Homöopathie-Forschung: Waste of time and money

Wenn man sich auf etwas in der CAM-Forschung wirklich verlassen kann, ist es die     “Send-more-money-Phrase”. Die ist in dieser direkten Form natürlich nicht in der Zusammenfassung diverser Studien zu finden – dort ist üblicherweise zu lesen: „Weitere Forschung ist nötig…“ Warum dieser Forderung, zumindest bei der Verteilung von aus Steuergeldern finanzierten Forschungsmitteln, mit Hohngelächter begegnet werden sollte, zeigt – als eines von vielen – das folgende kleine Beispiel:

Derzeit offeriert die größte deutsche alternativheilerische Lobby-Truppe, die in Essen ansässige „Karl und Veronica Carstens-Stiftung“ (KVC) einen kostenlosen Download eines Heftchens aus der Reihe „KoKo KOMPASS KOMPLEMENTÄRMEDIZIN“, einer Publikation des Vereins Natur und Medizin e.V., dem Förderverein der Stiftung. Thema dieses Spezialausgabe: Rückenschmerzen. Auf Seite 6 unter dem Stichwort „Klassische Homöopathie“ ist dort zu lesen:

 „Homöopathische Komplexmittel gegen Rückenschmerzen gibt es viele, Dr. Johannes Wilkens, ein Experte von Natur und Medizin, empfiehlt zwei Präparate: zum einen DISCI/RHUS Tox. comp® von der Firma Wala: Eine Ampulle des Medikaments, zwei- bis dreimal wöchentlich über einen Zeitraum von cirka sechs Wochen subkutan gespritzt, verbessert bei zwei Drittel der behandelten Patienten die Rückenbeschwerden. (…)“

Nun ist das angesprochene Komplexmittel DISCI/RHUS TOX. comp. keineswegs „klassische Homöopathie“, sondern anthroposophisches Gedöns in homöopathischer Aufbereitung, in dem, neben dem einen oder anderen Gift sowie hochpotenten Allergenen, auch liebevoll ausgesuchte und  überzeugende Ingredienzien wie verflüssigte Bandscheiben vom Rind und pürierte Ameisen (das ganze Tier) zu finden sind. Außerdem verstößt so ein Gemenge gegen ein Grundprinzip der genuinen Hahnemann´schen Homöopathie, nachdem nur eine einzige Substanz als passende Arznei einzusetzen sei.

Aber das sind nur Petitessen, die zur gewohnten Verarsche der alternativmedizinaffinen Klientel gehören.

Viel wichtiger ist in diesem Fall, dass wir es – ausnahmsweise – einmal mit einer alternativen Arznei zutun haben, bei deren Verordnung die Therapeuten sich nicht ausschließlich auf die äußerst bequeme Wirksamkeitsvermutung der Besonderen Therapierichtungen berufen können.

Für DISCI/RHUS TOX. comp. liegt nämlich eine, hinsichtlich ihrer Ergebnisse, sehr eindeutige Studie vor, die auch noch den besonderen Charme besitzt, nicht von böswilliger Konkurrenz aus dem Lager der Big-Pharma-Mafia oder von materialistischen Dogmatikern der kalten Schulmedizin angefertigt worden zu sein.

Durchgeführt hat diese Studie zwischen 2007 – 2008 die Frau Witt ( Klick ), aus den Mitteln der Carstens-Stiftung finanzierte Stiftungsprofessorin an der Charité, nebst Personal aus ihrem Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité ( Klick ). Aus der Sicht der CAM-Branche wohl die unverdächtigste Forscherin, die man sich denken kann.

Dummerweise hat Frau Witt aber den Begriff „Wissenschaft“ seriöser interpretiert, als es der Carstens-Stiftung lieb sein konnte. Jedenfalls stand am Ende der Studie ( Klick ) der so unschöne Satz im Raum:

“The homeopathic preparation was not superior to placebo.”

Ergänzt um den Hinweis

“Compared to no treatment injections resulted in significant and clinical relevant chronic back pain relief.” However, injection therapy was safe and a short term reduction of pain and rescue medication was achieved by subcutaneous injections of both verum and placebo when compared to no treatment. The role of local subcutaneous injections of safe substances such as water and saline solution for low back pain management should be further investigated.“

war das ein auch für die Carstens-Stiftung unmissverständliches Ergebnis, das zur Sicherheit noch einmal in deutscher Sprache wiederholt werden soll:  

„Es konnte keine Überlegenheit von Disci / Rhus toxicodendron compositum gegenüber Placebo-Injektionen bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen gezeigt werden. Allerdings war Injektions-Therapie sicher, und es konnte, verglichen mit der Kontrollgruppe ohne Behandlung, eine kurzfristige Reduzierung des Schmerzes durch subkutane Injektionen von Verum und Placebo erreicht werden. Die Rolle der lokalen subkutanen Injektionen von unbedenklichen Substanzen wie Wasser und Salzlösung (als Placebo eingesetzt; Anmerkung des Verfassers) für das Schmerz-Management bei Beschwerden im unteren Rücken sollte weiter untersucht werden. 

Es war also eindeutig: DISCI/RHUS TOX. comp. ist, hinsichtlich des Therapieziels, kein wirksames Arzneimittel, es hat keine andere Wirkung, als die, die auch ein Placebo erzielt.

Die Schlussfolgerung zum Schutz des Patienten daraus: Ab in die Tonne mit dem Zeug!

Und das selbst dann, wenn man der polarisiert diskutierten Idee der Placebo-Therapie anhängt: Denn eine Arznei, die zwar irgendwelche, möglicherweise nicht ganz unbedenkliche, Stoffe enthält, und definitiv nicht wirksamer ist, als ein echtes Placebo (im Fall dieser Studie war es eine isotonische Kochsalzlösung) bedeutet immer ein Risiko für den Patienten, für das es keine Rechtfertigung gibt.

Weiterhin sei erwähnt, dass Placebos bei der Behandlung von Beschwerden aus gesetzlichen und ethischen Gründen nur nach dem bewussten Einverständnis des Patienten eingesetzt werden dürfen. Nun war die Carstens-Stiftung – wen wundert es – mit dem Studienergebnis nicht recht zufrieden. In einem knappen Essay zur Studie konnte man dort lesen:

„Fakt ist jedoch, dass die Disci/Rhus toxicodendron compositum Injektionslösung compositum ebenso schmerzlindernd wirkte wie die Placebo-Lösung und im Vergleich zu anderen Injektionslösungen keine Nebenwirkungen aufweist. Weitere Studien zu der Wirksamkeit dieses Komplexmittels sind wünschenswert.

Diese Stellungnahme ist, schlicht gesagt, eine Unverschämtheit.

Nicht nur, dass die Anmerkung zu den Nebenwirkungen anderer Injektionslösungen, zumindest im Zusammenhang mit dieser Studie, so ganz und gar nicht nachzuvollziehen ist, weil an keiner Stelle der Studie von Nebenwirkungen der Placebo-Gabe die Rede war, sie ist eine groteske Umkehrung des tatsächlichen Studienergebnisses.

Nur die “Send-more-money-Phrase” entspricht noch dem Original aus Frau Witts Feder.

Spätestens an dieser Stelle erklärt sich der Titel dieses Beitrags: Aufwand und Einsatz von Ressourcen für Studien,

  • bei denen von vorneherein feststeht, dass nur solche Ergebnisse akzeptiert werden, die gewünscht sind,
  • bei denen es nicht darum geht, Erkenntnis zu gewinnen, sondern Ansichten bestätigt zu bekommen,
  • deren Ergebnisse – bei Nichtgefallen – entweder verschwiegen oder so umgedichtet werden, dass sie den Interessen des jeweiligen Auftraggebers entsprechen;
  • aus denen, bei negativem Ergebnis, keine Verhaltensänderungen – beispielsweise geänderte Therapieempfehlungen – resultieren;

sind nicht mehr als sinnlose Vergeudung von Zeit und Geld, was angesichts zwar dringend benötigter, aber immer knapper werden Forschungsmitteln, tatsächlich ein Skandal ist – nicht mehr und nicht weniger.   

Um auf DISCI/RHUS TOX. comp. zu sprechen zu kommen: Mit welchem Argument ließe sich auch nur einziger Euro für eine weitere Studie zur Wirksamkeit dieses Mittels rechtfertigen? Und wie verdreht im Hirn muss jemand sein, um zu fordern, dass ein Mittel, dass nicht besser als ein Placebo wirkt, weiter untersucht werden sollte?

Was aber noch wesentlich bedeutsamer ist: Offenbar interessiert es gerade die, die es angeht, nicht im Geringsten, ob ein Mittel zum Murks erklärt wurde. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Stiftung, 6 Jahre, nachdem die Wirkungslosigkeit des Mittels festgestellt wurde, den oben zitierten Unsinn verkündet.

Nachtrag: Wer nun meint, es würde sich um ein verzeihbaren Lapsus der Stiftung handeln, liegt mit Sicherheit daneben. Ein weiterer aktueller Fall in Sachen Mißachtung von Studienresultaten ist beispielsweise die „Okoubaka-Geschichte“ ( Klick , Klick ),  mit einer identischen Situation, und, pikanterweise, der ausschließlichen Beteiligung von Mitarbeitern und Angehörigen der Carstens-Stiftung. 

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Eine Antwort zu Homöopathie-Forschung: Waste of time and money

  1. Dr. Edmund Berndt schreibt:

    Das nenne ich Stil.

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