelprüfungen, in denen diese „Symptome“ festgestellt wurden, fanden mit Prüfpräparaten in Potenzierungen jenseits der Avogadro-Grenze (6)  (Klick) statt, und die sind konsequent vom ursprünglichen Wirkstoff befreit. Homöopathen zeichnen also normale Lebensäußerungen auf, deren Ursache alles mögliche ist, nur eben nicht die „geprüfte“ Arznei.
  • Genau so sinnfrei ist die Aufführung der homöopathischen Anamnese, die ich, im Gegensatz zu anderen Meinungen gemässigter Kritikern, nicht für einen erhaltenswertes Teilsegement der Homöopathie halte (Stichwort: Gesprochene Medizin), weil das ganze Ritual nicht einer ergebnisoffenen Exploration der Patientenbeschwerden dient, sondern nur dem Auffinden diverser Schlüsselwörter, die, als Bestandteil der absurden Arzneimittelbilder, den Weg zur Verordnung einer absurden „Arznei“ darstellen.

Wie sinnlos diese Inzenierungen in den Praxen der Homöopathen sind, lässt sich anhand zweier Zitate belegen. Beide stammen von Ärztinnen, die der Homöopathie keineswegs negativ gegenüberstehen.

 So dürfen wir in der 2004 verfassten Doktorarbeit, der heute in der Tübinger Hahnemann-Klinik tätigen homöopathischen Ärztin Anne Carolin Medam, zu Hahnemanns Begriff der “chronische  Krankheiten” folgende erhellende Worte lesen:

“(…) Seine Definitionen von den natürlichen “chronischen Krankheiten” als miasmatisch verursachte, dauerhafte und stetig progrediente Krankheiten, welche ohne medizinische Behandlung lebenslang im Körper bestehen bleiben und niemals von selbst weichen, findet jedoch keine Bestätigung mehr, da das Auftreten von intermittierenden Verläufen, Spontanremisssionen und Spontanverläufen allgemein anerkannt ist. Ebenso wenig erscheint seine Einteilung in natürliche (miasmatische) und uneigentliche Krankheiten gegenwärtig noch angemessen. (…) Hahnemanns drei chronische Krankheiten “Syphilis”, “Sykosis” und “Psora” haben als “miasmatisch” verursachte Krankheiten heute keine Berechtigung mehr. (…) Hahnemanns monokausale Vorstellung von einer Urkrankheit und drei chronischen Miasmen ist demzufolge nicht mehr berechtigt.”

“(…) Hahnemanns monokausales Modell der Entstehung chronischer Krankheiten fordert in großen Teilen aufgegeben zu werden, und durch plurikausale Modelle der modernen Medizintheorie ersetzt zu werden.

Claudia Witt,  unsere erste deutsche Komplementärmedizinerin mit gestiftetem Professorentitel formulierte den Sachverhalt noch kürzer:

„Diese Darstellung (Anmerkung des Verfassers: gemeint ist die im davor stehenden Text zu lesende Erklärung zu Hahnemanns Vorstellungen von der Lebenskraft ) lässt erkennen, dass die Homöopathie auf einen wichtigen Erkenntnisanspruch der konventionellen Medizin, die Suche nach den kausalen Ursachen der Krankheit, verzichtet.“

Ich will an dieser Stelle den kurzen Ausflug in die sinnfreien Rituale beenden – in den folgenden Kapiteln wird die Sinnfreiheit homöopathischer Therapiebestandteile noch oft genug diskutiert werden. Wir sehen aber schon hier, und der Eindruck wird sich nur noch bestätigen, dass das, was Homöopathen behaupten zu leisten, sie letztlich nicht leisten können. Es gibt keinen vernünftigen Zweifel daran, dass hinter den Ritualen der Homöopathie tatsächlich mehr steckt, als substanzlose Worthülsen.

 

• Homöopathie –  Die Illusion der Selbstbestimmung

Als letzten Punkt im 1. Teil dieses Readers will ich einen ersten Versuch starten, die Attraktivität der Homöopathie zu erklären, die trotz der großen Zahl berechtigter Einwände unzweifelhaft vorhanden ist:

Neben den schlichten Fehleinschätzungen, die selbst dort therapeutische Wirksamkeit suggerieren, wo ein kausaler Zusammenhang zwischen Therapie und Heilerfolg definitiv verneint werden muss, ist ein wesentlicher, wenn nicht der bedeutsamste Erfolgsfaktor der Homöopathie die Illusion der Selbstbestimmung

Verkaufstatistiken zeigen es schon lange: Der überwiegende Teil der homöopathischen Medikamente geht ohne Verordnung durch einen Homöopathen über den Apothekentresen. Genau so werden auch Schüssler-Salze, Bach-Blütenessenzen und was da sonst noch so an Wundermitteln existiert, so gut wie ausschließlich nach eigenem Gutdünken erworben und eingesetzt. Die Auswahl erfolgt entweder durch diverse Ratgeber-Broschüren oder auf Empfehlung aus dem Familien- oder Bekanntenkreis.

Was treibt diese Hobby-Docs, die sich selbst, oder, was viel schlimmer ist, vor allem ihren Nachwuchs mit Unsinn therapieren, zu der Überzeugung, sie würden zu wirksamen Medikamenten greifen?

Eine mögliche Erklärung – für mich die einzig nachvollziehbare Begründung – liegt in der Botschaft, die vor allem in den ungezählten Ratgebern zu finden ist: „Ihr habt Euer Wohl und Wehe selbst im Griff!“.

Diese Botschaft trifft offenbar ein wesentliches Bedürfniss, dass seine Ursachen im Gefühl hat, im System der modernen Medizin umfänglich fremdbestimmt zu sein.  Als Patient hat man schnell das Gefühl, der konventionellen, wissenschaftlichen Medizin einfach „ausgeliefert“ zu sein. Das liegt u.a. daran, dass medizinische Verfahren, seien es nun diagnostische oder therapeutische, in vielen Fällen auf hochkomplexe Technik zurückgreifen.

Das ist im Grunde zwar eine positive Entwicklung, schon allein deshalb, weil Technik nicht nur die Breite und Tiefe der menschlichen Wahrnehmungen enorm erweitert hat (das fing schon mit dem Mikroskop an), sondern eben auch deutlich weniger anfällig für Fehlleistungen ist, wie die, die Menschen so produzieren; von der Effektivität und der Effizienz der Maschinen, beispielweise der Analyse-Geräte in den Laboren,  wollen wir erst garnicht reden.

In den Augen des erkrankten Menschen findet aber etwas anderes statt: Die Maschine übernimmt die Rolle des Arztes, sie entscheidet über Wohl und Wehe, über Leben oder auch über Sterben und Tod. Gewalttätiger kann ein Angriff auf das soziale Wesen Mensch kaum sein…

Medizin wird zu einem technischen Ablauf, der subjektive Freiheiten weitgehend ausschließt, kaum noch individuelle Entscheidungsräume bereitstellt, und genauso wenig persönliche Interpretationen des Krankheitsgeschehens ermöglicht.

Ob diese Gefühle berechtigt sind, und ob eine rationalere Betrachtung sie nicht deutlich relativieren könnte, soll hier jetzt nicht diskutiert werden. Wichtig ist, diese Gefühle als Begründung für entsprechendes Verhalten zuerst einmal zu registrieren.

Do-it-yourself-Doctoring ist der Gegenentwurf zur technischen Medizin und deren unbequeme Wahrheiten. Do-it-yourself-Doctoring bedeutet, nicht mehr „ausgeliefert“ zu sein, die Dinge selbst in der Hand zu haben, selbst aktiv werden zu können.

Nun ist die Grundvoraussetzung einer objektiv sinnvollen Therapie fundiertes medizinisch-naturwissenschaftliches Wissen, über das der Do-it-yourself-Doc überlicherweise nicht verfügt.

Fragen Sie, werter Lese, einmal jemanden in ihrer Nähe, ob er Ihnen vielleicht den Aufbau einer Eukaryonten-Zelle erklären kann, oder wie ein Nervenimpuls zu einer Kontraktion eines Muskels führt. Fragen Sie mal, was Ihr Gesprächspartner sich unter dem pharmakologischen Rezeptor-Modell vorstellt – oder besser, fangen Sie mal mit etwas ganz Einfachem an: Lassen Sie sich die wesentlichen Unterschiede von Bakterien und Viren erklären…

Sie werden sich über die Ergebnisse wundern – und mir sicher danach zustimmen, dass es einfache Konzepte braucht, dass simple Lösungen und triviale Erklärungen notwendig sind, um die Illusion zu erzeugen, man hätte die Dinge „im Griff“.  

Genau diese Trivialität bieten die homöopathischen Ratgeber. Deren einziges Ziel ist es, die simplen Gewissheiten zu vermitteln, auf den die gesamte Homöopathie letztlich basiert: Hast Du ein Symptom, hast Du auch eine Arznei!

– Schnupfen? Allium cepa!
– Kopfschmerzen? Belladonna!
– Allergie? Galphimia glauca!
– Schulangst bei Kindern? – Gelsemium!
– Genervt vom Ehegatten? – Sepia!
– Leeres Konto? – Aurum!

Für jede Krankheit und jede Befindlichkeitsstörung, für jede unerwartete und unerwünschte Wendung, die das Leben so mit sich bringt, gibt es ein einfaches Konzept. Ein bisschen Laienpsychologie (eigentlich wollte ich „Gossenpsychologie“ schreiben, das triffts eher), ein wenig Symptomaddieren, schon gibt´s ein passendes Kügelchen: Belladonna, Pulsatilla, Ex can. – völlig egal, was es ist, es ist richtig.

Wichtig ist, man hat etwas gegen die diffuse Angst des Ausgeliefertseins an Kräfte, die sich der eigenen Kontrolle entziehen. Autonomie, Herrschaft über das Szenario, ist das Ziel hinter der absurden Selbstmedikation.

Nur – dass diese gefühlte Autonomie keine wirkliche Selbstbestimmung ist, braucht nicht erwähnt zu werden. Sie ist es schon deshalb nicht, weil sie nicht das Ergebnis einer rationalen Abwägung ist, die tragfähige Erkenntnisse gegeneinander aufwiegt.

Die einzige Basis der herbeihalluzinierten Selbstbestimmheit ist das allgegenwärtige Heilsversprechen. Dass das zwar niemals einlöst wird, ist völlig egal. Denn der eigentliche Wert dieser Heilslehre besteht nicht in der Heilung diverser Gesundheitsstörungen, sondern vorrangig in einer narzisstischen Selbstwertregulation im Sinne einer Flucht in eine absurde Größenphantasie: Es geht darum, ein Universum zu schaffen, dessen Mittelpunkt und Referenz ich selbst bin, es geht darum, einen Ort zu schaffen, an dem ich alle Fäden in der Hand halte, und der Boericke, der Kent, das Organon oder eine der vielen anderen homöopathische Schwarten sind des User´s Manual zur Bedienung dieses Universums.

Zwar zeigt – nur so als Beispiel – eine postinfektiöse Glomerulonephritis nach einer homöopathischen und damit unwirksamen Behandlung einer Streptokokken-Tonsillitis, dass es eine fatale Illusion ist, sich auf die Simplizität der homöopathischen Weltsicht zu verlassen, aber die Sicherheitselemente der Homöopathie – feste Überzeugungen, umfassende Garantien, einfache Problemlösungen – haben offenbar eine deutlich stärkere Wirkung, als die Risikoabwägungen der Wissenschaftsmedizin.

Genau diese suggerierten Sicherheiten, die felsenfesten Überzeugungen, die in jeder homöopathischen Schrift zu finden sind, und die, als einzige Referenz, die unzähligen Fehleinschätzungen und den Dilettantismus des Gründervaters Hahneman vorweisen können, sind der Grund, die Homöopathie als gemeingefährliche Irrlehre anzusehen. 

Welche grotesken Fehler sich Hahnemann und welche, im Laufe der folgenden Jahrzehnte, sich seine Erben leisteten, davon berichtet der 2. Teil dieses Readers.         

 

Fortsetzung demnächst: 

Teil 2: Wie alles begann…

– Von edlen Motiven und größten Irrtümern –

 

Endnoten:

(1) Die unübersehbare physische Eigenschaft von Globuli, eben doch nur Zucker-kügelchen zu sein, scheint auch Hahnemann in seinen lichten Momenten aufgefallen zu sein. Anders ist der argumentative Airbag kaum zu verstehen, den sich der große Meister in einer Fußnote des Organons zusammenbastelte: Falls also Globuli mal nur unwirksame Zückerli sind, und eben nicht hochpotente Arzneimittel, liegt es eindeutig an der Lebensführung des Patienten. Was der alles zu vermeiden hat (und was ihm sicher nicht gelingt) können wir in der Fußnote zu § 260 des Organons nachlesen:   

2) Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräuterthee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht, sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade, Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus. Riechkißchen, hochgewürzte Speisen und Saucen, gewürztes Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen Stoffen, z. B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen), Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche Arzneikraft besitzen, Selerie, Petersilie, Sauerampfer, Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.; alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind, (Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu entfernen als jedes Uebermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke; Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism oder, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in der Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterdrückter Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend und dumpfige Zimmer; karges Darben~ u.s.w. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht werden soll. Einige meiner Nachahmer scheinen durch Verbieten noch weit mehrer, ziemlich gleichgültiger Dinge die Diät des Kranken unnöthig zu erschweren, was nicht zu billigen ist.

Nein, Hahnemann, was den letzten Satz angeht, da hattest Du recht: Um die Unwirksamkeit der Therapie dem Patienten auf´s Auge zu drücken, reichte Deine Liste allemal aus. Da musste man nicht noch mehr dazudichten.   

(2) vergl. Lambeck, Martin –  Irrt die Physik?: Über alternative Medizin und Esoterik

(3)Symptom“ aus der Arzneimittelprüfung „Wattwurm“ (Arenicola marina) von Jutta Thiel

(4) „Symptom“ aus der Arzneimittelprüfung „Weißer Marmor“ (White marbel) von Ulrike Keim

(5) Symptom“ aus der Arzneimittelprüfung Versteinerter Saurierknochen“ (Maiasaura lapidea) von Nancy Herrick

(6) Erreicht ein homöopathisches Mittel eine “Potenz” von D24/C12 bedeutet das, dass es solange verdünnt wurde, dass die durch die Avogadro-Konstante ( Klick ) festgelegte Zahl der vorhandenen Moleküle unterschritten wurde und mit außerordentlich hoher Wahrscheinlichkeit kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr im Globuli enthalten ist. Die hier zitierten Prüfungen wurden mit D30, C12, C30 und C200 durchgeführt.

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4 Antworten zu Was Sie über die Homöopathie wirklich wissen sollten… Teil I

  1. Mr. MIR schreibt:

    Hat dies auf FSMoSophica rebloggt und kommentierte:
    Ramen. Und Hail Eris.

  2. C.G schreibt:

    Was man nach Durchlesen des ein oder anderen Kommentars und Artikels hier auf alle Fälle konstatieren kann, der oder die Autor/in hat die Weisheit für sich gepachtet und „hört sich sehr gern reden bzw. schreibt gern laaaaange Artikel, um ihre Mitmenschen davon zu überzeugen, dass ihre Sichtweise der Dinge die einzig wahre ist. Viel Spass dabei.

    • excanwahn schreibt:

      Wie man´s auch macht, es ist verkehrt:
      Schreibt man nur allein „Homöopathie ist Quacksalberei!“, was ja schon ausreichen würde, wird einem mangelnde Differenzierung bei der Darstellung vorgeworfen.
      Beschreibt man den Unfug in seinen Einzelheiten, ist es viiiel zu laaaang…

      Was aber „meine Meinung“ angeht, da liegen Sie falsch. Das, was Sie hier lesen, ist nur ´ne Zusammenfassung von dem, was man, vielleicht mit ein bißchen Recherche-Aufwand, überall dort finden kann, wo die Leute noch alle Latten am Zaun, Tassen im Schrank und Globuli allerhöchsten im Kaffee haben.

    • bbuehrer schreibt:

      Alles was der Autor macht (da er die Geschichte von seiner Frau erzählt nehme ich mal an es ist ein „er“) ist unterhaltend darzustellen, dass es auf der Suche und Feststellung von gesichertem Wissen einzig und alleine die wissenschaftliche Vorgehensweise zum Erfolg führt. Man kann eine verrückte oder vielversprechende Idee haben, aber man muss zunächst einmal eine begründete Vermutung daraus machen und dann muss man diese durch Experimente (Physik), Versuche (Chemie, Biologie) oder qualifizierte Studien (Pharmazie, Medizin) mit der Wirlichkeit konfrontieren. Mit einer Wirklichkeit, die entweder Belege liefert oder das Scheitern der Vermutung belegt. Einfach Ideen, Vermutungen oder Glaubensdinge zu propagieren reicht nicht. Wenn dies nicht mehr gilt leben wir in einer Welt von Spekulationen und nicht in einer Welt, die aufgrund von gesichertem Wissen funktioniert.

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