Chinarinden-Versuch? Ähhhh, naja, nicht so wichtig!

Zu den besonders gepflegten Mythen der Homöopathie gehört Hahnemanns Chinarinden-Versuch, der – zumindest fürs Laienpublikum – immer noch gerne zur „Geburtsstunde der Homöopathie“ aufbereitet wird.

So schreibt Uwe Glatz – Redaktion Via medici online – (Klick) anläßlich des 250. Geburtstages von Hahnemann im Jahr 2005:

Die erste Arzneimittelprüfung führte er 1790 in Dresden durch: Beim Selbstversuch mit Chinarinde stellte Hahnemann fest, dass er bei sich durch die Einnahme von Chinarindentinktur malariaähnliche Symptome auslösen konnte.

Auf diesem Versuch basieren alle weiteren Untersuchungen Hahnemanns.

Aber erst 1796 formulierte er erstmals das „Simile“-Prinzip in Hufelands Journal unter dem Titel „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen nebst einigen Blicken auf die bisherigen“. Im Jahr 1810 veröffentlicht er dann das berühmte „Organon der rationellen Heilkunde“, welches bis heute die Grundlage der Homöopathie bildet. (…)

 

Auch der Weg auf den Hahnemann´schen Holzpfad…

… beginnt also, wie viele andere Irrwege, mit einem ersten falschen Schritt.

Im Fall der Homöopathie heißt das, mit dem unkritischen Glauben an eine tolle Geschichte, die nur einen Nachteil hat: Sie ist ein Märchen, erfunden, falsch, zusammenphantasiert, möglicherweise auch nur ein banaler Irrtum, der sich verselbstständigt hat.

Aber was auch immer sie ist, das einzig Wahre an der Geschichte dieses Versuchs ist, dass seine Ergebnisse falsch sind.

Hahnemann meinte bei seinem legendären Selbstversuch festzustellen, dass die mehrfache Einnahme von Chinarinde bei ihm – anstatt der erwarteten (und schon zu Hahnemanns Zeit bekannten und therapeutisch genutzten) Temperatursenkung – einen Anstieg der Körpertemperatur zur Folge hatte.

Folgt man den erhaltenen Versuchsprotokollen, entwickelte er, so jedenfalls nahm er an, Symptome, die ihn, wahrscheinlich provoziert durch seine Einnahmezyklen des Chinins in Verbindung mit dessen Dosierung, an den Krankheitsverlauf erinnerten, der für das Wechselfieber der Malaria bekannt war. Allerdings diagnostizierte er dieses „Fieber“   – mangels Messgerät – nicht durch eine Temperaturmessung, sondern durch die Interpretation einer anderen physiologischen Erscheinungen, die mit Fieber oft einhergeht, nämlich durch einen erhöhten Puls.

b

Eine alternative, aber dennoch rationale Erklärung… 

… die ohne das Hahnemann´sche Fieber auskommt, bietet sich an, wenn man sich kurz damit beschäftigt, was eine entsprechend hohe Menge an Chinin im menschlichen Organismus auslöst: Eine erhöhte Herztätigkeit ist nämlich auch als Folgeerscheinung der höherdosierten Einnahme des Alkaloids Chinin bekannt. Sie entsteht im Rahmen einer Methämoglobinämie, die auf die Oxidation des Hämoglobins durch Chinin zurückzuführen ist. Dabei entsteht aus dem zum Sauerstoff transportfähigen Hämoglobin, das nicht zum Sauerstofftransport fähige Methämoglobin. Durch den Anstieg des Methämoglobin im Blut kommt es zu einer Zyanose (O2-Mangel), die u.a. mit Schwindel, Benommenheit, Kopfschmerzen und eben der erhöhten Herzfrequenz einher geht.

Im Gegensatz zu Hahnemanns Ergebnissen ist dieser Effekt in Versuchen reproduzierbar. Ähnliches gilt übrigens auch für die Annahme, dass Hahnemanns „Fieber“möglicherweise das Ergebnis anaphylaktischen Geschehens (Klick) gewesen sei.

Es spricht also – nach heutigem Wissenstand der Pathologie – sehr viel dafür, dass Hahnemann keineswegs fieberte, sondern vielmehr seine im Rahmen seines Versuchs  verzeichneten physiologische Reaktion – in völliger Unkenntnis der biochemischen und physiologischen Zusammenhänge – einfach falsch interpretierte.

Er wusste es halt nicht besser.

Akzeptiert man diese hochwahrscheinliche Möglichkeit einer falschen Deutung der Ergebnisse seiner Versuche, ist ohne weiteres erklärbar, weshalb es bisher nicht ein einziges Mal gelungen ist, das Chinarinden-Experiment mit dem gleichen Ergebnis wie Hahnemann – dem von ihm beschriebenen Anstieg der Körpertemperatur – nachzuvollziehen.

Genau hier liegt ein wesentliches Problem: Die Reproduzierbarkeit eines Experiments gehört zu den ganz  wesentlichen Kriterien wissenschaftlicher Arbeit. Zumindest jeder Fachkundige muss in der Lage sein, einen Versuch unter gleichen Bedingungen mit dem gleichen Ergebnis zu wiederholen, damit dem Ergebnis eine Bedeutung zugerechnet werden kann.

b

Auf ein Neues…

Ein aktueller Versuch  (Klick) zur Überprüfung der Hahnemann´schen Hypothesen wurde von Pharmakologen der Universität Gießen  Dr. med. Hans Joachim Krämer und Prof. Dr. med. Ernst Habermann im Jahr 1997 vor einem Auditorium durchgeführt.

Das Ergebnis dieses Versuchs entsprach nicht nur den Ergebnissen früherer Kontrollexperimente, sondern auch den Erwartungen, die gemäß des Erkenntnisstands der wissenschaftlichen Medizin prognostiziert werden konnte:

Chinin löst kein Fieber aus. Weder bei Gesunden, noch bei Kranken.

b

Und nu´?

Es wäre also durchaus legitim, die Homöopathie – mit dem Hinweis auf die offensichtliche Fehldiagnose – und dem auf dieser Fehldiagnose wesentlich beruhenden, ebenso falschen Simile-Prinzip –  als Blödsinn zu identifizieren, und die Angelegenheit damit ad acta zu legen. 

Das  Problem ist nur, dass die, die es angeht, ihre Legenden lieben –  und stecke auch noch so viel Unsinn dahinter.

Ungereimtheiten, soviel zeigt die Erfahrung in der Diskussion mit Homöopathen, fechten in der Regel weder die üblicherweise naiven Anhänger der Glaubensgemeinschaft vom wirkstofffreien Kügelchen an, noch veranlassen sie die Propheten der Glaubensgemeinschaften zum intensiven Nachdenken. Es gehört zum üblichen Immunsierungsverfahren, übrigens die einzige Immunsierung, die die Homöopathen überhaupt hinbekommen,  kritische Einwürfe zu ignorieren, vor allem dann, wenn sie von „Allopathen“ (Klick)  kommen.  

B

Unbequeme Wissenschaftsgemeinde

Aber gänzlich ohne Spuren ist die akademische Auseinandersetzung mit dem Chinrinden-Versuch dann doch nicht geblieben: Anders als die homöopathische Laien-Gemeinde, die sich die Party durch wissenschaftliche Begründungen keinesfalls vermiesen läßt,  haben die wissenschaftlich orientierten Homöopathen schon länger ein echtes Problem mit dem Chinarinden-Versuch. Allerdings reden sie nicht sehr häufig darüber, da Kritik am Gründervater in der Homöopathen-Gemeinde nicht allzu gerne gehört wird.  

So müssen sie es nicht nur weiter ertragen, dass man sich ständig (und berechtigt) über sie lustig macht (Klick), viel problematischer ist für sie, dass der Zugang zu den Töpfen wissenschaftlicher Forschungsgelder, angesichts der Datenlage der Homöopathie, ein ziemliche aussichtsloses Unterfangen ist.

Sie, die Homöopathen, sehen sich nämlich  – nach wie vor – mit dem Vorwurf  der mangelnden Wissenschaftlichkeit konfrontiert, der in erster Linie mit der Ignoranz unbequemer Fakten zutun hat. Und dieser Vorwurf wirkt schwer, wenn man an die Fressnäpfe der öffentlich geförderten Forschung kommen möchte.

B

Globulisten-Strategie gegen solcherlei „üble Nachrede“

Offenbar nagt der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit so schwer, dass die Karl und Veronika Carsten Stiftung (KVC), eine bedeutende Lobby-Truppe der Alternativmedizin,  ein Büchlein publiziert hat, dessen einziges Ziel es ist, den Chinarinden-Versuch zu relativieren (Klick).

Welch´ Rechtfertigungsdruck muss derzeit auf den Homöopathen lassten, dass sie sogar ihr „Goldenes Kalb“ zerlegen?

Aus einem anderen Zusammenhang heraus wäre nämlich das aus ihrer Dissertation hervorgegangene Büchlein der homöopathischen Ärztin Dr. Birgit Lochbrunner kaum zu verstehen.

Hauptmotiv für das Thema ihrer Arbeit war, was unüberlesbar aus dem Text hervor geht, die schon oben angesprochene, umfängliche und vernichtende  Kritik der Gießener Pharmakologen Krämer und Habermann an Hahnemanns Chinarinden-Versuch.

Und die offensichtliche Zielsetzung der  Lochbrunner´schen Dissertation ist es wohl, den kritischen Hinweis der Wissenschaftsmedizin zu entkräften, der sich – nachdem Hahnemanns Hypothesen zum Chinarinden-Fieber ins Reich der Legenden verwiesen wurde – zwangsläufig mit der Frage beschäftigt, wie wahrscheinlich es sein mag, dass ein unbestreitbar falsches Ergebnis eines Schlüssel-Experiments trotzdem ein tragfähiges, universell gültiges Therapiekonzept generiert?

Der Beantwortung dieser Frage sind die Homöopathen bisher möglichst aus dem Weg gegangen, denn sie führt auf direktem Weg Richtung Offenbarungseid. Da schweigt man dann besser, und wartet, bis sich der Fragende wieder verzogen hat. 

Frau Lochbrunner allerdings geht jetzt – ganz offensiv –  einen neuen Weg, um die Homöopathie von einer ihrer gefährlichsten Fußfallen zu befreien: Sie erklärt der erstaunt lauschenden Welt, dass der zur Erklärung des Simile-Prinzips „untaugliche“ Chinarinden-Versuch, fortan nicht mehr als Schlüsselexperiment der Homöopathie angesehen werden darf, sondern als fruchtbarer Irrtum – weil das Simile-Prinzip ansonsten funktioniert.

Belege dafür fehlen zwar,  aber deswegen – man ahnt es schon –  gibt es neue Perspektiven für vielfältigste Forschungsvorhaben. Was nichts anderes bedeutet, als mit wissenschaftlicher Methodik  weiterhin dem unsichtbaren, rosafarbenen Einhorn nachzuspüren und dabei Berge von Papieren ohne jeden Nutzwert zu produzieren.

Nachtigall, ick hör dir trapsen. 

B

Das schwarze Loch am Ende des Tunnels

Allerdings, und das ist das kleine – aber kaum zu vernachlässigende – Manko dieses Machwerks, diskutiert Frau Lochbrunner partout nicht die eigentlich wichtigen Fragen im Zusammenhang mit dem relativierten Chinarinden-Experiment:

1. Wenn schon der Chinarindenversuch nicht mehr als Schlüsselexperiment gilt, konnte dann wenigstens in einem Prüfverfahren mit einer anderen Substanz das Simile-Prinzip schlüssig bewiesen werden ?  

2. Von welcher Validität mögen wohl die Aussagen zu den tausenden von „Arzneien“ sein, deren angebliche Wirkmechanismen durch das Simile-Prinzip erklärt werden ?

b

Nachtrag 2013:

1. Ich habe schon an anderer Stelle (Klick) darauf hingewiesen, dass die Homöopathen, überhaupt die gesamte Alternativheiler-Branche, ein äußerst extravagantes Verhalten im Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen an den Tag legen.

Die allerwichtigste Regel dabei ist: Im Zweifelsfall immer für die Legende!

In der oben verlinkten, von der KVC-Stiftung publizierten Zusammenfassung Frau Lochbrunners Dissertation ist der Satz zu lesen:

„Weiterhin ist es ein Fehlschluss, Hahnemanns Selbstversuch als Arzneimittelprüfung im homöopathischen Sinne (HAMP) zu verstehen.“

An anderer Stelle:

„Der Chinarindenversuch ist keine Arzneimittelprüfung im homöopathischen Sinne.“

Diese Einsicht muetet man aber dem zu übertölpelnden Kunden nicht zu: In einem Glossar des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVHÄ) findet man im „ABC der Homöopathie“ weiterhin:

Chinarindenversuch
Hahnemanns erste Arzneimittelprüfung, die ihn zur Erforschung des Ähnlichkeitsprinzips anregte.

Wie schon gesagt: Im Zweifelsfall für die Legende!

2. Frau Dr. Lochbrunner, als ehemalige Sprecherin des Wilseder Forums, vom Beginn ihrer beruflichen Laufbahn an aufs Engste mit der Carstens-Stiftung verbandelt,  hat sich mit dem Vorwurf der Polemik – eine von Homöopathen gerne genutzte Apostrophierung homöopathiekritischer Publikationen – gegenüber den Reproduktionsversuchen der Gießener Pharmakologen Krämer und Habermann weit aus dem Fenster gelehnt.

So etwas honorieren Homöopathen gerne – beispielweise durch Preise (Klick) oder durch  eine gesicherte berufliche Existenz in einem geschützten Biotop.

So ist Frau Dr. Lochbrunner nach ihren Lehr- und Wanderjahren wieder in der Familie angekommen, was bedeutet, im Immanuel-KH in Berlin-Wannsee. Dessen Chefarzt,       Dr. Andreas Michalsen ist (welch ein Zufall) auch Vorsitzender der Carsten-Stiftung, mit der Frau Lochbrunner bekanntermaßen…

Frau Dr. Lochbrunner ist im Immanuel-Krankenhaus u.a. in der Forschung tätig. Ich bin gespannt, ob sie in diesem Hort der ganz außerordentlichen Therapien mehr hinbekommt, als nur homöopathische Geschichtsklitterung. Ihre Arbeit mit Michael Teut zum Einsatz des gefleckten Schierlings (Klick) bei Kleinhirn- und Hirnstammerkrankungen lässt allerdings mit dem Schlimmsten rechnen.

Dieser Beitrag wurde unter "Alternativ - Medizin", Homöopathie abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Chinarinden-Versuch? Ähhhh, naja, nicht so wichtig!

  1. Pingback: Süßigkeiten satt zum Geburtstag des Homöopathie-Erfinders @ gwup | die skeptiker

  2. Pingback: Homöopathie im Deutschen Museum – und beim WDR @ gwup | die skeptiker

  3. Pingback: Homöopathie und Co.: “Therapiefreiheit bedeutet nicht Therapiebeliebigkeit” @ gwup | die skeptiker

  4. Pingback: “Die Geschichte der Homöopathie” wieder bei BR-alpha @ gwup | die skeptiker

  5. Pingback: “Kreative Homöopathie”: Heilpraktikerin Antonie Peppler heilt längst Malaria!? | Ratgeber-News-Blog

  6. Pingback: Homöopathie: Der Prophet Hahnemann und seine göttlich-religiöse Heilkunst! | Ratgeber-News-Blog

  7. Pingback: ZDF stellt „sanfte Medizin“ auf den Prüfstand @ gwup | die skeptiker

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s