Was Sie über die Homöopathie wirklich wissen sollten… Teil 2

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Reader

Teil 2

Wie alles begann…

Von edlen Motiven und größten Irrtümern

In den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts, also vor mehr als 200 Jahren, konstruierte der aus dem sächsischen Meißen stammende Arzt, Apotheker, und Übersetzer wissenschaftlicher Schriften, Samuel Hahnemann,  aus diversen Versatzstücken früherer Heilslehren und den Ausflüssen seiner blühenden Phantasie ein neues Therapieverfahren: die Homöopathie.

Gedacht war diese als Gegenentwurf zu der zu Hahnemanns Zeiten praktizierten, vorwissenschaftlichen Medizin, die ihre Wurzeln in archaischen, magisch-animistischen, von Aberglauben geprägten Heilkonzepten hatte und – aus heutiger Sicht – über doch sehr abwegige Vorstellungen von der Biologie des Menschen verfügte.

Diese Medizin, gegen die sich Hahnemann zu Recht aussprach, brachte mit ihren brachialen Therapie-Methoden – z.B. dem Aderlass, dem Klistier, der Verabreichung von Brech- und Abführmitteln oder der Verwendung von Giftstoffen aller Art – allenfalls zufällig Heilung (1), oftmals bereitete sie einem moribunden Patienten jedoch endgültig den Garaus.

Nur – man wusste es einfach nicht besser, denn das, was heute als medizinisches Wissen fast schon zur Allgemeinbildung gehört, war nicht einmal in Ansätzen vorhanden; übrigens auch nicht bei Hahnemann.

Hahnemann ging nun mit der Homöopathie Wege, die sich von den bisher angewandten Therapien weitestgehend unterschieden – was nichts daran ändert, dass die Homöopathie auf ihre Art wenigstens genauso abwegig war, wie die drastischen Maßnahmen der damaligen Ärzte. Denn auch Hahnemann verfügte, wie schon erwähnt, keineswegs über mehr naturwissenschaftlich-medizinisches Wissen, als seine Zeitgenossen.

Nur verzichtete er mit seiner Therapie – dem wegverdünnten Wirkstoff –  vor allem auf solche medizinischen Interventionen, die den ohnehin geschwächten Erkrankten zusätzlich schadeten – und schuf damit die Grundlage der vermeintlichen Heilerfolge der Homöopathie.

Aus heutiger Sicht lassen sich Hahnemanns Erfolge deshalb nicht auf seine absurde Pharmakotherapie  (denn genau das ist die Homöopathie) zurückführen, sondern nur auf den damit einhergehenden Therapieverzicht.Voltaire

Das spöttische Zitat Voltairs zeigt übrigens, dass schon deutlich vor Hahnemann die Einsicht vor- handen war, dass Therapieverzicht (durch Anwendung unwirksamer Therapieverfahren) von unter-haltsamem Brimborium begleitet, durchaus sinnvoll sein kann.

Hahnemann praktizierte – ohne es freilich zu beabsichtigen – das, was heute in der Wissenschaftsmedizin mit dem Begriff „Abwartendes Offenhalten“ (2) bezeichnet wird, und was, gemessen an den medizinischen Optionen des 18. Jahrhunderts, die Chancen der Erkrankten, ihre Krankheit zu überleben, deutlich erhöhte.

Wäre Hahnemanns Wissen, gemessen an heutige Maßstäben,  nicht so lausig gewesen, hätte also der Erfinder der Homöopathie über mehr naturwissenschaftlich-medizinische Kenntnisse verfügt, wäre ihm möglicherweise deutlich geworden, warum der Verzicht auf bestimmte „Heilmethoden“ zu wesentlich besseren Heilerfolgen führte, als deren Anwendung.

Leider begriff aber Hahnemann Zeit seines Lebens nicht (oder er ignorierte die dahingehenden Hinweise), dass er die sich ihm und seinen Anhängern darstellenden Erfolge seiner Therapie ausschließlich dem „Nichtstun“ zu verdanken hatte.

Ganz im Gegenteil: Weitestgehend rat- und orientierungslos bei der Suche nach den kausalen Zusammenhängen ärztlicher bzw. pharmakologischer Therapie, entwickelte er, unbeeinflusst von validem naturwissenschaftlichen Wissen, mit der Homöopathie eine absurdes Heilverfahren, das mit seinen Falschaussagen, seinen Trugschlüssen, seinen Denkfehlern, seinen Mechanismen von Selbst- und Fremdtäuschung, und nicht zuletzt mit der Borniertheit und Ignoranz ihrer Vertreter (die mit zunehmendem naturwissenschaftlichen Wissen immer deutlicher wird) in der Geschichte der Medizin eine einzigartige Stellung einnimmt.

 

 • Der erste Schritt zur fixen Idee

Fassen wir kurz zusammen: In den letzten Jahren des 18. Jahrhundert konstruierte Hahnemann ein umfassendes therapeutisches Konzept, das zum einen auf den Erkenntnissen beruhte, die Hahnemann in verschiedenen Selbstversuchen gewonnen zu haben glaubte, zum anderen aber auch Versatzstücke älterer Heilphilosophien beinhaltete.

Das Letztere erstaunt, weil doch genau diese vorwissenschaftlichen Heilmethoden, spezielle auch deren „Arzneien“,  hervorragend schon dazu geeignet waren, gesunde Menschen umzubringen, dementsprechend verheerender war die Wirkung auf Erkrankte.

Das aber hinderte Hahnemann keineswegs, sich weiterhin der Ingredienzien der „Heilsamen Dreck-Apotheke“, wie sie beispielweise von Christian Franz Paullini (1643 bis 1712) beschrieben wurden, weiter zu bedienen – was letztlich der Grund dafür ist, dass in der Materia medica, dem  homöopathischen Arzneilmittelverzeichnis, soviele absurde „Arzneien“ ( Klick ) zu finden sind, und mit schöner Regelmässigkeit neue Arzneien hinzukommen, die einen Ehrenplatz in der Drecksapotheke verdient hätten, z.B. Ex.can., auch bekannt unter dem bürgerlichen Namen „Hundescheiße„, eine ganz besondere homöopathische Spezialität aus dem preisgekrönten ( Klick ) Hause Eberle & Ritzer.

Hier nun, im Umgang mit den Absurditäten seine Arzneikästchens, vor allen mit den giftigen, offenbart sich, so jedenfalls wird die Legende Hahnemann gepflegt, zu ersten Mal seine „Genialität“, vor der die Homöopathen-Gemeinde seit 200 Jahren in Erfurcht verharrt:  Hahnemann verdünnte.

Ob allerdings die Anwendung dieser Kulturtechnik, der Verdünnung, tatsächlich ein Nachweis für die Genialität des Anwenders ist, sei mal dahingestellt. Ich kenne jedenfalls eine Menge Menschen, die sich keineswegs als Genies ansehen, wenn sie bei einem zu stark geratenen Kaffee noch ein wenig Wasser nachgießen…

Egal – ob Genie oder nicht: Hahnemann verdünnt – und begeht damit den ersten Schritt zu seiner fixen Idee.

Dieser Schritt besteht nun nicht in der Verdünnung – die ist, z.B. bei Quecksilber als Arznei, eine wirklich sinnvolle Maßnahme – sondern darin, was der große Meister im Rahmen seiner Bemühungen, den Patienten die Arzneien der Drecksapotheke überlebbar zu dosieren, schlussfolgerte.

Letztlich ging es nämlich genau um das: Was muss ich wie dosieren, damit es dem Patienten hilft?

Dazu aber müßten wesentliche Fragen beantwortet werden:

  • Gibt es Gesetzmäßigkeiten, die Anhaltspunkte dafür liefern, ob irgendein Stoff heilsame Wirkung hat?
  • Was wirkt da eigentlich, wenn eine Wirkung eintritt, und wie wirkt ein Heilmittel?
  • Wie kann man die schon bekannten Arzneien verbessern?
  • Welche Dosierungen muss man verwenden?
  • Warum helfen die Mittel, die man bisher kennt, in einem Fall gut und in einem anderen Fall überhaupt nicht?

Um diese Fragen aber beantworten zu können, braucht es ein erhebliches Maß an Wissen, über das weder Hahnemann, noch seine Zeitgenossen, verfügten.

Nicht einmal ansatzweise hatten sie Kenntnisse (wie sie heute für jeden Arzt oder Apotheker selbstverständlich sind) von solchen Dingen wie Pharmakokinetik und -dynamik, genau so wenig wußten sie über Struktur-Wirkungsbeziehungen von pharmakologisch wirksamen Substanzen, also dem Zusammenhang von spezifischen Aspekten einer molekularen Struktur und einer biologischen Wirkung. Genauso wenig hatten sie eine Vorstellung von grundlegenden physiologischen Wirkmechanismen wie Wechselwirkung mit Rezeptoren, Beeinflussung der Enzymaktivität, Beeinflussung von spannungsabhängigen Ionenkanälen sowie von Transportsystemen auf Zellebene; nicht abschließend sei noch das fehlenden Wissen über die Hemmung von Biosynthesen in Mikroorganismen erwähnt – Grundprizip der Chemotherapie mit Antibiotika.

Was Hahnemann und seine Zeitgenossen – gemessen an heutigen Maßstäben – alles nicht wußten, und nicht nur auf dem Gebiet der Medizin – das würde hier Seiten um Seiten füllen. Ich erspare mir und Ihnen, geschätzter Leser, diese Auflistung, werde aber bei passender Gelegenheit auf das Thema zurückkommen. 

Wichtig ist nur die Einsicht, dass die Hahnemänner der Napoleonischen Zeit zwar auch eine Menge wußten, das meiste davon aber grundfalsch war, und dass das, was sie hätten wissen müssen, um z.B. die Fragen im Zusammenhang mit Arzneien beantworten zu können, als Wissen erst 50 oder eher 150 Jahre später den Menschen zur Verfügung steht. 

Hahnemann hat einfach keine Chance, sich die oben aufgelisteten Fragen zu beantworten, dazu reichte eben der Informationsstand seiner Zeit nicht aus:  Hahnemann konnte verdünnen. Und das tat er.

Das Ergebnis war – angesichts der potentiell lebensgefährlichen „Arzneien“, die Hahnemann verwendete, z.B. das oben schon erwähnte Quecksilber, Arsen, Belladonna (Atropin), Blauer Eisenhut (Aconitin) etc. – prognostizierbar: Je stärker die Verdünnung, desto mehr Überlebende. 

Was nun passierte, ist angeblich ein weiterer Beleg für Hahnemanns Genialität: Er schlussfolgerte, dass die Verdünnung  weit mehr als nur eine Verdünnung war, nämlich eine positive Wirkungsverstärkung – weil ja mehr Patienten ihre Krankheit überlebten.      

Etwa das Gleiche wäre es, wenn Sie, werter Leser, nachdem Sie Ihren zu starken Kaffee mit Wasser zu Blümchenkaffee verdünnt haben, sich zur Feststellung hinreißen lassen: „Huih, der weckt jetzt aber Tote auf! – und das ganz und gar nicht ironisch meinen.  

Dass Hahnemann auf diese doch ziemlich irre Schlußfolgerung kam, zeigt deutlich, dass er der Pharmazie seiner Zeit durchaus nicht so kritisch gegenüberstand, wie in der Legende zu  seiner Person gerne behauptet wird: Der Glaube an die grundsätzliche Wirksamkeit seiner Arzneien verhinderte die naheliegendere Einsicht, dass nur die zunehmende Abwesentheit der „Arzneien“ für den „Heilungserfolg“ zuständig war. 

Es sind also auch hier Zweifel an Hahnemanns Genialität mehr als berechtigt. 

Eines großen Wissenschaftlers würdig wäre es – nach seinen zahlreichen heroischen Arzneimittelversuchen an sich selbst und seinen Schülern – gewesen, wenn sich Hahnemann mit folgenden Worten an seine Zeitgenossen gerichtet hätte:

„Freunde, Sachsen, Landsleute, es liegt etwas im Argen mit unseren Arzneien.

Ich habe festgestellt, dass dann, wenn ich das Gewölle, also die ächten Arzneyen, die wir mit höchstlöblicher Absicht unseren Siechen und Hinfälligen verabreichen, kräftig, sehr kräftig und viele Male verdünne, ein gutes Quantum mehr Menschen unseren Bemühungen um ächte Heilung standhalten.

Das, hochgeschätzte Kollegen, gibt mir zu denken, das sollte uns allen zu denken geben. Möglicherweise, und es spricht viel dafür, sind unsere Heilmittel nicht im Geringsten geeignet, ächte Heilung herbeizuführen. Möglicherweise sind wir gar keine Heilkünstler, sondern gar furchtbare Quacksalber!

Wir sollten also unsere Finger von dem Zeugs lassen, das unsere Leidgeplagten schnurstracks zum Allerhöchsten befördert, und uns wahrlich dringend damit beschäftigen, endlich herauszufinden, wie man wirklich wirksame Arzneyen erkennen kann. Denn so, Freunde und Kupferstecher, so wie wir es bisher getrieben haben, so geht´s nicht einfach nicht weiter…

Das wäre genial gewesen. Und richtig. Und konstruktiv.

Stattdessen entwickelte Hahnemann seine abwegige Idee von der Wirkungsverstärkung durch Verdünnung zum Grundprinzip seines Verfahrens weiter, garnierte die ganze Angelegenheit mit phantasievollen Begründungen, warum sich die Sache anders verhält, als bei zu starkem Kaffee, und machte sich recht schnell zum Gespött – zumindest bei denen, die schon mal den Trick mit dem Kaffee ausprobiert hatten.

An dieser Stelle bietet es sich an, zum ersten Mal über die Eltern der Homöopathie zu sinnieren: Es deutet sich an, dass die offensichtliche Wissenlücke und die durch keinerlei Faktenwissen disziplinierte Spekulation ihre Gene mit der fehlerhaften Schlußfolgerung zusammengeworfen haben. Später werden wir auch noch feststellen, dass die Patenschaft die kognitive Verzerrungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen übernommen hat. Das zusammengenommen sind die Voraussetzungen, die zur „Erfindung“ der Homöopathie führten.

Wie sehr die Homöopathie von diesen Elementen durchdrungen ist, zeigt dann der zur Legende gewordenen BigBang der Homöopathie, das legendäre Schlüsselexperiment, Hahnemanns Heureka, der Chinarindenversuch.

 

• Der homöopathische Big Bang

Zu den besonders gepflegten Mythen der Homöopathie gehört Hahnemanns Chinarinden-Versuch, der – zumindest fürs Laienpublikum – immer noch gerne zur “Geburtsstunde der Homöopathie” aufbereitet wird. Genauso könnte man aber auch vom Urknall eines Paralleluniversums sprechen.

Veranlasst durch diesen Versuch, so jedenfalls erzählt die Legende, formuliert Hahnemann das Simile-Prinzip, mit dem er der staunenden Welt erklärt, dass bestimmte (Arznei-)Stoffe, die von einem Gesunden eingenommen werden, in diesem Menschen eine Art „Kunstkrankheit“ mit entsprechenden Symptomen erzeugt. Diese Symptome sind die, die dann im sogenannten Arzneimittelbild zu finden sind.  Treten bei einem Erkrankten/einer Erkrankungen dann ähnliche/gleiche Symptome auf, ist der zuvor an einem Gesunden geprüfte Arzneistoff in der Lage, diese Symptome zu beseitigen.

Wie kommt man auf diese Idee?

In dem man, weil man selbst so recht keine wirkliche neue Idee hat, wie man den bekannten Problemen beikommt,  einfach schon bekannte Heilphilosophien aufgreift, und versucht, zwecks Bestätigung, diese mit eigenen Erfahrungen in Übereinstimmung bringt.

(Ernsthafte Widerlegungsversuche als Methode, Theorien zu bestätigen, waren damals noch nicht so „in“, dafür brauchtes es erst einen Karl Popper (3)).

Hahnemanns Legende erzählt hier üblicherweise:

Beim Selbstversuch mit Chinarinde stellte Hahnemann fest, dass er bei sich selbst durch die Einnahme von Chinarindentinktur malariaähnliche Symptome auslösen konnte.

Meist folgt dann eine kurze Beschreibung des Versuchs:

„Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimahl täglich jedesmahl 4 Quentchen gute China ein“, schreibt er und notiert sehr genau die Symptome, die er an sich feststellt: „Die Füße, die Fingerspitzen usw. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls ward hart und geschwind; eine unleidliche Ängstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schaudern), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder …“.

Die detailreiche Darstellung hat den Vorteil, sich genauer anzusehen, was Hahnemann unter dem verstand, was sonst, meist kurz angebunden, mit Malarie-Symptomen oder Malaria-Fieber, manchmal auch, wenn es ganz schnell gehen muss, nur mit Fieber  bezeichnet wird.

Nun reicht aber die Selbsterfahrung noch nicht aus, Urknalle benötigen besondere Voraussetzungen. Die noch fehlende war, dass Hahnemann auch die Wirkung der Chinarinde, besser des Chinins, als Chemotherapeutikum zu Behandlungen der Malaria, kannte. Aus Übersetzungsarbeiten waren ihm ebenfalls Ansätze zur Klärung des Wirkmechanismus bekannt. 

Damit haben wir alles zusammen!

  • Ein Medikament, des Wirkung gut bekannt war.
  • Eine offenbar paradoxe Wirkung an einem Gesunden – Hahnemann selbst.
  • Und ein Idee, mit der sich so etwas anscheinend erklären lässt.

Bumm oder Heureka! Das Ähnlichkeitsprinzip funktioniert. Endlich ein wirklich wirksames Konzept!

Die Sache hat nur einen Haken: Die Symptome, die Hahnemannn an sich selbst verzeichnete, konnten bei mehrfachen Widerholungen des Chinarindenversuchs  nicht bei einem einzigen anderen Probanten festgestellt werden. Offenbar war Hahnemann der Erste und ist bisher der Letzte, bei dem Chinarinde die Symptome auslöst, auf denen der gesamte homöopathische Kosmos ruht.

 

Der Chinarindenversuch – mal ganz ohne Legende

Chinin löst üblicherweise kein Fieber aus – ganz im Gegenteil, es wird u.a. wegen seiner fiebersenkenden Eigenschaft therapeutisch genutzt.

Wovon berichtet also Hahnemann?

Folgt man den erhaltenen Versuchsprotokollen, entwickelte er, wahrscheinlich provoziert durch seine Einnahmezyklen des Chinins in Verbindung mit dessen Dosierung, Symptome, die ihn an den Krankheitsverlauf erinnerten, der für das Wechselfieber der Malaria typisch ist. Allerdings diagnostizierte er dieses, sein  “Fieber”,  mangels Messgerät, nicht durch eine Temperaturmessung, sondern durch die Interpretation einer anderen physiologischen Erscheinungen, die mit Fieber oft einhergeht, nämlich durch einen erhöhten Puls.

Ihm blieb auch nicht anderes über, da es Fieberthermometer zu  seinen Lebenszeit noch nicht gab. Ein taugliches Thermometer entwickelte der aus England stammende Arzt Thomas Clifford Allbutt erst 1867. 

Egal ob Hahnemann fieberte oder nicht – betrachten wir trotzdem seine Symptome unter der Überlegung, was dafür spricht, dass Chinarinde bei Hahnemann kein „Kunstkrankheit“ auslöste, sondern Symptome erzeugt, die banale physiologischen Ursachen haben:

Hahnemann nahm keine Reinsubstanzen ein. Es besteht also die Möglichkeit, dass er auf er auf einen bestimmten Teil der Stoffmischung allergisch reagierte. Dass, was Hahnemann als Symptome beschriebt, sind physiologische Reaktionen, wie sie bei Allergien regelmässig zu finden sind. Es besteht also die grundsätzliche Möglichkeit, dass dass Hahnemanns “Fieber”möglicherweise das Ergebnis anaphylaktischen Geschehens ( Klick ) gewesen sei.

Weiterhin besteht die Möglichkeit, dass Hahnemann die Chinarinde überdosierte. Eine entsprechend hohe Menge an Chinin im menschlichen Organismus löst eine Methämoglobinämie aus, die auf die Oxidation des Hämoglobins durch Chinin zurückzuführen ist. Dabei entsteht aus dem zum Sauerstoff transportfähigen Hämoglobin, das nicht zum Sauerstofftransport fähige Methämoglobin. Durch den Anstieg des Methämoglobin im Blut kommt es zu einer Zyanose (O2-Mangel), die u.a. mit Schwindel, Benommenheit, Kopfschmerzen und eben der erhöhten Herzfrequenz einher geht.

Unabhängig von den vorgenannten Gründen, die für eine ganz normale Reaktion auf die Einahme einer pharmakologisch wirksamen Substanz sprechen, soll der Vollständigkeit halber noch die Möglichkeit erwähnt werden, dass zwischen den Symptomen und der Einahme von Chinarinde überhaupt kein Zusammenhang bestand: Hahnemann hätte beispielweise an einem ganz banalen grippalen Infekt leiden können, bei dem mit den gleichen Symptomen zu rechnen wäre.

Fazit: Es spricht – nach heutigem Wissenstand der Pathologie – alles dafür, dass Hahnemann keineswegs eine „Simile-Reaktion“ sprich „Kunstkrankheit“ erlebte,   sondern vielmehr heute gut bekannten physiologische Reaktionen zeigte, mit denen als Folge der Einnahme z.B. unreiner Phytodrogen oder einer Überdosierungen pharmakologischer wirksamer Substanzen zu rechnen ist.

Unabhängig von der tatsächlichen Ursache seiner Reaktionen ist jedoch, dass es, trotz mehrfacher Reproduktionsversuche, bis heute nicht gelungen ist, das Chinarinden-Experiment mit dem gleichen Ergebnis wie Hahnemann – dem von ihm beschriebenen Anstieg der Körpertemperatur – nachzuvollziehen.     

Wir können davon ausgehen, dass Hahnemann seine im Rahmen seines Versuchs  verzeichneten physiologische Reaktion – in völliger Unkenntnis der biochemischen und physiologischen Zusammenhänge – einfach falsch interpretierte. Er wusste es halt nicht besser.

Genau hier liegt ein wesentliches Problem: Die Reproduzierbarkeit eines Experiments gehört zu den ganz  wesentlichen Kriterien wissenschaftlicher Arbeit. Zumindest jeder Fachkundige muss in der Lage sein, einen Versuch unter gleichen Bedingungen mit dem gleichen Ergebnis zu wiederholen, damit dem Ergebnis eine Bedeutung zugerechnet werden kann.

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Das alles jedoch wird in den zahlreichen homöopathischen Brevieren mit keinem Wort erwähnt, was aus der Perspektive der Homöopathen durchaus verständlich ist – schließlich geht es darum, nicht den geringsten Zweifel an den Lehren des Gründervaters aufkommen zu lassen.  Und sollten die Ergebnisse des Chinarinden-Versuch möglicherweise falsch gewesen sein  – wobei „möglicherweise“ völlig überflüssig ist, wir wissen heute, dass diese falsch waren – würde dass das Ansehen Hahnemanns und das seiner Theorien schwer beschädigen.  

Homöopathen weisen, um von der offensichtlichen Fehlerhaftigkeit des homöopathischen Theoriegebäudes anzulenken, gerne auf die Akribie hin, mit der Hahnemann seine Beobachtungen aufzeichnete – und an dieser besteht kaum ein Zweifel. Aber das ist nicht das Problem, vielmehr ist es die Theoriebildung, mit der Hahnemann grandios scheiterte.  Man darf davon ausgehen, dass Hahnemann seine physiologischen Reaktionen schon so wahrgenommen hatte, wie er sie beschrieb  –  nur hätten diese nicht zu der von Hahnemann gezogenen Schlußfolgerung führen dürfen. Vielmehr noch hätten seine Erben seine Irrtümer spätestens zum Zeitpunkt korrigieren müssen, als der medizinische Wissensstand eine andere als Hahnemanns fehlerhafte Erklärung zulies.

Hier offenbart sich schon ganz zu Anfang der Homöopathie ihr fundamentales Problem, das bis heute die Diskussion um die Homöopathie bestimmt: die Unmöglichkeit der Weiterentwicklung durch die unantastbaren „Erkenntnisse“ ihres Begründers.

 

 • Hahnemanns Erben: Die Angst vor der Wahrheit

Ich hatte ja schon erwähnt, dass es mir in diesem Reader mehr darauf ankommt, die Formen von Selbst – und Fremdbetrug in der Homöopathie-Anhängerschaft anzusprechen, oder auf die kognitiven Fehlleistungen hinzuweisen, die innerhalb des homöopathischen Theoriegebäudes an allen Ecken und Enden zu finden sind.

Schauen wir uns den Chinarindenversuch unter diesem Aspekt an: Das, was Hahnemann aus seinem Selbstversuch gemacht hat, ist eine tolle Geschichte, die nur einen Nachteil hat: Sie ist ein Märchen, erfunden, falsch, zusammenphantasiert, möglicherweise auch nur ein banaler Irrtum, der sich verselbstständigt hat.  Aber was auch immer sie ist, das einzig Wahre an der Geschichte dieses Versuchs ist, dass seine Schlußfolgerungen falsch sind.

Das (ohnehin falsche) Simile-Prinzip, lässt sich mit dem Chinarindenversuch nicht belegen. 

Da auch keine andere wissenschaftliche Begründung existiert, wäre also durchaus legitim, die Homöopathie – mit dem Hinweis auf die offensichtliche Fehldiagnose – und dem auf dieser Fehldiagnose wesentlich beruhenden, ebenso falschen Simile-Prinzip –  als Blödsinn zu identifizieren, und die Angelegenheit damit ad acta zu legen.

Das Problem ist nur, dass die gesamte homöopathische Arzneilehre letztlich mit dem Simile-Prinzip begründet wird:

  • Würden sich die Homöopathen eingestehen, dass Hahnemanns Theorie auf falschen Schlußfolgerungen beruht, und schlicht Unsinn ist, müßten sie damit auch eingestehen, dass die gesamte Arzneilehre Unsinn ist – und die homöopathische Arznei immer nur Placebo war, ist, und weiterhin sein wird.
  • Sie müßten sich weiterhin eingestehen, dass, wie schon im 1. Teil angesprochen, sowohl die Arzneimittelfindung, sowohl der Herstellungsprozess, und genauso auch die Verordnung dieser Arzneien, Rituale sind, die um Placebos herum veranstaltet werden.      

Soviel Ehrlichkeit ist von Homöopathen nicht zu erwarten.

Aber gänzlich ohne Spuren ist die akademische Auseinandersetzung mit dem Chinarinden-Versuch selbst in Kreisen der Homöopathen mit wissenschaftlicher Ausbildung dann doch nicht geblieben: Anders als die homöopathische Laien-Gemeinde, die sich die Party durch wissenschaftliche Begründungen keinesfalls vermiesen läßt,  haben die wissenschaftlich orientierten Homöopathen schon länger ein echtes Problem mit dem Chinarinden-Versuch.

Wie diese jedoch mit dem Problem umgehen, will ich an einem Beispiel erläutern:

 

Frau Lochbrunner und die Chinarinde

Im Jahre 2007 veröffentlichte der KVC-Verlag (Carstens-Stiftung) die zum Büchlein gewordenen Promotion der homöopathischen Ärztin Birgit Lochbrunner Samuel Hahnemanns Chinarindenversuch von 1790 – Zankapfel im Streit um die Homöopathie?“, die gleichzeitig dafür den „Hans-Walz-Förderpreis“ für Arbeiten zur Homöopathiegeschichte erhielt.

Hauptmotiv der  Lochbrunnerschen Dissertation war es, den Chinarinden-Versuch Hahnemanns, als Schlüsselexperiment der Homöopathie soweit in seiner Bedeutung zu relativieren, dass sich einerseits der Eindruck einstellen möge, die Homöopathie wäre sich der Problematik der Hahnemanns Hypothesen wohl bewußt, es anderseits aber keinen Anlass gäbe, das Theorie -Gebäude der Homöopathie zu beschädigen.

Das ist eine klassische Quadratur des Kreises, mit anderen Worten, ein unlösbares Unterfangen: Wie soll es möglich sein, aus einem unbestreitbar falschen Ergebnis eines Schlüssel-Experiments, ein tragfähiges, universell gültiges Therapiekonzept zu generieren?

Aber Homöopathen wären nicht Homöopathen, wenn ihnen nicht gelingen würde, mit Prokrustes Methoden ( Klick ) die Realität für das Bett der Homöopathie zu konfektionieren – und schließlich, irgendwie muss sich ja auch die Preisvergabe begründen lassen. 

Frau Lochbrunner ging – ganz offensiv, ganz selbstbewußt, ganz abwegig –  einen innovativen Weg, um die Homöopathie von einer ihrer gefährlichsten Fußfallen zu befreien: Sie erklärt der erstaunt lauschenden Welt, dass der zur Erklärung des Simile-Prinzips “untaugliche” Chinarinden-Versuch, fortan nicht mehr als Schlüsselexperiment der Homöopathie angesehen werden darf, sondern als fruchtbarer (kein Schreibfehler, es war nicht „furchtbarer“ gemeint)  Irrtum,  weil das Simile-Prinzip ansonsten funktioniert.

Übersetzt heißt das:

Hey, es könnte sein, dass Hahnemann möglicherweise, eventuell, vielleicht doch ein wenig, nicht viel, aber wir können es nicht ausschließen, falsch lag.  Hahnemann hatte sich vertan. Na und, kann doch jedem mal passieren. Wir sollten deshalb den Chinarindenversuch nicht mehr so häufig erwähnen.

Aber sonst, verehrte Homöopathen-Gemeinde, ist alles gut, denn die Tauglichkeit des Simile-Prinzips, die zeigt sich auch ohne Hahnemanns Begründung jeden Tag auf´s Neue, nicht wahr? 

Gut! Belege dafür haben wir zwar keine, da macht es auch nichts, wenn noch eine Nichtbegründung wegfällt, aber wir haben unserer großartigen Erfahrungen. Für  vielfältigste Forschungsvorhaben reicht das als Begründung. Und da es kaum etwas schöneres gibt, mit den Penunzen der Carstens-Stiftung (oder besser noch mit Mitteln aus öffentlichen Forschungstöpfen)  dem unsichtbaren, rosafarbenen Einhorn nachzuspüren und dabei Berge von Papieren ohne jeden Nutzwert zu produzieren, sagen wir mal unbefangen:

Hahnemann: Flop! – Simile-Prinzip: Top! 

Außerdem liest ´s sowie keiner. Zumindest nicht die, die es interessieren sollte.

 

Ich weiß nicht, als was man Frau Lochbrunners Schrift bezeichnen soll. Vielleicht Selbsthypnose? Vielleicht Kritikimmunsierung? Vielleicht auch nur Anbiederung an die finanzkräftige Homöopathen-Lobby zum Zweck der Karriereförderung?

Was auch immer das Motiv war, Lochbrunners Dissertation ist ein Paradebeispiel eines Roten Herings; es dient nur der Ablenkung von der Frage, ob das Simile-Prinzip überhaupt mehr ist, als nur eine Phantasievorstellung.                                                     ♦

 

Fortsetzung demnächst: 

Teil 3: Die Irrtümer der Homöopathie

– Simile, Dynamisierung, Miasmen und weiterer Unfug –  

 

Endnoten:

(1) Zufällige Heilung bedeutet nur, dass der Patienten robust genug war, die Maßnahmen zu überleben, nicht jedoch, dass eine der Therapien zielführend war.

(2) „Abwartendes Offenhalten“ bezeichnet solches ärztliches Verhalten, im Falle akuter Erkrankungen zuerst einmal, natürlich unter Beobachtung des Krankheitsverlaufs, einfach abzuwarten, um zu sehen, was die Selbstheilungsmechanismen des Organismus zustande bekommen. Das ist bei vielen Erkrankungen ein durchweg sinnvolles Verhalten, weil wir davon ausgehen können, dass ein enormer Anteil unserer Gesundheitsstörungen auch ohne medizinische Intervention ausheilt.

(3) vergl. Karl Popper „Falsifikation“  ( Klick )

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2 Antworten zu Was Sie über die Homöopathie wirklich wissen sollten… Teil 2

  1. Pingback: Was Sie über die Homöopathie wirklich wissen sollten… Teil 3.2 |

  2. Mr. MIR schreibt:

    Hat dies auf FSMoSophica rebloggt und kommentierte:
    Hail Eris & Ramen.

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